Zur Navigation springen |Zum Inhalt springen
 
 

Entdeckungen in der GozzoburgDie Stadt Krems erhält einen neuen Schatz aus dem Mittelalter

Biphorienfenster der Loggia

Das Biphorienfenster der Loggia wird wieder zusammen gebaut.

Blick in die Katharinenkapelle

Katharinenkapelle, Ostwand mit Apsis und Triumphbogen nach dem Entfernen der Zwischendecken und -wände und vor dem Einbau der Spolien des Maßwerks

Schlussstein

Katharinenkapelle, Schlussstein im Gewölbe der Apsis

Wandmalereien im ehemaligen Turmzimmer

ehemaliges Turmzimmer, in den Gewölbezwickeln entdeckte Wandmalerei, die einen Zug von Kriegern darstellt, 2. Hälfte 13. Jahrhundert

Jonasszene in der Torturmkapelle

Torturmkapelle, Wandmalereifeld mit Jonasszene, 2. Hälfte 13. Jahrhundert, an der Nordwand

Im Zuge der Sanierung der Gozzoburg entdeckte man faszinierende Kunstschätze aus dem Mittelalter, darunter den ältesten profanen Wandmalereizyklus Ostösterreichs.

Seit der Aufdeckung ihrer Loggienfassade im Jahre 1958 gilt die Kremser Gozzoburg als eines der prominentesten mittelalterlichen Gebäude Österreichs. Im Zuge der seit dem Frühjahr 2006 laufenden Generalsanierung der Gozzoburg wurde eine umfassende Bauuntersuchung beauftragt, welche eine detaillierte Darstellung der Bau- und Besitzergeschichte und die kunsthistorische Analyse aller relevanten Ausstattungen zum Gegenstand hat (Günther Buchinger, Paul Mitchell, Doris Schön, Helga Schönfellner-Lechner). Die hier in Kurzfassung vorweg dargelegten Ergebnisse werden im Rahmen eines gesonderten Heftes der Österreichischen Zeitschrift für Kunst und Denkmalpflege gemeinsam mit Berichten der Restauratoren publiziert werden. Vorgesehen ist auch, dass in einen Teil der Räume ab 2008 das Landeskonservatorat für Niederösterreich des Bundesdenkmalamtes einziehen soll.
Ein spätromanisches, L-förmiges Gebäude aus der Zeit nach 1235 bildet den Kernbau der Gozzoburg mit einem Hocheinstieg und drei erhaltenen Rundbogenfenstern. Nach der Übernahme dieses Hauses durch den Kremser Stadtrichter Gozzo in den späten vierziger Jahren des 13. Jahrhunderts wurde der Kernbau in drei Phasen zu einer ansehnlichen Palastanlage ausgebaut. In den fünfziger Jahren errichtete Gozzo in seiner Funktion als Stadtrichter einen Saalbau zum Hohen Markt mit einer ebenerdigen Pfeilerloggia, einem Gerichtssaal im Obergeschoß und einer anschließenden kleinen, kreuzrippengewölbten Kapelle sowie einen kleinen Wohntrakt westlich des Kernbaus mit einer Rauchküche, einer Latrine und Wohnräumen. In den sechziger Jahren folgte im Osten des Areals die Erbauung der zunächst freistehenden Katharinenkapelle, die mit ihrem hohen, sternrippengewölbten Raum im Obergeschoß einen turmartigen Baukörper bildete. Nach dem Aufstieg Gozzos zu einem der mächtigsten Gefolgsmänner des Landesfürsten ließ der Bauherr schließlich einen Turm östlich des Kernbaus und einen ansehnlichen Palas als Verbindung zur Katharinenkapelle errichten. Damit war im Wesentlichen die heutige Bausubstanz der Gozzoburg entstanden - in den folgenden Jahrhunderten, als das Gebäude zunächst zwischen dem Landesfürsten und der Stadt Krems und schließlich auf bürgerliche Besitzer aufgeteilt war, folgten nur geringfügige Zubauten (etwa ein spätgotischer und ein renaissancezeitlicher Arkadenhof) bzw. einige die Bausubstanz verunklärende Veränderungen, wie der Einzug eines spätgotischen und eines renaissancezeitlichen Gewölbes im Turm und in der kleinen Kapelle, der Umbau des Gerichtssaales in zwei Wohngeschoße nach 1800, ferner ab 1824 die Abtragung der oberen Turmgeschoße und des Gewölbes der Katharinenkapelle sowie der Einbau von zwei Wohngeschoßen in den verbleibenden Kapellenraum.
Ein Ziel der Generalsanierung der Gozzoburg ist die Rückgewinnung der Innenräume des 13. Jahrhunderts, deren bedeutende Ausstattungen nun im Zuge des Abbruchs der späteren Einbauten teilweise aufgedeckt werden konnten. Der Gerichtssaal offenbart sich heute wieder als hoher Raum mit originaler Holztramdecke und einer gemalten Wappengalerie über den Biforien, deren Gewände mit Spolien, die in den abgebrochenen Zwischenwänden aufgefunden wurden, ergänzt werden konnten. Die benachbarte Torturmkapelle gab in der Beschüttung des abgetragenen Zwischengewölbes die Dienste mit Kapitellen und ein Wandmalereifeld mit der Jonasgeschichte frei. In der Beschüttung über dem spätgotischen Gewölbe, das in den Turm eingezogen wurde und erhalten bleibt, entdeckte man einen Wandmalereizyklus von höchster künstlerischer Qualität, der das Jüngste Gericht und mehrere weltliche Szenen umfasst, die gemeinsam mit den Wappen im Gerichtssaal die ältesten bislang bekannten profanen Wandmalereien in Ostösterreich darstellen. Die Erforschung der Ikonographie und der stilistischen Bezüge der bereits sichtbaren Teile ist derzeit im Gange. Die Fresken unter dem Gewölbe sowie an den Wänden der beiden Kapellen befinden sich noch unter Putz – eine komplette Freilegung dieser bedeutenden Malereien wäre allerdings sehr wünschenswert. Beim Abbruch der Zwischenwände in der Katharinenkapelle und beim Entfernen diverser Vermauerungen wurden weiters insgesamt fast 800 Spolien aus Werkstein und Formziegel aufgedeckt, wovon die Mehrzahl aus der Katharinenkapelle stammt. Dabei handelt es sich um Teile der Sitznischen, der Wanddienste, der Fenstergewände, des Maßwerks und des Rippengewölbes samt Schlussstein. Die Tatsachen, dass die hohe Anzahl an Spolien die exakte Rekonstruktion des Raumes auf wissenschaftlicher Basis erlaubt und dass die Kapelle mit ihren weiten zwei- und dreibahnigen Fenstern und ihrem ehemals achtteiligen Sternrippengewölbe zu den Gründungsbauten der österreichischen Hochgotik zählte, machen den Torso der bestehenden Katharinenkapelle zu einem denkmalpflegerischen Sonderfall, bei dessen Lösung für die Zukunft auch die Option der Wiederherstellung des Gesamtraumes in Betracht gezogen werden sollte.
(G. Buchinger, P.König)

Druckersymbol Druckversion