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Stigma als Auszeichnung Max Oppenheimers Interpretation von Leid und Erlösung

Ölbild Max Oppenheimer: Die Geißelung

Max Oppenheimer (1885-1954): Die Geißelung, Öl auf Leinwand, 195 x 152,5 cm

© im Kinsky

Max Oppenheimer: Die Geißelung, Detail

Max Oppenheimer: Die Geißelung, Detail

© im Kinsky

Ölbild Luca Signorelli: Geißelung Christi, 1508

Luca Signorelli (um 1441-1523): Geißelung Christi, 1508, Öl auf Holz, 33,1 x 39,5 cm

© Kulturstiftung der Länder

Ölbild El Greco: Auferstehung Christi, um 1600

El Greco (Domenicos Theotocopoulos) (um 1541-1614): Auferstehung Christi, um 1600, Öl auf Leinwand, 275 x 127 cm

© artnet.de

Aquarell Egon Schiele: Halbakt (Selbstdarstellung), 1911

Egon Schiele (1890-1918): Halbakt (Selbstdarstellung), 1911, Bleistift, Aquarell, Deckfraben, Deckweiß auf Papier, 44,7 x 31,3 cm

© Sammlung Leopold

Foto Max Oppenheimer in seinem Berliner Atelier, 1927

Max Oppenheimer in seinem Berliner Atelier, 1927

© ADN-Bildarchiv, Berlin

Egon Schiele: Porträt Max Oppenheimer, 1910

Egon Schiele: Porträt Max Oppenheimer, 1910, Aquarell, Tusche, schwarze Kreide auf Papier

© paintingmania.com

Das 1913 entstandene Ölgemälde „Geißelung“ von Max Oppenheimer (MOPP) wurde von der Ausfuhrabteilung des BDA als expressionistisches Meisterwerk unter Denkmalschutz gestellt.

Maximilian (Max) Oppenheimer, 1885 als Sohn des Journalisten und Redakteurs Ludwig Oppenheimer in Wien geboren, entstammte einem assimiliert jüdischen Elternhaus, dem er seine Rastlosigkeit, aber auch seine Neugierde und Experimentierfreudigkeit zuschrieb. Der zeichnerisch wie musikalisch hochbegabte Knabe erhielt seine künstlerische Ausbildung an der Wiener und Prager Kunstakademie. Oppenheimer war ein Studienkollege und Freund von Egon Schiele und Oskar Kokoschka, mit Letztgenanntem verband ihn aber auch erbitterte Rivalität. Einundzwanzigjährig schloss er sich der Künstlergruppe „OSMA“ an, der ersten tschechischen Avantgarde-Gruppierung, 1908 stellte er auf der Wiener „Kunstschau“ erstmals ein Selbstporträt aus. Nach der Rückkehr in seine Geburtsstadt startete er eine Karriere als Porträtist der Künstler- und Intellektuellenszene und wurde zu einem der führenden Protagonisten der Wiener Moderne. Trotz seiner beachtlichen Erfolge ging er 1912 nach Berlin, später in die Schweiz und wieder nach Berlin, weil die Lebensbedingungen in seiner Vaterstadt nach dem 1. Weltkrieg zu trist waren. Noch vor Hitlers Machtergreifung verließ er Deutschland und flüchtete 1938 nach New York, wo er 1954 völlig vereinsamt starb.

Infolge seiner Emigration sowie der Flucht und Verfolgung vieler seiner Auftraggeber verblasste Oppenheimers Ruhm in der Nachkriegszeit, bis er durch fachlich fundierte Ausstellungen und Publikationen in den letzten Jahrzehnten wieder neu entdeckt wurde. Heute wird „MOPP“ zu den Protagonisten des Expressionismus und darüber hinaus der österreichischen Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts gezählt.

