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„Der Inbegriff aller Weisheit ist die Menschenliebe“ (M. v. Ebner-Eschenbach)
Unterschutzstellung eines Briefes von Marie von Ebner Eschenbach (1830 – 1916) mit Unterschrift „Marie“ und Datierung „15.11.1885“, an eine Freundin („Louise“), 4 Seiten, Briefkopf mit geprägtem und handkoloriertem Wappen, kl. 8vo;

Brief von Marie von Ebner-Eschenbach an eine Freundin, 1885

Brief von Marie von Ebner-Eschenbach an Louise, 15.11.1885, Wien, Privatbesitz

© Dorotheum Wien

Die Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach, geb. Gräfin Dubsky (1830-1916)

Marie von Ebner-Eschenbach, geb. Gräfin Dubsky (1830-1916)

© Citador 2003 - 06

Schloss Zdislavitz bei Kremsier, Geburtsort der Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach

Schloss Zdislavitz bei Kremsier, Geburtsort der Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach

© 1996 - 2006 Radio Prague, Czech Radio 7

Schloss Lysice, Besitz der Grafenfamilie Dubsky von Trebomyslice

Schloss Lysice, Besitz der Grafenfamilie Dubsky von Trebomyslice

© 1996 - 2006 Radio Prague, Czech Radio 7

 

Die Schriftstellerin Louise von Francois (1817-1893)

Die Schriftstellerin Louise von François (1817-1893)

© Kurt Habitzel, Günter Mühlberger & Gregor Retti 1997-2002

Louise Gräfin Schönfeld geb. Neumann

Louise Gräfin Schönfeld geb. Neumann

Marie von Ebner-Eschenbach, geboren 1830 als Tochter des Majors Franz Graf Dubsky auf Schloss Zdislawic bei Kremsier (Tschechien), war bereits weit über 40 Jahre alt, als sie mit ihrem Kurzroman „Bozena“ (1876) und der autobiographischen Erzählung „Lotti, die Uhrmacherin“ (1880) erstmals einen größeren literarischen Erfolg erzielte.

Der endgültige Durchbruch gelang ihr jedoch mit den 1883 erschienenen „Dorf- und Schloßgeschichten“, - sehr einfühlsamen und sozialkritischen Schilderungen der österreichisch-ungarischen Landbevölkerung, die das große erzählerische Talent Maries belegen und sie als Hauptmeisterin des österreichischen Realismus ausweisen. Zur Reihe der „Dorf- und Schlossgeschichten“ gehört auch die Erzählung „Er lasst die Hand küssen“, die eine erschütternde historische Begebenheit aus dem vorrevolutionären Ungarn aufgreift: Der Erzähler, ein älterer Gutsbesitzer aus dem ungarischen Landadel, schildert einer befreundeten Gräfin das tragische Schicksal eines jungen Landarbeiters, der gewaltsam zu Tode kommt, weil er sich entgegen der Befehle der Gutsherrin weigert, seine Geliebte und ihr gemeinsames Kind zu verlassen. Ein sexuelles Verhältnis ohne Trauschein unter den Bediensteten erscheint der sittenstrengen Landadeligen als unerhörtes, nicht entschuldbares Vergehen, weshalb sie eine Bestrafung in Form von 50 Peitschenhieben anordnet, die der junge Landarbeiter nicht überlebt. Erst die Todesbotschaft mit der grotesk anmutenden Höflichkeitsformel „Er lasst die Hand küssen“ lässt die selbstgerechte Herrin ihr Unrecht erkennen und erstmals die Scheinmoral ihrer Gesellschaftsschichte erahnen.

Ein bisher nicht publizierter Brief aus dem Jahr 1885 entlarvt die traurige Geschichte des jungen Mischka als historische Begebenheit, die sich in einem kleinen ungarischen Dorf im Jahr 1848 zutrug. Marie von Ebner-Eschenbach, die selbst dem Landadel entstammte und die Sommermonate jeweils auf ihren Besitzungen in Mähren zubrachte, wusste sehr gut Bescheid über das „ius gladii“ („Recht des Schwertes“ = Blutgerichtsbarkeit), das im gesamten deutschen Raum, inklusive der Schweiz und Österreich, bis weit ins 18. Jahrhundert verbreitet war, vereinzelt auch bis ins frühe 19. Jahrhundert. Erst im Zuge der Nationalisierungstendenzen in den einzelnen Herrschaftsgebieten ging man von dieser grausamen Form der Bestrafung ab, in Ungarn in Zusammenhang mit der Revolution von 1848. Der gegenständliche Brief nimmt einerseits Bezug zur historischen Begebenheit, erläutert andererseits aber auch das von Ebner-Eschenbach hinzugefügte „Moment der Reue“, mit dem die große Moralistin dem brutalen Ereignis die Spitze zu nehmen versucht und den Leser – der bereits einer moderneren, fortschrittlicheren Zeit angehört – zu einem überlegten, verantwortungsbewussten Umgang mit seinen Schutzbefohlenen auffordert.

Der Brief ist in einem sehr herzlichen Ton verfasst, der ein vertrauensvolles Naheverhältnis zur Empfängerin „Louise“ verrät. Aufgrund der Korrespondenzlisten des Eschenbach-Nachlasses in der Wiener Stadt- und Landesbibliothek kommen dafür zwei Damen aus dem Bekanntenkreis der Dichterin in Betracht, nämlich die aus Sachsen stammende „frühfeministische“ Schriftstellerin Marie Louise von Francois (geb. 1817 Herzberg/ Elster, gest. 1893 Weißenfels) und die ebenfalls hoch gebildete k. k. Hofschauspielerin Louise Neumann, spätere Gräfin Schönfeld (Karlsruhe 1818 – Rabenburg 1905), die „Perle des Hofburg-Theaters“, die ihre Seelenverwandtschaft zu der 12 Jahre jüngeren Schriftstellerin in ihren „Biographischen Blättern“ festhielt.
Beide „Louisen“ gehörten der gebildeten, literarisch und kulturell interessierten Oberschicht an, waren also nicht nur Leserinnen, sondern auch intellektuelle Gesprächspartnerinnen, deren Urteil für die Autorin wirklich zählte: „Und für Deine Zustimmung zu meiner kleinen Erzählung küsse ich die Hand“ (Briefzitat).
Das eigenhändige, vier Seiten lange Schreiben bringt die für ihre Zeit sehr reifen und fortschrittlichen Anschauungen der Dichterin zum Thema Macht/Machtmissbrauch zur Sprache und stellt ein diffiziles, geschichtlich wie kulturgeschichtlich hochinteressantes Dokument zur Spätzeit der österreichisch-ungarischen Monarchie dar. Die Unterschutzstellung des auch biographisch aufschlussreichen Briefes erfolgte in Zusammenhang mit einer Autographen-Versteigerung im Wiener Dorotheum.





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