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„Ich musste Dinge sagen, die gesagt werden mussten…“Im Widerstand gegen die ganze Welt. Zum 60. Todestag des Komponisten Arnold Schönberg

Gouache von Arnold Schönberg: Selbstporträt, um 1910

Arnold Schönberg (1874-1951): Selbstporträt, um 1910, Gouache auf Papier
© Belmont Music Publishers, Pacific Palisades, CA/ VBK, Wien

Brief von Arnold Schönberg an Julius Toldi, 16.9.1949

Brief von Arnold Schönberg an Julius Toldi, 16.9.1949
© Belmont Music Publishers, Pacific Palisades, CA 

Ölbild von Arnold Schönberg: Vision

Arnold Schönberg: Vision, Öl auf Leinwand
© Belmont Music Publishers, Pacific Palisades, CA/ VBK, Wien

Ölbild von Arnold Schönberg: Gehendes Selbstporträt, 1911

Arnold Schönberg: Gehendes Selbstporträt, 1911, Öl auf Pappe
© Belmont Music Publishers, Pacific Palisades, CA/ VBK, Wien

Foto Arnold Schönberg an seinem Webster Wire Recorder, Los Angeles 1948

Arnold Schönberg an seinem Webster Wire Recorder, Los Angeles 1948, Foto von Richard Fish
© Arnold Schönberg Center

Foto Arnold und Gertrude Schönberg mit Tochter Nuria, Palm Beach 1936

Arnold und Gertrude Schönberg mit Tochter Nuria, Palm Beach 1936
© viennatouristguide.at

Foto Ehrengrab Arnold Schönberg am Wiener Zentralfriedhof

Ehrengrab Arnold Schönberg am Wiener Zentralfriedhof
© viennatouristguide.at

Musikautograph von Arnold Schönberg: Hochzeitslied, 1900

Arnold Schönberg: Hochzeitslied, 1900; Unterschutzstellung durch das BDA im Jahre 2006, erworben vom Arnold Schönberg Center

Ein gedruckter Dankesbrief mit handschriftlicher Widmung Arnold Schönbergs an den Komponisten Julius Toldi vom 16. September 1949 wurde aufgrund seiner musikwissenschaftlichen und kulturgeschichtlichen Bedeutung unter Denkmalschutz gestellt und gelangte in die Sammlung des Wiener Schönberg-Centers

„Mr. & Mrs. Julius Toldi:
Erst nach dem Tode anerkannt werden------!
Ich habe in diesen Tagen viel persönliche Anerkennung gefunden, worüber ich mich sehr gefreut habe, weil sie mir die Achtung meiner Freunde und anderer Wohlgesinnter bezeugt.
Andererseits aber habe ich mich seit vielen Jahren damit abgefunden, dass ich auf volles und liebevolles Verständnis für mein Werk, für das also, was ich musikalisch zu sagen habe, bei meinen Lebzeiten nicht rechnen darf. Wohl weiss ich, dass mancher meiner Freunde sich in meine Ausdrucksweise bereits eingelebt hat und mit meinen Gedanken vertraut worden ist. Solche mögen es dann sein, die erfüllen, was ich vor genau siebenunddreißig Jahren in einem Aphorismus voraussagte:
‚Die zweite Hälfte dieses Jahrhunderts wird durch Ueberschätzung schlecht machen, was die erste Hälfte durch Unterschätzung gut gelassen hat an mir.’
Ich bin etwas beschämt über all diese Lobpreisungen.
Aber ich sehe dennoch auch etwas Ermutigendes darin. Nämlich: Ist es denn so selbstverständlich, dass man trotz dem Widerstand der ganzen Welt nicht aufgibt, sondern fortfährt aufzuschreiben, was man produziert?
[…]
Vielleicht musste auch ich Dinge sagen, unpopuläre anscheinend, die gesagt werden mussten.
Und nun bitte ich Sie […] dies anzunehmen als einen Versuch, meine Dankbarkeit auszudrücken.
Vielen, herzlichsten Dank!
Arnold Schoenberg
Los Angeles, California, 16. September 1949“
(Auszug aus dem gedruckten Text)

Arnold Schönberg (Wien 1874 - Los Angeles 1951) hat als Schöpfer der Zwölftontechnik und Autor musiktheoretischer Schriften bahnbrechende Neuerungen in der Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts bewirkt und damit die abendländische Musik revolutioniert. Der im Juli 1951 in der Emigration verstorbene Komponist, Maler und Musiktheoretiker gilt als Begründer der „2. Wiener Schule“ und „Klassiker“ der Moderne, dessen Werke heute weltweit aufgeführt und umjubelt werden.

Dass Schönberg als Emigrant in Frankreich und in den USA in schwere wirtschaftliche Bedrängnis und psychische Isolation geriet und auch in reifen Jahren noch um Anerkennung seines Werks kämpfen musste, ist heute vielfach vergessen. Rassisch verfolgt und seiner revolutionären Kompositionen wegen als „Kulturbolschewist“ angefeindet, entschloss er sich 1933 auf Drängen seiner Freunde, das nationalsozialistische Deutschland zu verlassen und flüchtete nach Paris, später in die USA. In den 18 Jahren, die er nach seinem Fortgang aus Berlin in der Neuen Welt zubrachte, musste er wiederholt um finanzielle Unterstützung ansuchen und für die Aufführung seiner Werke kämpfen, weil er sich keiner kommerziellen Musikrichtung anzupassen bereit war.

