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"Seine Werke haben die Wucht des Archaischen und die Spannung unserer stärksten Instinkte" (Elias Canetti)Zum 100. Geburtstag von Fritz Wotruba (1907 - 1975). Unterschutzstellung einer Steinskulptur aus Wiener Privatbesitz

"Der Sitzende", Kalkstein, entstanden 1946/47, Werkverzeichnis Otto Breicha Nr. 121, Privatbesitz, derzeit im Wiener Antiquitätenhandel © KHM, Verein der Freunde zur Erhaltung und Betreuung des künstlerischen Nachlasses von Fritz Wotruba

Fritz Wotruba und

Fritz Wotruba und "Der Sitzende", 1946/47 © KHM, Verein der Freunde zur Erhaltung und Betreuung des künstlerischen Nachlasses von Fritz Wotruba

"Der Sitzende" © Galerie Hassfurther

"Der Sitzende" © Galerie Hassfurther

Stehende

Stehende "Weibliche Kathedrale", 1946, Kalkstein, Privatbesitz © KHM, Verein der Freunde zur Erhaltung und Betreuung des künstlerischen Nachlasses von Fritz Wotruba

Sitzende Figur

Sitzende Figur "Der Denker", 1948, Kalkstein, Privatbesitz © KHM, Verein der Freunde zur Erhaltung und Betreuung des künstlerischen Nachlasses von Fritz Wotruba

Elias Canetti, Lucy und Fritz Wotruba in Rust am Neusiedlersee, 1955

Elias Canetti, Lucy und Fritz Wotruba in Rust am Neusiedlersee, 1955 © Sonderzahl Verlag

Im Dezember 1945 kehrte Fritz Wotruba aus dem Schweizer Exil in seine Heimatstadt Wien zurück und übernahm die Meisterklasse für Bildhauerei an der Akademie der bildenden Künste. Nach sieben Jahren Emigration bedeutete diese Rückkehr für den inzwischen 38- jährigen Künstler einen völligen Neubeginn.

Es mangelte an allem, an der Akademie wie im praktischen Leben, für größere Skulpturen gab es keine Aufraggeber. Dennoch schuf sich der „unerbittlich Ringende“ innerhalb weniger Jahre eine Position als einer der bedeutendsten Bildhauer Europas und als Hauptmeister der Moderne schlechthin. Wotrubas Wohnung in der Seilergasse im 1. Bezirk wurde ein wichtiger Treffpunkt für Künstler, Musiker, Schriftsteller und Studenten, die der Nachkriegs-Tristesse entfliehen wollten und Auswege aus der kulturellen Leere der Stadt suchten.

Seine erste große Arbeit nach der Rückkehr, die 1946 entstandene Steinskulptur „Große Stehende“, betitelt auch „Weibliche Kathedrale“, wurde zum Sinnbild des zerstörten und wiedererstandenen Stephansdoms und ein Hoffnungsträger für eine ganze Generation.

In dieser Zeit des Neubeginns, die den stilistischen Wandel im Schaffen Wotrubas einleitete, entstand auch „Der Sitzende“, eine bereits mehrmals auf Ausstellungen gezeigte lebensgroße Steinfigur aus Privatbesitz, die schon deutlich Merkmale der nun einsetzenden formalen Reduktion trägt: Auf einem Felsblock hockt eine männliche Figur in gebeugter Pose, die Beine angewinkelt, die Arme lose auf den Knien aufliegend. Der blockhafte, beinahe würfelige Kopf ist gesenkt, die Gesichtszüge auf einen leichten Nasenvorsprung und Augenschlitze beschränkt. Trotz Stilisierung und Vereinfachung ist der „nach innen gerichtete Blick“ spürbar, eine Konzentration und Versenkung in die eigene Mitte. Die Durchgestaltung des Körpers ist eine vage, grobe, sie deutet an, verzichtet aber auf präzise Ausformung. Bestehen bleibt der Eindruck des Unvollendeten, ohne dass jedoch ein Detail hinzuzufügen wäre. Der „Sitzende“ stellt – wie viele der reiferen Wotruba-Figuren – nicht ein Individuum dar, sondern einen „Archetypus“, ein zeitloses Wesen, das mit Urkräften ausgestattet ist und somit Gewalt und Zerstörung zu überleben vermag. Somit verkörpert die Skulptur eine Botschaft, die bis heute nicht an Aktualität und Gewicht verloren hat. Sie ist ein geschlossenes Werk, das trotz Monumentalität und Schwere auch eine gewisse Sensibilität besitzt.

Der 1948 entstandene „Denker“ (WV 128, Kunsthaus Zug) - eine in ihrer Pose ähnliche Arbeit - führt die Stilisierung mit kubischen Formelementen weiter, sodass die kantig-blockhafte Grundstruktur des Steins zum eigentlichen Ausdrucksträger wird. Die Arme sind mit dem Rumpf verschmolzen, die Rundung von Rücken und Beinen einer strengen geraden Kante gewichen. Vergleichsweise wirkt die oben genannte „Große Stehende“ von 1946 (WV Nr. 117, Kunsthaus Zug) trotz fehlender Arme sinnlich weich und lebendig, da jede Rundung auf die Anatomie des weiblichen Körpers Bezug nimmt. Der „Sitzende“ wird um 1946/47 datiert, nimmt also eine Mittelstellung zwischen den beiden sehr markten Hauptwerken ein und lässt den kontinuierlichen, aber radikalen Prozess der geometrischen Stilisierung hin zur Abstraktion deutlich sichtbar werden. Er darf jedoch keinesfalls nur als „Übergangswerk“ im Sinne eines Wegbereiters betrachtet werden, sondern als eine reife, eigenständige Komposition von spröder Sinnlichkeit und sensiblem Charme, die wie alle großen Werke Wotrubas die „Wucht des Archaischen und die Spannung unserer stärksten Instinkte“ besitzt. (Zitat Elias Canetti. Essay über Fritz Wotruba, 1954) Inhaltlich gesehen ist der „Sitzende“ eine Darstellung des suchenden und sich besinnenden Menschen, ein Bildnis der Einsamkeit, aber auch der Hoffnung.

Die denkmalgeschützte Skulptur wird derzeit im Wiener Antiquitätenhandel zum Kauf angeboten.

Den Werken Fritz Wotrubas aus der Zeitspanne von 1927 bis 1949 ist derzeit auch eine Ausstellung mit dem Titel „Fritz Wotruba. Einfachheit und Harmonie“ im Belvedere gewidmet.


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