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„Ich bin mit aller Hochachtung der Bruderliebe treuverbundener Bruder…“ – Unterschutzstellung eines österreichischen Freimaurerbriefes Alois (Aloys) Blumauer: (Wien 1755 – 1798), eigenhändiger Brief mit Unterschrift und Datierung „5. 12. 5785“ (1785), 2,5 Seiten, 8vo.

Brief Aloys Blumauer

eh. Brief Aloys Blumauer vom 5.12.5785 (1785), 2,5 Seiten © Dorotheum Wien

Brief Aloys Blumauer

Brief Aloys Blumauer, Detail © Dorotheum Wien

Aloys Blumauer (1755-1798)

Aloys Blumauer (1755-1798), zeitgenössische Darstellung © Public Domain

Kaiser Franz I. Stephan von Lothringen und seine Gemahlin Maria Theresia

Peter Kobler von Ehrensorg, Doppelporträt Kaiser Franz I. Stephan von Lothringen und seine Gemahlin Maria Theresia, 1746, St. Florian, Augustinerchorherrenstift © BDA

Kaiser Joseph II.

Kaiser Joseph II. © Mozart Forum

Joseph II. bei einem geheimen Studentenverbund, nach 1788

Joseph II. bei einem geheimen Studentenverbund, nach 1788 © Wien Museum

Innenansicht der Wiener Loge "Zur neugekrönten Hoffnung", um 1786

Innenansicht der Wiener Loge "Zur neugekrönten Hoffnung", um 1786 © Wien Museum

Schurz Voltaires, um 1778

Schurz Voltaires, um1778 © Paris, Musée du Grand Orient de France

Nachgebaute Loge im Freimaurermuseum auf Schloss Rosenau

"Der Tempel von Rosenau" - nachgebaute Loge im Freimaurermuseum Schloss Rosenau (NÖ) © Freimaurermuseum Rosenau

Nacht

Nacht - zeitgenössische Satire auf die Freimaurerei, 1738 © Museum Grootoosten der Nederlanden

„Werthester Ordensbruder!
Ich habe ihre angenehme Zuschrift vom ersten des zwölften erhalten, und daraus mit Vergnügen das wohlthätige Unternehmen ersehen, das Sie zum Besten der Armen ihrer Stadt vorhabe (n).

Ich erkenne darin ganz den wohlthätigen Geist ihrer sehr ehrwürdigen # (Geheimcode für „Loge“) und werde es mir zum wahren Vergnügen nehmen, zu einem so verdienstvollen Unternehmen in meinem Kreise als Werkzeug mitwirken zu können….“
Mit diesen Worten beginnt der Brief des österreichischen Freimaurer-Schriftstellers Alois Blumauer an Anton Graf Belcredi, den Großmeister der Brünner Loge „Zu wahren vereinigten Freunden“ vom 5. Dezember 1785, in dem er die Verbreitung des „Journals für Freymaurer“ thematisiert. Er selbst führe die Subskriptionslisten für die Abonnenten der Zeitschrift und hoffe, dass die „Bereitwilligkeit der Brüder und Profanen dem Eifer entsprechen möge“, mit welchem er selbst dem „wohltätigen Unternehmen“ diene.

Alois Blumauer – Dichter und Freimaurer
Alois Blumauer wurde am 22.12.1755 als Sohn eines „Gschmeidlers“ (Klein-Eisenwarenhändlers) in Steyr in Oberösterreich geboren. Nach dem Besuch des örtlichen Jesuitengymnasiums sollte er eine kirchliche Karriere einschlagen, der von ihm gewählte Orden der „Societas Iesu“ in Wien wurde jedoch bereits ein Jahr später aufgehoben. So begann Blumauer das Studium der Philosophie und wurde über Joseph von Sonnenfels als Hauslehrer an verschiedene wohlhabende Familien vermittelt. Auf seine ersten schriftstellerischen Arbeiten wurde Gottfried van Swieten, der Direktor der Hofbibliothek, aufmerksam, der ihm 1780 eine Anstellung in den Magazinen der Hofbibliothek verschaffte. Verbunden mit dieser Tätigkeit waren seit 1782 auch die Agenden eines Zensors, die Blumauer allerdings nur sehr oberflächlich wahrnahm.
So blieb ihm ausreichend Zeit für schriftstellerische und journalistische Tätigkeiten. Seit 1781 gab er (anfangs zusammen mit J. F. von Ratschky) den „Wiener Musen-Almanach“ in der Tradition des Pariser „Almancs des muses“ heraus, 1782 – 1784 redigierte er die „Realzeitung“, in der aufklärerische, bisweilen revolutionäre Ideen publiziert wurden. 1782 wurde er, wahrscheinlich über Vermittlung Joseph von Sonnenfels’, in die Loge „Zur wahren Eintracht“ aufgenommen, für die er unermüdlich Gedichte und Kantaten hervorbrachte. 1784 – 1786 fungierte er außerdem als Redakteur des bereits erwähnten „Journals für Freymaurer“, das zum wichtigsten Periodikum der Freimaurerei in den österreichischen Ländern werden sollte. Mit dem beinahe gleichaltrigen Wolfgang Amadeus Mozart, der seit 1784 der Loge „Zur Wohltätigkeit“ angehörte, verband ihn ein gemeinsames Werk: „Das Lied der Freiheit“. Internationale Berühmtheit erlangte er mit seiner Nachdichtung der Äneide („Virgil’s Aeneis, travestirt“, entstanden 1783 – 1786), einer parodistischen Auslegung des klassischen Themas im Sinne der Aufklärung. Alois Blumauer wird heute zu den wichtigsten Vertretern der Aufklärung in Österreich gezählt.

