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Entdeckung in Salzburg
Kentauren- und Tierkampf-Wandgemälde kehren in den Hellbrunner Carabinierisaal zurück

"Der Kampf der Lapithen und Kentauren"

Werkstättenleiter Dr. Danzl, Vizebürgermeister Preuner und Landeskonservator HR Gobiet bei der Präsentation der Gemälde

"Der Kampf der Seekentauren"

Am 25. Juli 2007 wurden der Öffentlichkeit im Salzburger Schloss Hellbrunn die 1990 wieder entdeckten großformatigen Kentauren- und Tierkampf-Wandgemälde aus dem 16. Jahrhundert präsentiert, die in den vergangenen Jahren in den Werkstätten des Bundesdenkmalamtes in Wien restauriert worden waren.

Kopien von Raffael-Schüler
„Die in Öl auf Leinwand gemalten Bilder sind vergrößerte Kopien von Wandfriesen, die der berühmte Renaissancemaler und Raffael-Schüler Giulio Romano (1499-1546) in Mantua malte“, erklärte Thomas Danzl, Leiter der Wiener Restaurierwerkstätten des Bundesdenkmalamtes. Erzbischof Markus Sittikus (1612-1619) hatte sie als Geschenk erhalten oder erworben. Aus unbekannten Gründen waren sie vor etwa 50 Jahren abgenommen und ins Salzburger Museum Carolino Augusteum zur Restaurierung gebracht worden.

Selbstmordversuch lieferte Hinweis
Dort wurden sie jedoch nur deponiert, und zwar auf dem Dachboden des in der Bürgerspitalskirche eingerichteten Spielzeugmuseums. Erst als sich 1990 ein Selbstmörder -ungewöhnlicherweise mit dem Auto - vom Mönchsberg stürzte, wurden die Friese wieder entdeckt: Das Auto des Lebensmüden durchschlug das Dach. Der Mann fand sich, Ironie des Schicksals, schwer verletzt in einer Sammlung eiserner Grabkreuze wieder. Daneben lagerten die auf großen Zylindern aufgerollten Hellbrunner Bilder.

In den letzten eineinhalb Jahren wurden die Ölbilder in den Werkstätten des Wiener Denkmalamtes von einem dreiköpfigen Team unter Leitung von Manfred Koller und Michael Vigl sorgfältig restauriert.

Manieristisches aus Mantua
Die Hellbrunner Wandfriese gehen auf ein Hauptwerk des Manierismus zurück, den von Giulio Romano für die Gonzaga geschaffenen Palazzo del Te in Mantua. „Sie sind eine qualitätvolle Nachschöpfung der kleineren Wandfriese in der Camera delle Aquile des Palazzo“, so der Salzburger Landeskonservator Ronald Gobiet. Vermutlich im dritten Viertel des 16. Jahrhunderts als Teil einer Festdekoration in Mantua entstanden, wurden sie von Erzbischof Markus Sittikus für die Dekoration seines manieristisch inspirierten Lustschlosses Hellbrunn Anfang des 17. Jahrhunderts verwendet.

Die Abweichung von den klassischen Normen und Idealen oder deren Überzeichnung sowie intellektuelle Spielereien und Anspielungen sind Grundprinzipien des Manierismus. Die für die manieristische Malerei typischen Merkmale wie graphische Qualitäten, das Interesse an Körper- und weniger an Raumdarstellungen, verzerrte oder übersteigerte Proportionen, Missachtung der Perspektive, Figurenfülle, dynamische Verrenkungen oder grelle Farbkontraste sind neben erotischen Akzenten und der Betonung des Grotesken bzw. Hässlichen (Ungeheuer, Fantasie- und Fabelwesen) am Hellbrunner Zyklus abzulesen.

Scham der Frauen verhüllt
Die in Öl auf Leinwand gemalten Friese zeigen den Kampf der See-Kentauren (ca. 5,5 x 2 m), einen Tierkampf (ca. 11,5 x 2,3 m) und der Kampf der Lapithen und Kentauren (ca. 8,3 x 2,2 m). Die originalen Bildträger setzen sich aus horizontal vernähten Leinwandbahnen, mit Webbreiten bis maximal 95 bis 98 cm, zusammen.

Die besonders dynamische Malerei wurde durch spätere Hinzufügungen kaum verfremdet. Auf dem Fries das den Kampf der Lapithen und Kentauren darstellt, wurden die Schambereiche der Frauen, im Gegensatz zu Mantua, mit nachträglich hinzugefügten Tüchern verhüllt. Laborproben aus diesen Bereichen zeigen, dass die Farbe der Übermalung in das Craquele der bereits gealterten Malerei eingedrungen ist.

Mehrfache Montagen
Die als flächenfüllender Wandschmuck konzipierten Friese könnten ursprünglich auch andere Räumlichkeiten in Hellbrunn geschmückt haben. So verwiesen Nagellöcher, beschnittene Bildkanten, sich abzeichnende Zier- und Spannrahmenkanten sowie zahlreiche Löcher und Risse innerhalb der Bildflächen auf wiederholte Montagen hin, eine vertikale Naht in der Mitte eines der Gemälde auf veränderte Raumzusammenhänge.

Die mit spannungsreichen Leimen angeklebten Flicken wurden bei der Restaurierung abgenommen und die Deformationen der Leinwände behoben. Die vielen Löcher wurden mit Leinwandintarsien geschlossen, die Bildkanten um Spannränder erweitert. Durch die schonende Reinigung blieben die alten Überzüge (historische Ölfirnisreste) erhalten. Die Fehlstellen abgeplatzter Malschichten wurden exakt gekittet und retuschiert, abschließend ein dünner ausgleichender Firnis aufgetragen.

Das große Format der Gemälde bedingte, dass die Friese für den Transport abgespannt, gerollt und erst vor Ort, in Schloss Hellbrunn, wieder aufgespannt wurden.

Von Seiten der Stadt Salzburg bedankte sich Bürgermeister-Stellvertreter Harry Preuner für die hervorragende Zusammenarbeit beim Bundesdenkmalamt, das die Hälfte der Restaurierungskosten von 66.000 Euro übernahm.



Die detaillierten Dokumentationsunterlagen liegen im Bundesdenkmalamt, Abteilung für Konservierung und Restaurierung unter W 9311-13 auf. Beauftragte Restauratoren: Mag. I. Kaffl, Mag. J. Bartl, Amtsrestaurator W. Martin, betreut durch Dr. M. Koller und Mag. M. Vigl, Beratung und Analysen durch das BDA Labor, Dr. H. Paschinger und Dr. R. Linke.

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