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Das Milchglas der Kaiserin Elisabeth "Sisi" von ÖsterreichFarbloses Glas mit Facettenschliff und Goldrand und oktogonalem hochgewölbtem Deckel aus Pressglas in Originalkassette, mit beigefügtem Begleitschreiben des Generaldirektors des Ah. Privat- und Familienfonds Freiherr von Chertek, Provenienz: Admiral Moritz Sachs von Hellenau und Nachkommen

Milchglas der Kaiserin Elisabeth, in Originalkassette und Begleitschreiben des Generaldirektors des

Milchglas der Kaiserin Elisabeth, in Originalkassette, mit Begleitschreiben des Generaldirektors des Ah. Privat- und Familienfonds Freiherr von Chertek, dat. 1898 © Dorotheum

Kaiserin Elisabeth

"Wie schön sie ist!" (der Schah von Persien bei einem Empfang am Wiener Hof im Jahr 1873) - Kaiserin Elisabeth "Sisi" im berühmten Bild von Franz Xaver Winterhalter, 1864

Kinderschuhe und Handschuhe der Kaiserin Elisabeth

Gegenstände des alltäglichen Gebrauchs sind bei Verehrern der Kaiserin Elisabeth weltweit äußerst begehrt - auch Kinderschuhe und Handschuhe von "Sisi", Wien, Sisi-Museum © Der Standard 

Kokainspritze aus der Reiseapotheke der Kaiserin Elisabeth

Ein für heutige Begriffe nicht alltäglicher Gegenstand - die Kokainspritze stammt aus der Reiseapotheke der Kaiserin Elisabeth, Wien, Sisi-Museum © APA

Schwarzes Hofkleid der Kaiserin Elisabeth, nach 1877

Nach dem Selbstmord ihres einzigen Sohnes, Kronprinz Rudolf, im Jänner 1889, trug "Sisi" fast ausschließlich schwarze Kleidung. Dieser Umstand trug zur Stilisierung der Kaiserin als "Mater dolorosa" bei - Schwarzes Hofkleid der Kaiserin, nach 1877, Wien, KHM-Monturdepot © KHM

Zeitgenössische Darstellung der Ermordung Kaiserin Elisabeths

Zeitgenössische Darstellung der Ermordung Kaiserin Elisabeths in Genf

Kaiserin-Elisabeth-Denkmal im Wiener Volksgarten, 1907

"Die Seele gab es nie, die mich verstand" (Kaiserin Elisabeth). Zum Mythos von der unvergänglichen Schönheit von "Sisi": Kaiserin-Elisabeth-Denkmal im Wiener Volksgarten, 1907

Das Glas wurde als dokumentarisch gesichertes Stück des täglichen Gebrauchs, das zudem eine Facette von "Sisis" exzentrischen Gewohnheiten widerspiegelt, bei einer Kaiserhaus-Auktion im Wiener Dorotheum unter Denkmalschutz gestellt und wird seit einiger Zeit im Sisi-Museum in der Wiener Hofburg präsentiert.


Elisabeth, die exzentrische Individualistin aus dem Hause Wittelsbach auf dem österreichischen Kaiserthron, war bereits zu Lebzeiten zum Mythos geworden. Elisabeth wusste um die öffentliche Wirkung ihrer faszinierenden Erscheinung und verhielt sich entsprechend; Ihre märchenhafte Schönheit wurde ihr zur Lebensnotwendigkeit. Als anmutige „Feenkönigin“ erschien sie ihren Untertanen, ein Bild, das durch zahlreiche Gemälde und Photoserien vermittelt wurde. Ihre außergewöhnliche Schönheit, ihr hoher Rang, ihre Persönlichkeit, ihr Schicksal verklärten frühzeitig ihr Bild in der Öffentlichkeit. Sie formten jene Legende, die bis heute unsere Vorstellung von der „Kaiserin wider Willen“ (Brigitte Hamann), der „seltsamen Frau“ (Egon Cäsar Conte Corti) prägt.

