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Seggauberg, Fürstenzimmer

Enfilade nach der Restaurierung .

ehemaliges Speisezimmer knapp vor Beendigung der Restaurierungsarbeiten .

Kachelofen nach Restaurierung und innerer Adaptierung.

Während der Wiederverankerung von Bildern in der Holzvertäfelung.

Durch vielfachen Anstrich dick verklebte Stuckoberflächen .

Beispiel eines restaurierten Stuckmarmorfeldes in Fensterlaibung.

Zustand des Bodens vor der Restaurierung.

Archivalien in „Zweitverwendung“ als Hinterfütterung eines Spannrahmens.

Ölgemälde von Jakob Zanussi, Der Verrat des Judas, in früher Restaurierungsphase.

Detail eines Fensterflügels während Restaurierung, gut erkennbar die nur gesteckte und nicht verleimte Holzverbindung.

Das bischöfliche Schloss Seggau steht auf einem Felssporn westlich von Leibnitz und zählt zu den bedeutendsten Schlossanlagen der Steiermark.

Von Anfängen im 11. Jh. wuchs Seggau im Lauf der Zeit zum heutigen stattlichen Burg- und Schlossensemble. Kurz vor der Mitte des 18. Jahrhunderts wurde mit der Einrichtung der so genannten Fürstenzimmer im ehemals salzburgischen Vizedomhaus, einem Teil des Hochschlosses, der künstlerische Höhepunkt der Barockzeit erreicht. Die vier als Enfilade angelegten Räume sind dem frühen Rokoko zugehörig. Ihre Wände tragen Holzvertäfelungen mit vergoldeten Zieraten, gleichzeitig fungieren die Täfelungen als Rahmen für teils großflächige Ölgemälde biblischer Szenen, teils für kleiner gehaltene Ölgemälde in Form einer barocken Bildergalerie. Eine Porträtgalerie der Seckauer Bischöfe ist diesem Ambiente eingegliedert. Darüber scheinen zarte Stuckdecken von Johann und Jakob Formentini aus den Jahren 1742 bis 1748 zu schweben. Vervollständigt wird die Ausstattung mit weiß glasierten und vergoldeten Kachelöfen, Stuckmarmorfeldern und Einlegeparkettböden.
Die zu vielfältigen Anlässen genutzten Fürstenzimmer wurden gesamt 1961, die großformatigen Gemälde des Speisezimmers 1971 letztmalig restauriert. Nutzung, Alterung und auch problematische Restaurierungsansätze der Vergangenheit erforderten 2005 eine neuerliche restauratorische Überarbeitung. Dabei wurden auch sonstige technisch notwendige Adaptierungen durchgeführt. Setzungsrisse, Abblätterungen, Verschmutzungen und unpassende Überfärbelungen setzten den Stuckdecken und Stuckmarmorflächen zu, Vergoldungen der Kachelöfen lösten sich oder entsprachen bei früheren Ausbesserungen nicht den technisch-formalen und ästhetischen Anforderungen. Den Ölgemälden hatten nicht nur die Zeit, sondern auch frühere Restaurierungen stark zugesetzt. Die stark verschmutzten Parkettböden schilferten und splitterten ab, die barocken Fenster und Türen ließen sich nur schwer oder gar nicht bedienen.
Diese Aufgabenfülle wurde mit Voruntersuchungen und Befunderhebungen in Angriff genommen. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse dienten als Basis für Konzepterstellungen und Ausschreibungen der Restaurierungsarbeiten. Jeweils auf ein Fachgebiet spezialisierte ResaturatorInnenteams führten die Arbeiten bis zum Frühjahr 2006 durch. Die Untersuchungen hatten teilweise interessante Details zu Tage gefördert. Die aus Eisen und Messing bestehenden Fenster- und Türbeschläge ließen in ihrem stark patinierten bzw. verschmutzten Zustand z.B. nicht vermuten, dass sie in den wesentlichen Teilen vergoldet waren um dem barocken Gesamtraum zu entsprechen. Unsachgemäße Reinigung hatte das Gold zudem auf minimale Spuren reduziert, dennoch war die Befundlage eindeutig. Das Restaurierungsziel lautete daher, die Messingflächen nicht neu zu vergolden, aber doch so weit zu bearbeiten, dass die Patina zugunsten einer goldglänzenden Oberfläche reduziert wird. Bei der Abwägung zwischen Erhaltung des historisch gewachsenen Zustands und der tiefer greifenden Reinigung wurde dem barocken Gesamtcharakter der Räume mit den vielfachen Vergoldungen das größere Gewicht beigemessen.