Von 1936 an unterrichtete Arnold Schönberg an der University of California Los Angeles (UCLA) klassische Formenlehre und bezog mit seiner - noch wachsenden - Familie ein Haus in nachbarschaftlicher Nähe zu George Gershwin. Die Emigration hatte ihn nicht nur heimatlos, sondern auch „sprachlos“ gemacht, die mangelnde Würdigung seines Schaffens deprimierte ihn und bewirkte schließlich einen vorübergehenden Stillstand seiner musikalischen Produktion.

Dies änderte sich, als er 1940 die amerikanische Staatsbürgerschaft erhielt. Nun war er es, der seine in Österreich und Deutschland verbliebenen politisch bedrängten Kollegen unterstützte, indem er ihnen „Affidavits“ ausstellte und damit die Ausreise ermöglichte. Los Angeles entwickelte sich zunehmend zu einem Zentrum deutscher Emigranten, es bildete sich eine wahre Kolonie von Schriftstellern, Philosophen und Musikern europäischer Herkunft. Schönberg begann wieder zu komponieren, trat in eine neue Schaffensphase ein. Der psychische Schmerz und die Verbitterung saßen jedoch tief. Mit seinem 1946 komponierten Werk „Ein Überlebender aus Warschau“, op. 46, schuf er, basierend auf einem Bericht eines polnischen Juden, ein musikalisches Dokument tiefster Erschütterung.

Die zahlreichen Ehrungen anlässlich seines 75. Geburtstages betrachtete Schönberg wohl als späte Anerkennung seines Lebenswerks, doch konnten sie ihn über die Bedrängnis der wirtschaftlich schweren Jahre nicht ganz hinwegtrösten. Der Brief vom 16. September 1949 wurde in vervielfältigter Form an alle Gratulanten übersandt, denen er sich besonders verpflichtet fühlte. Aufgrund des kritischen Gesundheitszustandes, der ihn zunehmend der Öffentlichkeit entzog, wurde und wird das Schreiben in der Fachliteratur gleichsam als Abschiedsschreiben und Vermächtnis an die Nachwelt betrachtet.

Dem gedruckten Brief an Julius Toldi hat Schönberg aber auch eine persönliche Widmung angefügt, in der er dem Adressaten und dessen Frau für geleistete Dienste aufrichtig dankt. Der Komponist, Dirigent und Musikkritiker Julius Toldi zählte zu den begabtesten Schülern Schönbergs. 1891 in Wien geboren, absolvierte er ein Violinstudium bei Arnold Rosé und ein Kompositionsstudium bei Franz Schreker an der Wiener Musikakademie, bevor er sein Studium bei Arnold Schönberg begann, der ihm zu einem Lehrstuhl am Wiener Volkskonservatorium verhalf. Schönberg hielt Toldi für einen „außerordentlich interessanten und technisch hochbegabten Musiker“ und führte ihn in einer Publikation als einen der wenigen Schüler an, denen er „sein ganzes Wissen vermitteln konnte“. Toldi emigrierte 1937 in die USA, arbeitete dort als Dirigent an verschiedenen Opernhäusern und lehrte an der Western Reserve University in Cleveland, Ohio.

Der Kontakt mit Arnold Schönberg blieb weiterhin bestehen. Wie aus der persönlichen Widmung hervorgeht, verdankte Schönberg Toldi die Veranstaltung von Konzerten im Rundfunk, was für ihn, der sich zunehmend einem Boykott seiner Werke ausgeliefert sah, außerordentlich viel bedeutete. Seiner Wahrnehmung nach waren es letztlich nur wenige Personen, die seine Größe erkannten und sich für die Verbreitung seiner Musik einsetzten. Julius Toldi war einer von ihnen. Er wurde mit der Dankesbezeugung des großen Musikers seinerseits geehrt und sollte, nach Schönbergs Verheißung, mit ihm zusammen in die Musikgeschichte eingehen.

Den ExpertInnen des Schönberg-Centers sei für wertvolle fachliche Hinweise gedankt.


Literatur:
+ Erwin Stein (Hrsg.): Briefe. Mit Faksimile und Porträt, Mainz 1958. Dankesbrief vom 16. 9. 1949, S. 301, als Faksimile auf S. 1
+ Willi Reich: Arnold Schönberg oder der konservative Revolutionär. Wien/ Frankfurt/ Zürich 1968, Dankesbrief vom 16. 9. 1949 abgedruckt S. 290/291
+ Arnold Schönberg: Aufgabe des Lehrers in: Gesammelte Schriften 1, Fischer Verlag Reutlingen 1976, Zitat: „Daher gab es nicht allzu viele Schüler, denen ich mein ganzes Wissen […] vermitteln konnte…!“, S. 446
+ Eberhard Freitag: Arnold Schönberg mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Rowohlt Monographie (Hrsg. Wolfgang Müller und Uwe Naumann), 12. Auflage, Hamburg 2004, S. 157 ff.
+ Therese Muxeneder/ Eike Feß: Aus dem Archiv. Neuerwerbungen. In: Newsletter No 20, September 2008 – Januar 2009, S. 4
+ http://www.usc.edu/libraries/archives/schoenberg/ltrto-t.htm. Letters to Schoenberg from „T“. Datenbank der University of Southern California
 

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