Elisabeth („Sisi“) kam am Weihnachtsabend 1837 als Tochter von Herzog Max in Bayern und der bayerischen Königstochter Ludovika, jüngerer Schwester der Erzherzogin Sophie, zur Welt.  Beide Schwestern waren Töchter Maximilians I., König von Bayern, Ludovika hatte mit ihrer Verheiratung mit dem Spross einer Wittelsbacher Nebenlinie unter ihrem Stand geheiratet und war in ihrer Ehe mit dem exzentrischen und untreuen Gemahl unglücklich. Mit ihren sieben Geschwistern wuchs Elisabeth fern von allen Konventionen und Zwängen der Etikette im Schloss Possenhofen in Bayern auf. Zum ersten Kontakt mit der österreichischen Kaiserfamilie kam es bei einem Besuch in der kaiserlichen Sommerresidenz in Bad Ischl. Erzherzogin Sophie wollte ihren Sohn mit der ältesten Tochter ihrer Schwester, Helene („Nene“), verheiraten. Franz Joseph verliebte sich jedoch auf den ersten Blick in deren jüngere Schwester, die fünfzehnjährige Elisabeth, und setzte die Verlobung mit dem eigentlich nur als Begleitung der älteren Schwester gedachten jungen Mädchen durch. Die Vermählung erfolgte am 24. April 1854 in der Wiener Augustinerkirche. Von Anfang an fühlte sich die junge Kaiserin beengt am Wiener Hof, der sie ihre „nicht standesgemäße“ Herkunft – ihre Großmutter, Prinzessin Amalie Arenberg entstammte keinem souveränen Haus – spüren ließ. Bei öffentlichen Auftritten fühlte sie sich nach eigenen Worten „vorgeführt wie ein Pferd im Geschirr“. Ihre Schwiegermutter und Tante Erzherzogin Sophie bemühte sich, aus dem jungen Mädchen eine Kaiserin und Landesmutter zu machen, wobei sie mitunter auf ihre Gefühle keine Rücksicht nahm. Kaiser Franz Joseph bezog in diesen Auseinandersetzungen nur selten Stellung.  Die Erziehung der Kinder, Sophie (1855-1857), Gisela (1856-1932) und des Thronfolgers, Rudolf (1858-1889), übernahm Erzherzogin Sophie mit der Begründung, dass die junge Kaiserin zu jung und unerfahren sei.  Nach einem erfolglosen Kampf gegen die Schwiegermutter und immer drängenderen Eheproblemen flüchtete Elisabeth in Isolation und Krankheit. 1860 wurde sie auf Anraten der Ärzte nach Madeira geschickt. Endlich wieder frei von jeglicher Verpflichtung, genoss sie ihr Leben fern von höfischen Zwängen. Elisabeth dehnte den Kuraufenthalt aus, unternahm Reisen nach Korfu, Venedig, Possenhofen und Reichenau an der Rax, und vermied so lange wie möglich die Rückkehr nach Wien. Nach fast zweijähriger Abwesenheit war aus dem unbeholfenen jungen Mädchen eine selbstbewusste Schönheit geworden. In den folgenden Jahren verbrachte Elisabeth viel Zeit fern von Wien auf Reisen, wobei sie ihre Pflichten als Landesmutter zunehmend vernachlässigte. Intensiv widmete sich Elisabeth der Pflege ihrer seit den frühen Sechzigerjahren legendären Schönheit – allein die Pflege ihres fersenlangen Haars benötigte täglich Stunden. Zur Erhaltung ihrer schlanken Figur betrieb sie Gymnastik, Fechten und Extremsport wie Parforcejagden in Irland und eignete sich immer exzentrischere Ernährungsgewohnheiten an, wobei Milch von - auch auf Seereisen - mitgeführten Kühen und Ziegen, und Obst die Hauptgrundlagen bildeten: „Sie war überhaupt in der Wahl ihrer Nahrung eher exzentrisch. Milch genoss sie am ständigsten. Es gab Tage, an denen sie ausschließlich von Milch lebte“ berichtet die Hofdame ihrer letzten Jahre, Gräfin Irma Sztáray. Berüchtigt waren ihre stundenlangen Gewaltmärsche, die den Posten einer Hofdame in ihren Diensten nicht mehr erstrebenswert machten. In der Hofburg und in Schloss Schönbrunn waren Turnzimmer für sie eingerichtet.
Ihr einziges politisches Engagement galt dem Ausgleich mit Ungarn, an dessen Zustandekommen 1867 sie aktiv mitwirkte, da sie von Beginn an von den Ungarn - denen ihre Schwiegermutter Erzherzogin Sophie ein tiefes Misstrauen entgegenbrachte - begeistert aufgenommen worden war. Das vierte Kind – Elisabeth hoffte auf einen Sohn und Thronfolger für Ungarn -, sollte ein Geschenk an Ungarn werden. Marie Valerie, das „ungarische Kind“, die „Einzige“, wurde 1868 auf der königlichen Burg in Ofen geboren. Ihre Erziehung lag von Beginn an ausschließlich in den Händen der Mutter.
Ihre Melancholie, Unrast und Todessehnsucht verstärkten sich nach dem Freitod ihres Sohnes Rudolf im Jänner 1889 in Mayerling bei Heiligenkreuz. Danach verbrachte Elisabeth den Großteil ihres Lebens auf Reisen, die sie durch ganz Europa bis nach Nordafrika führten. „Die Reiseziele sind nur deswegen begehrenswert, weil die Reise dazwischen liegt. Wenn ich irgendwo angekommen wäre und wüsste, dass ich mich nie mehr davon entfernen könnte, würde mir der Aufenthalt selbst in einem Paradies zur Hölle“, bemerkte sie zu ihrem Griechischlehrer Christomanos. In ihrer Rastlosigkeit kam sie jedoch nirgends zur Ruhe: „Es ist ein ideales, chemisch reines kristallisiertes Leben, ohne Wunsch und ohne Zeitempfindung“, erklärte sie ihrem griechischen Vorleser Christomanos. Im Juli 1898 traf sich das Kaiserpaar ein letztes Mal in Bad Ischl. Danach fuhr die Kaiserin über München in die Schweiz nach Genf. Als sie am 10. September 1898 das Hotel Beau Rivage verließ, wurde sie das Opfer eines Attentats des italienischen Anarchisten Luigi Lucheni, der ihr eine zugeschliffene Feile ins Herz stach.