Die Freimaurerbewegung in Österreich
Der Brief vom 5. Dezember 1785 dokumentiert die Korrespondenz zwischen der Wiener und der Brünner Loge, ist aber darüber hinaus auch geschichtlich von besonderer Bedeutung, fällt er doch genau in die Zeit einer großen politischen Wende. Vorausgeschickt sei, dass die ersten Logen in Wien zur Zeit der Regentschaft Maria Theresias gegründet wurden (1740 – 1780). Die Monarchin empfand zwar persönlich keine Sympathie für die „königliche Kunst“, duldete diese aber eine Zeit lang aus Rücksicht auf ihren Ehemann Franz Stephan von Lothringen, der selbst seit 1731 als „hochrangigstes Mitglied“ und „oberster Maurer“ einer Loge angehörte und seit 1745 die römisch-deutsche Kaiserkrone trug. Im Zeitraum von 1745 – 1770 formierten sich in Wien und in den Kronländern nun fast explosionsartig zahlreiche neue Logen, darunter etwa die Loge „Aux Trois Coeurs“, „Die Freigebigen“, „Zur Hoffnung“ und die aus heutiger Sicht prominenteste Loge „Zur Wahren Eintracht“, der auch Alois Blumauer angehörte. 1764, kurz vor dem Tod Franz Stephans, wurden alle Logen im Reichsgebiet offiziell geschlossen. Die Logenarbeit konnte also nur noch im Geheimen erfolgen.

Die Wende unter Josephs II.
Als 1780 Maria Theresias Sohn Joseph als Joseph II. die Alleinregentschaft antrat, bedeutete dies für die Freimaurerei in Österreich eine neue, glanzvolle Ära. Erstmals wurde in allen Ländern der Monarchie die Freimaurerei eine öffentliche, allseits geduldete Einrichtung, mit deren Ideen und Anliegen sich auch der reformfreudige Kaiser weitgehend identifizierte. Die Anzahl der Logenmitglieder wuchs rasant an und rekrutierte sich zunehmend auch aus den bürgerlichen Schichten. Schriftsteller, Musiker, Philosophen und Persönlichkeiten der Politik und Wissenschaft schlossen sich den Logen an und versuchten mit ihrem Engagement die Gesellschaft zu verbessern. Der bereits genannte Joseph von Sonnenfels erzielte mit seinem Einsatz schließlich sogar die Abschaffung der Folter.

Das Handbillet vom 11. Dezember 1785
Die liberale Haltung des großen Reformators währte allerdings nur kurze Zeit: Am 11. Dezember 1785 verfasste Joseph II. das berühmte „Handbillet“, in dem er die Wiener Logen zwang, sich auf höchsten drei Sammellogen zu verringern, deren Mitgliederzahlen nicht höher als jeweils 180 sein durften. Das Billet wurde am 21.12.1785 in der „Wiener Zeitung“ veröffentlicht und bewirkte eine dramatische Verschlechterung der Freimaurerei in der gesamten Monarchie: Viele Brüder verloren ihre Zugehörigkeit, andere wollten in den Logenlisten nicht mehr namentlich aufschienen, zumal diese als Register bei den Behörden hinterlegt werden mussten. Das Spitzelwesen setzte erneut ein. Zugleich flammten böse Unterstellungen und Verleumdungen auf, die im Verdacht gipfelten, die österreichischen Freimaurer bereiteten eine der französischen Revolution vergleichbare Erhebung in der Monarchie vor. Die Beweggründe für die Entscheidung des Monarchen dürften wohl mit der rasanten Ausbreitung der „königlichen Kunst“ und ihres wachsenden Einflusses auf das politische und geistige Leben Österreichs zu erklären sein,- Joseph II. war bei all seinen Überlegungen und Entscheidungen immer auf seine eigenen Vorrechte bedacht. Das Edikt wurde sehr restriktiv ausgelegt: Man reduzierte die Sammellogen auf nur zwei, nämlich die „Zur Wahrheit“ und die „Zur neugekrönten Hoffnung“ (Beschluss der Deputierten vom 24.12.1785). Damit war die Epoche der Freiheit und Transparenz beendet, das Freimaurertum musste sich zunehmend wieder mit einem Dasein im Geheimen begnügen.

Das Ende der liberalen Ära
Auch Alois Blumauer musste kurz darauf seine schriftstellerische Tätigkeit aufgeben. Die Redaktionsarbeit für das „Journal“ stellte er bereits 1786 ein, 1793 legte er sein Amt an der kaiserlichen Hofbibliothek nieder und übte fortan den bürgerlichen Beruf eines Buchhändlers aus. Alle seine Schriften wurden verboten. 1794 musste er seine Logenarbeit offiziell niederlegen und wurde als „Jakobiner“ verfolgt. Alois Blumauer starb 42-jährig, verarmt und verbittert, am 16.3.1798 an Lungenschwindsucht in Wien. Der Standort seines Grabes am St. Marxer Friedhof ist heute nicht mehr bekannt.

Den Brief an Graf Belcredi hatte Alois Blumauer im Dezember 1785 noch im zuversichtlichen Glauben an eine freiere, gerechtere Gesellschaftsentwicklung innerhalb der Habsburger Monarchie verfasst. Er wird heute als unikales handschriftliches Quellenmaterial zu einem dürftig dokumentierten Kapitel der österreichischen Geschichte betrachtet. Die Unterschutzstellung erfolgte im Zuge eines Ausfuhrverfahrens.




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