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Der Hochaltar der Stiftskirche ZwettlEine Neuorientierung

Skulpturengruppe Maria Himmelfahrt, Modell von J.M. Götz 1731

Der gotische Hochaltar aus Zwettl, jetzt in Adamov (Adamsthal, CZ) Foto Zavadil CZ

Stiftskirche Zwettl, Hochaltar um 1940

Altarmodell, J.M. Götz 1731, restauriert 1994/98

Hochaltar mit 20 m hohem Gerüst

Mag. R. Wittig bei Entfe3rnung der Staubablagerung

Mag. Z. Fio beim Absaugen des Staubes und Oberflächenreinigung

Inschrift aus der Entstehungszeit, bei Renovierung nachgezogen

Renovierungsinschriften 1937

Handwerkerinschriften 1846, 1937

Altarmodell, Götz 1731, die Abdrücke markieren die Position der Apostel

Rekonstruktion der ursprünglichen, barocken Aufstellung

Abnahme gebräunter Firnisschichten (von 1937)

Neues Gitter um 1850

Die im Mai 2009 von der Abteilung für Konservierung und Restaurierung des BDA durchgeführte Untersuchung des Hochaltares erbrachte neueste, überraschende Erkenntnisse über seine Restauriergeschichte und seinen derzeitigen Zustand.

Die aktuelle Bewertung des Hochaltars ergibt für die seit 2008 geplante gesamte Restaurierung und Renovierung des Kircheninneren und seiner Ausstattung neue Aspekte, die das Restaurierziel grundlegend verändern. Der größte Teil der Restaurierungsarbeiten soll 2013 abgeschlossen sein.

Die gewaltige Stiftskirche geht in ihrer architektonischen Grundkonzeption auf Bauten aus dem 14. Jh. zurück. Ein über 20 m hoher spätgotischer Flügelaltar mit Maria Himmelfahrt schmückte um 1520 den Chor der Kirche. Unter Abt Melchior Zaunagg erlebte das Stift um 1722 eine Hochblüte und wurde die Kirche und ihr Inventar umfassend barockisiert, sodass auch der gotische Hochaltar einer neuen Komposition weichen musste.
Nach etlichen Irrwegen konnten Teile des alten Altares in Adamsthal (Adamov, Tschechien) eine neue Heimat finden und wurden dort 2006/07 restauriert.
Der barocke Hochaltar wurde nach Entwürfen und Modellen von Mathias Steinl (1726), Josef Mungenast, Josef Mathias Götz 1731 errichtet (das Altarmodell von J.M. Götz wurde 1994-98 in den Amtswerkstätten restauriert). Die Ausführenden waren J. Mungenast und J.M. Götz, die Skulpturen von Götz. Der Altar hat eine Höhe von 20,5 m, ist 10,5 m breit und besitzt eine Tiefe von 5 m.
Die Altararchitektur ist überwiegend in Stuckmarmor ausgeführt, nur Bereiche der Mensa- und Tabernakelzone sind mit natürlichem Marmor belegt. Der Altar schmiegt sich in seiner Form an die gotischen Pfeiler des Chorumganges.
Die teils überlebensgroßen Skulpturen sind in sogenannter „Polierweißtechnik“ gefasst, Säume, Attribute und die Flügel der Putti und Engel sind vergoldet.
Polierweiß ist eine spezielle Fassungstechnik für weiß erscheinende Skulpturen (in Imitation weißen Carrara-Marmors) an denen feinste Kreide, mit Bleiweiß versetzt, in natürlichem Hautleim gebunden dünn über weißer Grundierung aufgetragen wird und anschließend mit Poliersteinen (Achat oder auch Tierzähne) in jedem gewünschten Glanzgrad poliert werden kann. Die Nuancierungen von Hochglanz, Mattglanz, zu Matt ermöglichen ein reiches Spiel der einzelnen Skulpturoberflächen.