Die Freilegung der Stuckdecken zur originalen Monochromie ist im selben Kontext zu sehen. Erst nach Abnahme der in einigen Lagen pastos aufgetragenen Mehrfärbigkeit und Restaurierung der ersten Schichte entfaltete sich in den zarten Stuckdekorationen wieder so richtig das feine Spiel von Licht und Schatten.
Überraschungen lieferten die Ölgemälde, die erst nach Entfernung der Vertäfelungen zur Gänze erfasst werden konnten. Waren die Oberflächen mit teils stark verfärbten Retuschen, Übermalungen und Firnissen sowie erkennbarer Doublierung schon vorher genau festgehalten worden, stellte sich nun heraus, dass etliche der Spannrahmen zu erneuern waren. Eine spezielle Variante von Sekundärverwendung zeigten viele Bischofsporträts. Bei ihnen wurden alte Schriftstücke zur Hinterfütterung der Rahmen verwendet. Nach der mühsamen Auslösung stellte sich heraus, dass es sich um eine Art barocker Rechnungslisten handelt, die dem Diözesanarchiv zur Aufbewahrung übergeben wurden. Spezielle restauratorische Anforderungen stellten die großformatigen Frühwerke von Jacopo Zanussi, die bei der letzten Restaurierung nicht ordentlich gekittet, sondern lediglich mit heller Wachsmasse ausgeglichen worden waren.
Bei den holzrestauratorischen Arbeiten erforderten Fenster und Türen eine intensive Zusammenarbeit von Holz- und MetallrestauratorInnen um die Gängigkeit dieser Architekturteile zu gewährleisten. Die Böden dokumentierten, dass auch in früheren Zeiten nicht immer perfekt gearbeitet wurde. Hatten die barocken Parkettentischler doch viele Deckbretter mit der falschen Seite aufgeleimt, sodass sich ihre Oberflächen nicht kuppelig abnutzten, sondern aufschüsselten. Ein Umstand, den man heute ebenso respektieren muss wie die Empfindlichkeit der Böden, die bei Führungen oder sonstigen Veranstaltungen nicht direkt mit Straßenschuhen betreten werden sollten.
Problematisch gab sich der Stuckmarmor. Bei früheren Behandlungen waren die Oberflächen zu intensiv geschliffen und mit unpassendem Material beschichtet worden, so dass es langwieriger restauratorischer Versuche bedurfte, eine entsprechende Methode zu finden. Der originale Eindruck war zwar nicht mehr gänzlich zu erreichen, das Ergebnis gliedert sich doch in gutem Ausmaß dem Gesamtambiente ein.
Bei den flankierenden Maßnahmen verdient die Adaptierung der Kachelöfen Erwähnung. Die wertvollen Öfen wurden früher vom Arkadengang aus beheizt, sodass ihre Brennräume relativ leicht erreichbar waren. Da ihr Erhaltungszustand eine direkte Beheizung nicht mehr erlaubt, eine gewisse Raumtemperatur aber angestrebt wird, integrierte man die Öfen in ein Niedrigtemperaturheizsystem. Elektrische Heizelemente wurden so eingestellt, dass sie einerseits die Ofensubstanz in keiner Weise beeinflussen, andererseits die Kacheln langsam erwärmen und dauerhaft temperieren können. Diese schonende, langsame Art der Erwärmung verhindert durch rasche Temperaturwechsel hervorgerufene Schäden sowohl an Öfen als auch Raumausstattungen.
Nach Abschluss des Großteils der Arbeiten konnte davon ausgegangen werden, dass für die nächsten Jahrzehnte bei pfleglichem Umgang keine größere Sanierung zu erwarten sein wird. Materialanwendung und Technologie der meisten Restaurierungsschritte erfolgten unter der Prämisse Reversibilität, so dass zukünftige Generationen von RestauratorInnen vor keinen allzu großen Problemen stehen sollten. Untersuchungen nach kleineren, rasch wieder aufgetretenen Stuckschäden, für die vorerst keine Erklärung gegeben werden konnte, führten indes zwischenzeitlich zur unliebsamen Entdeckung, dass sich in den über den Fürstenzimmern liegenden Dachbereichen der echte Hausschwamm ohne bemerkt zu werden eingenistet und sein Werk begonnen hatte. Das nächste Tätigkeitsfeld hat sich also schon aufgetan.

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