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Optimistisch - modern - innovativ

Erwin Wurms Segeljacht ist am Dach des denkmalgeschützten Hotel Daniel Vienna pünktlich zu dessen Eröffnung am 31. Mai 2012 spektakulär vor Anker gegangen.

Die Dachskulptur "Misconceivable", ein gekrümmtes Segelboot in Originalgröße, ist ein Kunstobjekt des renommierten Gegenwartskünstlers Erwin Wurm 

Mit einem großen Eröffnungsfest wurde das Hotel Daniel und das irritierende Segelboot in luftiger Höhe eingeweiht.

Florian Weitzer (li.), Eigentümer des Hotel Daniel, und Michael Pfaller, Geschäftsführer des Hotel Daniel, am Eröffnungsabend

Der Künstler Erwin Wurm (re.) und Herr Michael Pfaller, Geschäftsführer des Hotel Daniel, beim Eröffnungsfest.

Über die Skulptur "Misconceivable" am Dach wurde bei der Eröffnung intensiv diskutiert

Besonders gemütlich ist die neue Terrasse beim Hotel Daniel Vienna

vorher Büro-, jetzt Hotelnutzung
© Hotel Daniel Vienna

Blick in eines der neuen Hotelzimmer
© Hotel Daniel Vienna

Das Hotel Daniel Vienna am Landstraßer Gürtel, das ehemalige Hoffmann-La Roche-Gebäude von 1960-1962 in Wien, wurde am 31. Mai 2012 mit einem rauschenden Fest eröffnet

Dieses Haus ist uns schon immer aufgefallen: Der scharf geschnittene Quader mit den blaugrünen Glasfassaden hat eine großstädtische Coolness und Qualität, die am unwirtlichen Landstraßer Gürtel aus der Folge grauer Fassaden heraussticht. Wie kaum ein anderes Gebäude in Wien löst es den Anspruch der „ewigen Jugend“ der Moderne ein – es sieht noch immer frisch und neu aus, sein Design macht neugierig, lässt staunen.

Das Haus ist in mehrfacher Hinsicht ein wirkliches Landmark mit hohem Wiedererkennungseffekt, und am 31. Mai 2012 wurde es nach Umbau und Restaurierung unter Aufsicht des Bundesdenkmalamts ganz offiziell neu eröffnet. Ursprünglich als Büro-, Produktions- und Lagergebäude einer Schweizer Pharmafirma errichtet, zieht das Haus bereits seit dem Vorjahr als „urban stay“, als urbanes Hotel mit besonderem Flair jenseits aller Kategorien, ein weltläufiges und mobiles Publikum an – nicht nur als Hotel, auch durch seine Bar und Terrasse. Neben der spektakulären und innovativen Architektur sorgt auch eine für vier Jahre angebrachte Skulptur des Künstlers Erwin Wurm, ein auf dem Dach des „Daniel“ gestrandetes Segelboot, für Attraktivität.

Die Geschichte

Auf dem Standort gegenüber dem alten Südbahnhof befand sich ursprünglich das Palais des Kunstsammlers Lanckoronski, das nach Kriegsschäden abgetragen wurde. Die Bauherrin des bestehendes Objekts, die Firma Hoffmann – La Roche, hatte bereits zuvor mit der Errichtung von Niederlassungen in der ganzen Welt Erfahrungen mit moderner Architektur als Mittel der corporate identity gesammelt. Die Wiener Planungen begannen 1959; auf den Einreichungen zeichnete der Wiener Architekt Georg Lippert verantwortlich (es ist nicht ganz klar, ob und in welchem Maß der Schweizer Architekt Roland Rohn, Hausarchitekt der Firma, am Entwurf beteiligt war). Georg Lippert entwarf zu einem entwicklungsgeschichtlich sehr frühen Zeitpunkt einen Stahlbetonbau mit flexiblem Grundriss und vorgehängter Glas-Alu-Fassade, der ältesten erhaltenen Fassade dieser Art in Österreich (ihre Vorgängerin, die Fassade der Bundesländer-Versicherung am Donaukanal, besteht nicht mehr). Lippert war es ein Anliegen, „eine städtebauliche Überleitung von der geschlossenen Verbauung zu den anschließenden Grünanlagen (im Nahbereich von Belvedere und Schweizergarten, d.A.) zu finden“ und gleichzeitig „dem repräsentativen Charakter des Bauwerks Rechnung“ zu tragen – durch seine elegante Proportionierung, die innovativen Fassaden und das hochmoderne Gesamtkonzept. Das Gebäude, ursprünglich ein frei stehender Quader, wurde zwischen 1960 und 1962 errichtet und 1972-77 um einen dahinter anschließenden Bauteil erweitert.