Die Skulpturen des Altars sind in sechs Einheiten angeordnet:
- an der Spitze: Krone mit seitlichen Vasen, Engelsköpfen und zwei Engeln;
- in der Kalotte: Dreifaltigkeitsgruppe, von Engeln und Putten flankiert;
- vor der Attika: schwebende Maria, von Engeln und Putten flankiert;
- vor den Säulen: grünender Eichenbaum, darin ein Kruzifix mit Strahlenkranz;
- in der Sockelzone: zwölf Apostel und Grab der Maria.
- seitlich vor dem Altar: Johannes der Täufer und Moses.
Ziel der eingehenden Untersuchung, die über ein Gerüst von 9 Stockwerken vorderseitig und rückseitig durchgeführt wurde, waren Erkenntnisse zu Erhaltungszustand, originalem Fassungsaufbau, späteren Veränderungen (formal wie auch im Fassungsaufbau) und die Entwicklung eines Restaurierkonzeptes.
Erst im Laufe der vierwöchigen Untersuchung in einem vierköpfigen Team kristallisierten sich tiefgreifende Veränderungen heraus, die besonders in einer umfangreichen Renovierungsphase zwischen 1847 und 1889 durchgeführt wurden. Zu dieser Zeit wurde das gesamte Inventar der Kirche renoviert und großteils umgearbeitet. Inschriften der verschiedensten Gewerke an Wänden, im Gewölbe und an Altarskulpturen geben Zeugnis der Bearbeitungen von 1732 bis 1937.
Am Hochaltar waren massive, auch kompositionsverändernde Maßnahmen vor Allem in der Zone der Apostel, des Baumes, des Tabernakels und an den rückwärtigen Ziergittern festzustellen.
So kann zusammenfassend von einer völligen Konzeptänderung des Altares im 19. Jh. gesprochen werden.
Ursprünglich war der barocke Altar auch auf eine Betrachtung von der Rückseite aus ausgelegt (Alle Skulpturen sind rundum in einheitlicher Qualität gefasst). Zudem war die Komposition auf eine rückwärtige Durchleuchtung von den Fenstern mit durchsichtiger barocker Verglasung ausgelegt.
Dies hat sich im 19. Jahrhundert mit dem Einbau bunter, historisierender Fenster grundlegend verändert. Dichte Gitter schließen den Altar zum Chorumgang ab, der Baum wurde in seinem Blattwerk verdichtet, auf den marmornen Tabernakelaufsatz wurde ein großer Sarg gestellt und die Apostel, die ursprünglich auf dem Tabernakel Platz fanden, wurden zwischen den Pfeilern neu gruppiert.
Diese Kompositionsänderungen wie auch eingehende Behandlungen der Fassungsoberflächen sind heute nicht mehr in die Zeit des Barock rückführbar, der Altar strahlt zwar noch barocken Charakter aus, dennoch weist die Zeitenschiene auf die Veränderungen des 19. Jh.
Im Allgemeinen präsentiert sich der Altar in einem ausgezeichneten Erhaltungszustand. Vereinzelt treten Schäden im Stuckmarmor und Marmor auf, hervorgerufen durch auftretende Kondensfeuchte. Die Skulpturen zeigen, ausgenommen am Baumstamm, keinerlei Insektenbefall am Schnitzholz aus Linde. In einigen Bereichen ist die zum Teil mehrlagige „Polierweißfassung“ gelockert oder bildet Blasen und kleine Ausbrüche. Eine durchgängige Oberflächenverschmutzung und teils stärkere Verrußung hat die weißen Figuren nachgedunkelt. Im Bereich des Tabernakels haben dicke, gebräunte Firnisüberzüge aus jüngerer Zeit das Erscheinungsbild der farbigen Fassung grundlegend verändert.
Für die Untersuchungen und die Ausarbeitung der Befundergebnisse wurden mehr als 700 Stunden aufgewendet. Die Kosten von € 18.000.- hat das Denkmalamt übernommen.
Im Werkstättenteam unter der Leitung von Mag. Franz Höring waren die freiberuflichen RestauratorInnen Mag. Zea Fio, Lucie Pieri, Mag. Ralf Wittig tätig.

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