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Dornröschenschlaf beendet?

Erstmals nach einem halben Jahrhundert war das Etablissement Gschwandner wieder für die Öffentlichkeit zugänglich.

Hauptsaal
Foto: Carl Anders Nilsson

Die Grundstücke von Johann Gschwandner erstreckten sich, hier auf einem Planausschnitt von 1832, längs zwischen Hernalser Haupstraße und Ottakringer Straße.

Planausschnitt von 1877. Die Treppe zum Saal wurde anders ausgeführt.

Die natürliche Belichtung der Halle erfolgt über große, auch gestalterisch den Innenraum bestimmenden Rundbogenfenster des langgestreckten Obergadens.

Schematische Lage-Markierung der ursprünglichen Malereien (Fotomontage)

Untersuchungen im Hauptsaal

Zur Geblergasse hin weist der Obergaden des Hauptsaals keine Fenster auf, sondern vier geschlossene Rundbogenfelder, die mit gemalten Putten geschmückt waren. Im Rahmen der Untersuchungen wurde ein Teil der Malerei freigelegt. Ein alter Wasserschaden hat Teile davon zerstört.
Foto: Mag. Karl Scherzer

Foto: Mag. Karl Scherzer

Untersuchung ionisches Kyma
Foto: Mag. Karl Scherzer

Fassungsuntersuchung am Kapitell
Foto: Mag. Karl Scherzer

freigelegte Farbfassungen
Foto: Mag. Karl Scherzer

freigelegte Malerei an der Decke
Foto: Mag. Karl Scherzer

freigelegte Groteskenmalerei an der Decke des Hauptsaals
Foto: Mag. Karl Scherzer

Mit umfangreichem Bild- und Planmaterial sowie aufschlussreichen Textbeiträgen verschiedener Autoren werden die Geschichte und das Umfeld des Etablissement Gschwandner in einem neuen Buch dargestellt.
 

Buch "Ornament and the Grotesque: Fantastical Decoration from Antiquity to Art Nouveau - von Alessandra Zamperini" zum Thema Groteskenmalerei

Am Valentinstag 2012 wurde im Rahmen einer Pressekonferenz das offizielle Ende des Dornröschenschlafs des ehemals berühmten und legendären Wiener Etablissements Gschwandner bekanntgegeben.

In den nächsten Jahren sollen die beeindruckenden Säle in der Geblergasse 38-40 in Hernals wieder zum Leben erweckt werden. Eine derzeit laufende umfangreiche Planungsphase soll die Nutzung als Kultur- und Veranstaltungszentrum ermöglichen, doch noch bevor 2013 die Instandsetzungs- und Umbauarbeiten beginnen sollen, werden die Säle laut den neuen Eigentümern bereits in den nächsten Monaten für kulturelle Zwischennutzungen zur Verfügung stehen.

Das Etablissement Gschwandner, das sich die letzten Jahrzehnte zwischen Geblergasse und Hernalser Hauptstraße 41 versteckt hat und somit aus dem Bewusstsein des Bezirks beinahe verschwunden ist, zählt zu den wenigen in der originalen Bausubstanz erhaltenen Sälen vorstädtischer Vergnügungsetablissements des 19. Jahrhunderts.
Zwischen 1838 und 1960 wurde im Etablissement Gschwandner nicht nur der hauseigene Wein beim Heurigen ausgeschenkt, hier fanden auch Konzerte, Wäschermädel- und Fiakerbälle, kinematografische Vorführungen, Gartenschauen und Boxkämpfe statt. Ein alter Bestuhlungsplan weist 1229 Sitzplätze aus. Vergleichbare Lokale gibt es in Wien heute kaum mehr. Nach 1960 nutzten zunächst die Radiofabrik Ingelen und dann die Filmausstattungsfirma Schmiedl die Räumlichkeiten.

Abbruch oder Rettung?

In einem Schreiben vom 18. Jänner 1989 wandte sich Frau Ulrike Stadler, Ururenkelin von Johann Gschwandner sen. (1802-1862) an das Bundesdenkmalamt und ersuchte, eine Unterschutzstellung des ehemaligen Etablissements Gschwandner zu prüfen. Frau Stadler befürchtete, dass die Gschwandner-Säle aufgrund eines neuen Flächenwidmungsplanes „einem Park zum Opfer fallen“ würden.
Obwohl das österreichische Denkmalschutzgesetz kein gesetzliches Antragsrecht für eine Unterschutzstellung vorsieht, wurde diese Information vom Bundesdenkmalamt zum Anlass genommen, die Bedeutung dieses Gebäudekomplexes zu prüfen, und stellte die „Gschwandner Säle“ mit Bescheid vom 17. April 1991 unter Denkmalschutz. Dabei wurden die aus der Glanzzeit des Unternehmens stammenden Saalbauten, ein von ganz Wien frequentierter gesellschaftlicher Mittelpunkt, der seine Attraktivität bis nach dem Zweiten Weltkrieg bewahren konnte, als wichtige bauliche Erinnerung an die Geselligkeit und volkstümliche Unterhaltung im gründerzeitlichen Wien hervorgestrichen. Die Baulichkeiten zeugen aber auch von der alten Weinbautradition des ehemals selbständigen Vorortes Hernals, der sich zunächst zu einem beliebten Naherholungsziel mit populären Vergnügungs- und Gaststätten entwickelte und schließlich in der wachsenden Großstadt aufging.

