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Der Schatz im GartenPrivatmann entdeckt spektakulären spätmittelalterlichen Schatzfund im Raum Wiener Neustadt

Fingerring mit Steineinlagen

Spätmittelalterliche Gewandspange mit Lilienmotiv

Spätmittellalterlicher Fingerring mit Adlerdarstellung

Spätmittelalterliche Gürtelschnalle mit figürlicher Darstellung

Fragment eines spätmittelalterlichen Gefäßes

Von links nach rechts: Mag. Dr. Thomas Kühtreiber, Akademie der Wissenschaften, Mag. Nikolaus Hofer, BDA, Präsidentin Dr. Barbara Neubauer, BDA, Marcus-Manuel Mollner, Kornmesser Fine Jewelry

Am 2. Mai wurde einer der bedeutendsten mittelalterlichen Schatzfunde Österreichs in der Wiener Hofburg erstmals der Öffentlichkeit präsentiert

2010 wurde dem Bundesdenkmalamt ein sensationeller Schatzfund aus dem Raum Wiener Neustadt gemeldet, der bei einer Pressekonferenz am 2. Mai erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt wurde.

Kuriose Fundgeschichte

Die Geschichte von der Auffindung des Schatzes könnte fast aus einem Hollywood-Drehbuch stammen: Ein Privatmann (er möchte auf eigenen Wunsch anonym bleiben, ist dem BDA aber namentlich und persönlich bekannt) hebt in seinem Garten eine Grube für sein geplantes Biotop aus und findet seltsame, metallisch glänzende Objekte in einer lehmigen Verfärbung. Aufgrund eines aufziehenden Gewitters verstaut er das Konvolut schnell in einem Kübel im Keller und vergisst es wieder. Jahre später fallen ihm die nunmehr getrockneten Objekte beim Ausräumen des Kellers wieder in die Hände, und er beginnt im Internet zu recherchieren. Unter den sofort einprasselnden, großteils eher dubiosen Kaufangeboten findet sich auch die E-Mail eines archäologisch interessierten Niederösterreichers, der dem Finder zur sofortigen Kontaktaufnahme mit dem Bundesdenkmalamt (BDA) rät. Der Finder schreibt also den zuständigen Referatsleiter an und bittet ihn, sich die "Metallringerln" einmal anzusehen. Und der Amtsarchäologe kann es kaum glauben, als ihm Tage später tatsächlich "ein Schatz in einem Plastik-Sackerl" auf den Tisch gestellt wird.

Sensationeller Schatzfund

Es klingt unglaublich - aber nach allen bisherigen Erkenntnissen ist die Fundgeschichte tatsächlich so abgelaufen. Fakt ist, dass es sich beim "Schatzfund von Wiener Neustadt" um einen der bedeutendsten mittelalterlichen Schatzfunde aus dem Boden Österreichs handelt. Der Fundkomplex umfasst 153 größere Objekte und Fragmente; dazu kommen noch ungefähr 75 Kleinstfragmente. Etwa ein Drittel der Objekte ist vollständig erhalten, während der Rest beschädigt oder überhaupt fragmentiert ist. Das Gesamtgewicht beträgt etwa 2,3 Kilogramm. Die Objekte bestehen offenbar großteils aus vergoldetem Silber, doch müssen hier Materialanalysen noch Klärung bringen.
Der Schatz setzt sich im Wesentlichen aus 5 Objektkategorien zusammen: Unter den Fingerringen stechen die Objekte mit Freundschaftssymbolik (Händereichen), die zahlreichen Siegelringe (teils mit Adler) sowie die Stücke mit gefassten (Halbedel-?)Steinen hervor.  Die prächtigen Gewandspangen sind nur in wenigen Typen - diese jedoch stets mehrfach - vertreten. Auffällig ist hier neben der sehr ähnlichen Ausführung die häufige Verwendung des Lilienmotivs. Die wenigen Gürtelbestandteile zeichnen sich durch eine besonders hochwertige Fertigung aus; hier sind auf jeden Fall Beziehungen in den französischen Raum festzustellen. Das Tafelgeschirr schließlich besteht aus einer großen Gruppe von unterschiedlichsten Gefäßfragmenten sowie einer kleineren Anzahl von Silberlöffeln. Auffällig ist, dass das Tafelgeschirr durchwegs beschädigt oder fragmentiert in den Hort gelangt ist. Offensichtlich wurde also auch "Altmetall" verborgen, das zur Wiedereinschmelzung vorgesehen war.

Aufwändige Suche nach der Ursache der Verbergung

Die Ursache der Verbergung ist vorläufig noch ungeklärt. Denkbar wäre ein überraschendes Ereignis, etwa ein Überfall oder eine Seuche, das den Besitzer (wohl ein Goldschmied/Händler) zum Vergraben seines Eigentums bewogen hat. Es könnte sich jedoch auch um verborgenes Raub- bzw. Diebesgut handeln; auch die "sichere Verwahrung" von Handelsgut ist denkbar. Einige Objekte entsprechen qualitativ auf jeden Fall dem "Top-Standard" ihrer Zeit. Nach einer ersten Durchsicht sind die Funde in den Zeitraum von etwa 1250 bis 1350 einzuordnen.
Die zahlreichen noch offenen Fragen zum Schatzfund sollen im Rahmen eines interdisziplinären wissenschaftlichen Projektes geklärt werden, das unter der Leitung des Bundesdenkmalamtes (Nikolaus Hofer) mit einem internationalen Fachgespräch am 1. Juni 2011 starten soll. Nach Abschluss des Projektes sollen die Ergebnisse in einer hochwertigen Publikation vorgelegt werden. Der Finder strebt zudem die Präsentation in einem Museum an. Bis zum Ende der wissenschaftlichen Bearbeitung wird der Schatz leider nicht öffentlich zugänglich sein.

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