Bei dem Glas handelt es sich um das persönliche Milchglas Elisabeths, das sie für ihren täglichen Milchgenuss benützte. Das farblose Glas, mit Facettenschliff, Goldrand und oktogonal hochgewölbtem Deckel aus Pressglas, ist nicht weiter auffällig. Die Bedeutung dieses persönlichen Gebrauchsgegenstandes der Kaiserin zeigt sich in der aufwändig gefertigten Lederkassette, da das Glas auf allen Reisen mitgenommen werden musste. Konstantin Christomanos, 1891/92 Vorleser und Griechischlehrer der Kaiserin berichtet: „Um drei Uhr nachmittags brachte man ihr ihre Milch von einer Ziege aus Malteserrasse, die aus Wien mitgeführt wurde ... Wenn sie ihre Milch trinkt, deren Zubereitung und Verwahrung sie mit einem fast religiösen Zeremoniell vornehmen lässt, wirft sie den Kopf zurück wie unter einem geistigen Raptus oder infolge der Intensität einer seelischen Berührung ...“. Laut schwarz umrandetem Begleitschreiben, das die Provenienz dokumentiert, wurde das Milchglas nach Tod der Kaiserin auf Wunsch ihrer Töchter als Erinnerungsgeschenk von dem Generaldirektor des Ah. Familienfonds Freiherr von Chertek dem zeitweiligen Kommandanten der kaiserlichen Yacht, dem nachmaligen Admiral Moritz Sachs von Hellenau übergeben: „Ihre kaiserlichen und königlichen Hoheiten die durchlauchtigsten Frauen Prinzessin Gisela von Bayern und Erzherzogin Marie Valerie geruhten das mitfolgende, aus dem Nachlasse Weiland Ihrer Majestät der Kaiserin und Königin herrührende Glas mit Deckel sowie getrocknete Blumen, welche vom Bette Weiland Ihrer Majestät in Genf gelegen sind, Eurer Hochwohlgeboren als Andenken an die in Gott Ruhende zu widmen. Indem ich die Ehre habe Eurer Hochwohlgeboren diese theuren Zeichen der Erinnerung zu übergeben, zeichne ich mit dem Ausdruck vorzüglicher Hochachtung. Wien am 29. November 1898“. Die im Begleitschreiben angeführten getrockneten Blumen haben sich nicht erhalten.

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