Als Grundlage für die nun angestrebte neue Nutzung und die laufenden Planungen fanden bereits 2011 unter Beteiligung des BDA umfangreiche Voruntersuchungen an und in den denkmalgeschützten Gebäuden statt. Die 2011 vom akademischen Restaurator Mag. Karl Scherzer und seinem Team durchgeführten Fassaden- und Innenraumbefundungen lieferten dabei wichtige Erkenntnisse zu den unterschiedlichen Fassungsschichten und Oberflächenmaterialien. Die Ergebnisse des naturwissenschaftlichen Labors des Bundesdenkmalamtes lieferten Details über Materialaufbau und –zusammensetzung.

Rekonstruktion der Geschichte

Die Baugeschichte des Etablissements konnte durch diese materialtechnischen Befunde und weitere historische Quellen, wie Grundbucheinträge, Pläne, Programmhefte, Plakate, Bilder oder Fotos Stück für Stück immer genauer rekonstruiert werden. Die farbliche Ausgestaltung des Hauptsaales hatte sich im Laufe der Zeit mehrmals geändert und von schlichten Konzepten mit Farbflächen und Feldrahmungen bis zur letzten bei den Untersuchungen gefundenen, am aufwändigsten gestalteten Fassung mit Groteskenmalerei gereicht.

Überpinselte Grotesken im Gschwandner?

Besonders das Spiegelgewölbe mit Stichkappen war mit dieser unter den heutigen Farbschichten noch vorhandenen Plafondmalerei ausgestattet. Diese 1906 hergestellte Groteskenmalerei steht in einer langen Entwicklungsreihe einer auch in Wien verbreiteten und gern verwendeten Malereiart.

Als Grotesken bezeichnet man aus hellenistisch-römischer Antike stammende Dekorationen. Blumen, Pflanzen, Menschen, Tiere, Girlanden oder mythologische Wesen wie Nymphen sowie Putten sind dabei auf homogenen Grund gemalt.

Die Ursprünge der Groteskenmalerei lassen sich auf die hellenistische Kultur und orientalische, dekorative Formen zurückführen. Der „subversive“, verstörende und komplexe Geist der ursprünglichen Groteskenmalerei mit ihren Fantasiebildern verlor sich jedoch im Laufe der Epochen bis hin zu einem reinen Platzfüller als ornamentales Motiv. Besonders im 19. Jahrhundert war die Groteskenmalerei nur mehr eine von vielen Gestaltungsvarianten im Repertoire der Maler, Architekten und Dekorateure. In der Wiener Staatsoper, eingeweiht 1869, finden sich Groteskenmalereien passend zum Neorenaissance-Stil des Baus. Das von Heinrich von Ferstel ebenfalls im Neorenaissance-Stil geplante und 1871 eröffnete Museum für angewandte Kunst an der Ringstraße, damals „k.k. Österreichisches Museum für Kunst und Industrie“, ist ein besonders eindrucksvolles Beispiel für diese Art der Gestaltung.
Groteskenmalereien und Neo-Renaissance-Anklänge finden sich auch in den Foyers des von Johann Gschwandner jun. 1882 geplanten späthistoristischen Hernalser Rathauses, heute Bezirksamtsgebäude, am Elterleinplatz 14.
1884 wurde die beeindruckende dekorative Gestaltung des Turnzimmers für Kaiserin Elisabeth in der Hermesvilla in einem neo-pompejanischen Stil fertiggestellt. Ebenso im pompejischen Stil dekoriert ließ Kaiserin Elisabeth in den Jahren 1890 – 1892 das Achilleion, ihren Palast auf Korfu, errichten.
Die Korridordecken im Kunsthistorischen Museum (1891) weisen ebenso Grotesken auf. Die bunten Wand- und Deckenmalereien mit ähnlichen Motiven in der Mechitaristenkirche (erbaut 1871-1873 von Camillo Sitte) stammen aus dem Jahr 1901. Die Groteskenmalerei kann auch als inspirierende Vorstufe für den in Wien sich seit 1897 entwickelnden Jugendstil angesehen werden.

Mit dem Funktionswechsel des Etablissements Gschwandner 1960 zur Radiofabrik dürfte die letzte gestaltete Fassung, also die Groteskenmalerei, monochrom überpinselt worden sein.

