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Kulturlandschaften in VorarlbergDie Dreistufenwirtschaft als integrierender Bestandteil eines neuen Weltkulturerbes?

Luftbild des Bregenzerwaldes

Luftbild des Bregenzerwaldes ©Regio Bregenzerwald

Maisäß Montiel in St. Gallenkirch

Maisäß Montiel in St. Gallenkirch

Vorsäß Schönenbach im Bregenzerwald

Vorsäß Schönenbach im Bregenzerwald

Die dritte Stufe: Alpe im Montafon

Die dritte Stufe: Alpe im Montafon ©Markus Durig

Vorsäß Schönenbach, sog. Schopf (überdachter Freibereich-Eingangzone)

Vorsäß Schönenbach, sog. Schopf (überdachter Freibereich-Eingangzone)

Verfallendes Kulturerbe (Stallscheune)

Verfallendes Kulturerbe (Stallscheune)

Montafonerhaus in Schruns

Montafonerhaus in Schruns

Die Bewirtschaftung der Bergregionen in drei Stufen existiert in Vorarlberg seit Jahrhunderten. Nun ist diese Form des Wirtschaftens ein zentraler Punkt der Bewerbung des Bregenzerwaldes als Weltkulturerbe bei der Unesco.

Wie erklärt sich dennoch die „Einzigartigkeit“, wo doch im Süden des Bundeslandes - im Montafon und auch im benachbarten Graubünden - noch eine Vielzahl ähnlicher Siedlungs- bzw. Bewirtschaftungsformen bestehen?
Kulturlandschaften definieren sich aus einer über Jahrhunderte gewachsenen Symbiose von Kultur und Natur. Die Eingriffe des Menschen (Rodung, Beweidung etc.) und die typischen Bauformen haben die Landschaften geformt. Während das Bregenzerwälder- und das Montafonerhaus noch einer breiten Öffentlichkeit bekannt sein dürften, weiß man außerhalb Vorarlbergs nur wenig über die nicht dauernd bewohnten Siedlungen und deren Umgebung in Höhen über 1000m.
Die im Unesco-Antrag besonders hervorgehobene Dreistufenwirtschaft bewirkte seit dem 15. Jahrhundert die umfassende Nutzung der gesamten Vegetation des Lebensraumes im hochalpinen Gebiet. Die Bauern zogen mit dem Vieh dem Futter nach, das heißt sie wechselten mehrmals jährlich von einem Stall zum anderen. Durch diesen Wechsel war es dem Bauern möglich, mehr Vieh zu halten. Die erste Stufe betrifft das Heimgut im Tal, das vom Frühling bis in den Herbst bewirtschaftet wird und Vorrat für den Winter schaffen soll. Im Laufe des Frühjahrs zieht die Familie mit ihrem Vieh der höher steigenden Vegetation nach, sodass sie sich im Mai/Juni auf Höhen von etwa 1200 bis 1600 Metern befinden, wo die zweite Stufe der Maisäße bzw. Vorsäße meist durch Rodung entstand. In den Sommermonaten konnten die Höhen von 1600 bis 2000 Meter (die Alpen als dritte Stufe) genutzt werden. Im September kehrte man wieder auf die zweite Stufe zurück, wo inzwischen auch ein Vorrat für den Winter geschaffen worden war, ehe abschließend der Rückzug in die Täler erfolgte.
Diese Form der Bewirtschaftung funktionierte im Montafon Jahrhunderte lang und war lediglich eingeschränkt durch den Umstand, dass viele Menschen in der warmen Jahreszeit außerhalb des Tales ihrem Broterwerb nachgehen mussten. In den letzten 50 Jahren veränderte sich allerdings die soziokulturelle Struktur derart, dass viele Menschen ihr Einkommen bei den Illwerken oder im Tourismus fanden. Zwar werden zahlreiche Maisäße noch gemäht, eine Beweidung der Flächen als Vorstufe zur Alpung der Tiere findet aber kaum mehr statt. Ein Großteil der Maisäße wird inzwischen von der ortsansässigen Bevölkerung zur Erholung in der Freizeit genutzt oder zur Feriennutzung an Gäste vermietet.
Im Bregenzerwald ist die Landwirtschaft nach wie vor ein zentraler Wirtschaftsfaktor, weshalb alle drei Stufen (Tal, Vorsäß und Alpe) noch heute traditionell genutzt werden. Der Region und auch dem Land Vorarlberg ist die Weiterführung dieser halbnomadischen Lebens- und Arbeitsform ein großes Anliegen. Die Landwirtschaft selbst machte aber auch hier einen grundlegenden Wandel mit, welcher innerhalb kürzester Zeit einen gewaltigen Technisierungsschub verbunden mit Zeitersparnis und Verkürzung der Wege mit sich brachte. Die Gefahr für die Zukunft liegt in einer extensiven Nutzung des Baubestandes, den strengen Richtlinien der EU für Viehhaltung und Hygiene gehorchend. Viele Ställe auf den Höfen im Tal und in den Berggebieten wurden für eine geringere Anzahl von (kleineren) Kühen errichtet und werden nun um- oder neu gebaut.
Für die Denkmalpflege sind aber jene Gebäude der zweiten Stufe, die Vor- und Maisäße besonders interessant, da sie Rückschlüsse auf Hausformen zulassen, die in den Dauersiedlungsgebieten schon längst aufgegeben wurden. Deshalb wurde im Montafon schon seit dem Jahr 2000 in einem interdisziplinären Projekt diese Siedlunsform erforscht und publik gemacht. Im Bregenzerwald wird dies im Zuge eines Managementplanes zur Erhaltung des Weltkulturerbes in den nächsten Jahren durchgeführt werden.

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