Das Gebäude

Mit seiner Konstruktion aus 3 mal 7 Stahlbeton-Rundsäulen auf einer Grundfläche von 16,4 mal 34 Metern war dem Gebäude ein Raster vorgegeben, der auch als modulare Vorgabe für die Fassadenteilung fungiert. Die Geschoßhöhen bewegen sich zwischen 2,80 Metern (4. und 5. Stock) und 3,40 Metern (2. Stock), was an den Fassaden durch entsprechende Anbringungen der Fassadenelemente bzw. durch eine höhere Dimensionierung der Brüstungspaneele im 2. Obergeschoß ausgeglichen wurde, so dass ein nahezu gleichförmiger, aber dennoch spannungsreicher Raster eingehalten werden konnte. Die Fassade besteht aus einer vorgehängten, zart dimensionierten eloxierten Aluminiumkonstruktion mit ursprünglich insgesamt 534 Elementen mit wärmeabsorbierendem, farbig getöntem Isolierglas und Brüstungen aus Leichtmetallpaneelen.
Der Fassadenraster lässt weder auf das strukturelle Gerüst des Gebäudes noch auf die Raumwidmungen Schlüsse zu. Die Fassaden werden durch den niedrigen, einspringenden Gebäudesockel und das abgesetzte stilisierte Kranzgesims, das in zeittypischer Art „schwebend“ durchgeführt ist (und jetzt die neue Aufschrift „Daniel“ trägt), abgeschlossen. Jedes Fassadenelement besteht aus einem Metallpaneel mit dahinter gelegener Isolierschicht, das an der Geschoßdecke befestigt ist, einem Brüstungselement mit opaker Füllung und der eigentlichen Fensterfläche, deren unteres Viertel durch ein weiteres Horizontalprofil abgetrennt ist. Der obere, größere Bereich ist das eigentliche Fenster.

Die Innovation

Das Gebäude ist auch das erste Exemplar eines radikalen Glas-Leichtmetall-Kubus im Sinn des Internationalen Stils in Österreich und damit ein wichtiges Beispiel für jene Richtung der Nachkriegsmoderne, die – basierend auf den Vorgaben Le Corbusiers und der CIAM (Congrès internationaux d’architecture moderne) – den Baukörper zum Zentrum der Konzeption machte.
Diesem Baukörper, der „wie mit dem Messer geschnitten“ (A.M.Vogt) anmutet, werden tragende Strukturen und Detailformen untergeordnet, so dass der Bau selbst entgegenständlicht wird, um nun als Bildscheibe seine Umgebung zu reflektieren. Diese internationale Entwicklung, die eine radikale Absage an die traditionelle Gebäudetypologie bedeutete, wird in Österreich durch das gegenständliche Objekt zu einem frühen Zeitpunkt aufgenommen. Auch im internationalen Vergleich liegt die Curtainwall-Fassade relativ gut, denn die reife Ausbildung der Curtainwall-Technologie wird in die frühen 1950er Jahre datiert. Das UN-Headquarter von einem Architektenkonsortium unter der Führung von Le Corbusier und Oscar Niemeyer, 1947-53, und das Lever Building von Skidmore/Owings/Merrill – Gordon Burnshaft, 1948-1952, beide in New York, gelten als früheste US-amerikanische Beispiele. In Europa war das Pirelli-Hochhaus in Mailand (Gio Ponti u.a., Statik Pier Luigi Nervi, 1959) ein wichtiger Markstein für die Anwendung nicht tragender Glas-Leichtmetall-Fassaden, ebenso wie sein unmittelbarer Nachfolger, das Lonza-Hochhaus in Basel (Suter & Suter, 1960-62). Das Wiener Haus befindet sich also in bester Gesellschaft.

Nach dem Auszug von Hoffmann-La Roche und einigen Jahren als Bürohaus erfolgte die Stellung unter Denkmalschutz. Im Jahr 2009 begeisterte sich der Hotelier Florian Weitzer, der bereits in Graz ein Hotel in einem Bau von Lippert betreibt, für das in diesem Objekt verdichtete Flair der Nachkriegsmoderne - ein außerordentlicher Glücksfall für das Gebäude, denn mit der Hotelwidmung konnte die originale Fassade nach Reparaturen erhalten bleiben. Das Wiener Büro Atelier Heiss Architekten konnte mit behutsamen Umgestaltungen in Eingangsbereich und Lobby, wo spätere Einbauten entfernt wurden, mit der Herstellung eines zweiten Fluchtstiegenhauses und mit dem Einbau von neuen Zwischenwänden bzw. Hotelzimmern (der Grundriss des Hauses rechnete von Anfang an mit hoher Flexibiliät) ein vielseitiges und hochgradig urbanes Ambiente schaffen, das den Vorstellungen des Hoteliers von einer „sternfreien“ großstädtischen Unterkunft entspricht. Im Inneren wurde der notwendige Brand- und Absturzschutz durch den Einbau halbhoher Brüstungselemente erreicht. Durch die Abkoppelung des Hauses vom Zubau an der Rückseite wurde die ursprüngliche Solitärposition wieder hergestellt, die Fehlstellen durch eine formal kenntlich gemachte Schließung an der Stelle des Treppenhauses und durch Kopien fehlender Fassadenpaneele ausgefüllt. Das Weltkulturerbe Wien-Innere Stadt, an dessen Rand das neue Hotel Daniel liegt, erfährt durch die Erhaltung dieses Hauptwerks der Wiener Nachkriegsmoderne eine außerordentliche Bereicherung - um einen Bau, der wie kein anderer in Wien die Aufbruchsstimmung, den Fortschrittsglauben und den Optimismus der Zeit um 1960 repräsentiert. 
 

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