Neben seiner Tätigkeit als Porträtist setzte sich Oppenheimer immer wieder mit religiösen Themen auseinander. Die 1913 entstandene „Geißelung“ ist ein ebenso eindrucksvolles wie herausragendes Werk in seinem Oeuvre und bringt seinen expressionistischen Stil par excellence zum Ausdruck: Inmitten einer Gruppe nackter Jünglinge wird der gerade aufgerichtete, überlängte Körper eines Mannes präsentiert, der von den Umstehenden gegeißelt und gemartert wird. In Anlehnung an spätgotische und manieristische Christusmartyrien bildet der Körper des Gepeinigten den zentralen Mittelpunkt der Komposition und zugleich eine Achse für die spiegelbildlich angeordneten Körper der Folterknechte. Beeinflusst durch die – etwa zeitgleich entwickelten – Techniken des analytischen Kubismus splittert der Künstler die Körper in scharf konturierte Schrägen und Winkel auf, die in den bizarren Lichtern sowie in den Tüchern im unteren Bildbereich ihre Fortsetzung finden. Die Dynamik entspringt weniger der konkreten Darstellung des Geschehens als der Licht-Schattenführung auf den kunstvoll verschränkten Gliedern der Akteure. Vergleichsweise ruhig verweilt der Gemarterte mit zurück geneigtem Haupt, umgeben von einer sternförmigen Lichtaura und einem zackenförmig gefältelten Tuch am Boden. Die weiße Farbakzentuierung untermauert seine Unschuld, die blutig roten Tücher zu Füßen der Peiniger sind hingegen ein untrügliches Symbol der Schuld.

Trotz der Nacktheit der Körper und der vom Kubismus geprägten Abstrahierung der Formen kommt der religiöse Charakter unmissverständlich zum Ausdruck. Der jüdischstämmige, hochsensible Künstler greift, bedingt auch durch autobiographische Beweggründe, das Sujet des Leidens und Erduldens Christi auf und setzt es auf seine sehr persönliche Weise um. Oppenheimer, der sich aufgrund seiner Homosexualität an den Rand der bürgerlichen Gesellschaft gedrängt fühlte, wollte mit dem Aufgreifen neutestamentarischer Themen das „Pharisäertum“ seiner Zeit anprangern und der in veralteten Moralvorstellungen verfangenen, scheinheiligen Gesellschaft einen Spiegel vorhalten. Der christliche Erlösungsgedanke bot ihm Trost in seiner persönlichkeitsbedingten Isolation.

In der „Geißelung“ wird der von der Gruppe ausgestoßene, psychisch wie physisch Gepeinigte zum Inbegriff des wehrlosen, von der Gesellschaft diskriminierten Einzelgängers. Oppenheimer war sich der Provokation, die die Darstellung nackter Körper in Verbindung mit einem christlichen Sujet auslösen kann, durchaus bewusst. Er war sich aber auch bewusst, dass kein anderes Mittel die Hilflosigkeit und Verwundbarkeit eines Menschen so drastisch zum Ausdruck bringen würde wie die Zur-Schau-Stellung der körperlichen Nacktheit. Die kompositionell wie koloristisch herausragende Leidensfigur erfährt durch die Peinigung eine mystische Überhöhung, die als Auszeichnung zu verstehen ist. Im Moment der größten Pein setzt sich der Gepeinigte über seine Peiniger hinweg und gehört bereits einer anderen, besseren Welt an. Thema ist also nicht nur das christliche Thema von Leid und Erlösung, sondern auch die Verklärung und Glorifizierung des Leidenden. Das Gemälde gewinnt damit den Charakter eines religiösen und politischen Mahnmals.

Obwohl beinahe einhundert Jahre alt, hat das inzwischen denkmalgeschützte Werk nichts an Aktualität einbebüßt; es wird heute als Ikone der österreichischen Moderne verstanden und gerühmt.

Literatur:
+ Hochschule für angewandte Kunst: Die Vertreibung des Geistigen aus Österreich – zur Kulturpolitik des Nationalsozialismus. Ausstellungskatalog Wien 1985, S. 263 ff.
+ G. Tobias Natter: MOPP Max Oppenheimer 1885 – 1954, Ausstellungskatalog Jüdisches Museum der Stadt Wien 1994, S. 12 ff.
+ Marie-Agnes von Puttkamer: Max Oppenheimer – MOPP (1885 – 1954). Leben und malerisches Werk mit einem Werkverzeichnis der Gemälde. Wien-Köln-Weimar 1999, WV 86
+ Tobias G. Natter: Die nackte Wahrheit. Klimt- Schiele- Kokoschka und andere Skandale. Ausstellungskatalog Leopold-Museum Wien 2005, S. 17 ff.
+ Wieland Schmied: Der Stachel im Fleisch. Konfrontationen und Kontinuitäten. In: Österreich 1900 – 2000. Ausstellungskatalog Museum Essl Klosterneuburg 2006, S. 22 ff.
 

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