Gold und Marmor?

Stuckummantelte, Marmor imitierende Holzsäulen mit korinthischen Kapitellen tragen die mit Zahnschnittfriesen und Konsolgesimsen reich dekorierten Architrave. Für die Kapitelle der Säulen und für die Konsolen konnten die Untersuchungen eine ins gestalterische Gesamtkonzept jener Zeit schlüssig passende Goldfassung nachweisen.

Der Zugang zum Vergnügungsetablissement Gschwandner erfolgte von der Hernalser Hauptstraße 41. Zu den Anfangszeiten des Lokals gab es noch keine Geblergasse. Hinter dem straßenseitigen Haus Nr. 41, das später durch ein größeres, späthistoristisches Zinshaus ersetzt wurde, lagen große Gärten, die immer mehr als Gastgärten genutzt wurden.

Die Konkurrenz

Es gab natürlich noch andere, mittlerweile zum Großteil verschwundene, ähnliche Vergnügungsstätten. Einige davon konnten in ihren Gärten gleich mehrere Tausend Personen beherbergen.
Das ehemalige Etablissement Klein - seit 1981 Metropol - in der Hernalser Hauptstr. Nr. 55, wurde kurz vor 1860 erbaut und 1872 - 1907 etappenweise unter Georg Klein erweitert. Der Große Saal über annähernd quadratischem Grundriss mit überhöhtem schmalem Lichtgaden auf Gusseisensäulen weist architektonische Parallelen zum „Gschwandner“ auf.
Das Casino Zögernitz in der Döblinger Hauptstraße war ein beliebter Treffpunkt der Wiener Gesellschaft. Hier traten, wie im Etablissement Gschwandner, Strauss und Joseph Lanner auf.

Der aus 1827 stammende Salle de Bal beim Palais Clam-Gallas in der Währinger Straße 30 war früher Teil eines Gasthauses. Zunächst der Veranstaltungsort biedermeierlicher Gesellschaftsbälle, etablierte sich bald ein Kaffeehaus, das ab der Mitte des 19. Jahrhunderts unter dem Namen „Walhalla“ geführt wurde. Dieses Etablissement entwickelte sich zu einem der berüchtigtsten Lokale, sodass es in der Wiener Sittengeschichte des 19. Jahrhunderts eine bedeutende Rolle einnahm.

Weitere Beispiele waren das Casino Dommayer im 13. Bezirk (heute steht an dieser Stelle das Parkhotel Schönbrunn), die Sofiensäle, das Café-Restaurant im k.k. Augarten, das k.k. Prater Cafe-Restaurant, das k.k. Volksgarten-Cafe, das Restaurant k.k. Gartenbau-Gesellschaft, der 1859 eröffnete Drehersaal bzw. Drehers Etablissement (Landstraßer Hauptstr. 97), die 1894 im Dreher-Park im 12. Bezirk (Schönbrunner Str. 307) aufgebaute und rund 4.000 Personen fassende Katharinenhalle oder das Hameau-Holländerdörfl in Neuwaldegg.

Die „Neue Welt“ war um 1882 ein erstrangiges Sommervergnügungsetablissement (13. Bezirk, Areal Hietzinger Hauptstr., Lainer Str., St.-Veit-G.) mit einer sogenannte Alhambra, ein in maurischem Stil ausgeführter Holzbau „von prächtiger Wirkung“. Bei manchen Festen zählte man bis zu 6.000 Besucher.
„Der Schwender“ war ab 1835 ein Vergnügungsetablissement am Braunhirschengrund (auch Schwenders Casino bzw. Schwenders Kolosseum genannt; 15. Bezirk, Mariahilfer Straße/Reindorfgasse). Der Betrieb wurde 1897 geschlossen und der Gebäudekomplex 1898 demoliert. Heute erinnern noch die 1894 benannte Neue-Welt-Gasse und die Schwendergasse daran.

Nach der wechselvollen und vielfältigen Geschichte des Etablissements Gschwandner darf man also gespannt sein, was die Zukunft bringen wird. Vielleicht kann man schon bald wieder, wie in guten alten Zeiten, beim Gschwandner einkehren und, wie einst Julius Löwy als Schlusssatz in seinem Artikel über die „Wiener Heurigen-Dynastien“ im Illustrierten Wiener Extrablatt aus dem Jahre 1883 formulierte, ausrufen:
„Also das nächste Mal beim Gschwandner!“

 
Buchtipps:

Das Gschwandner: Ein legendäres Wiener Etablissement
von Astrid Göttche und Erich Bernard (Hrsg.), Metro Verlag Wien, 2012

Ornament and the Grotesque: Fantastical Decoration from Antiquity to Art Nouveau
von Alessandra Zamperini, Thames & Hudson, London, 2008
 

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