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Archäologie im SteinbruchDer Kanzelkogel bei Graz vor 6000 Jahren und heute

Eine Auswahl der gefundenen Geweihgeräte.

Blick auf den Kanzelkogel von Westen_Foto M. Roscher

Grabungsarbeiten auf der Kanzel_1_Foto M. Trausner

Prächtig verzierte Gefäßkeramik bezeugt die Bedeutung des Kanzelkogels.

Bevor die Mur das Grazer Becken erreicht, durchbricht sie in einer Talenge mit steilen Felswänden die letzte Gebirgsschwelle. Hier erhebt sich am linken Ufer in der Gemeinde Gratkorn der Kanzelkogel zu einer Seehöhe von 615 m. Erst seit kürzerer Zeit ist bekannt, dass vor etwa 6000 Jahren in dieser exponierten Lage eine Siedlung der Kupferzeit bestand.

Denkmalschutzmaßnahmen blieben insofern erfolglos, als der über Murtal und Bundesstraße situierte Kanzelkogel im Randbereich eines seit langem betriebenen Steinbruchs als so instabil gilt, dass eine baldige Abtragung unvermeidlich ist.
Eigentümer, Betriebsleitung und ArchäologInnen standen 2010 vor der schwierigen Aufgabe, eine größere Fläche von etwa 1800 m² während des laufenden Steinbruchbetriebs archäologisch so weit zu untersuchen, dass diese Ersatzmaßnahme den absehbaren Verlust der Fundstelle einigermaßen wettmacht. Das unwegsame Gelände erforderte den Einsatz von Spezialbaggern, die besondere Gefahrensituation verlangte besondere Sicherungen der Arbeitskräfte. Bewusst hat das Bundesdenkmalamt die Leitung und damit die Verantwortung für diese ungewöhnliche Grabung übernommen, die vom Verein Kulturpark Hengist (Wildon, Ch. Gutjahr, M. Trausner) zusammen mit der St:WUK (Steirische Wissenschafts-, Umwelt- und Kulturprojektträgergesellschaft) im Rahmen eines AMS-Steiermark-Projektes durchgeführt wurde.
Gelungen sind die Befundung und Sicherung von großflächigen, meist schon auf dem Felsen aufsitzenden, massiven (bis zu einer Stärke von etwa 1,5 m) und ausgesprochen fundreichen Abfall- und in geringerem Ausmaß auch Erosionsschichten. Die Situation lässt sich dahingehend interpretieren, dass einst im Gipfelbereich vorhandene Holzbauten der Erosion zum Opfer gefallen sind und nur die Abfallschichten unterhalb des Gipfels erhalten blieben.
Für das Fundmaterial lässt sich vorläufig der Zeitraum von zirka 4100 bis 3650 v. Chr. angeben. Neben teilweise prächtig verzierter Gefäßkeramik, Spinnwirteln, Webstuhlgewichten und Stempeln sind Steinartefakte (Pfeilspitzen aus Silex, Beile u. a.), massenhaft Tierknochen (darunter auch Fischwirbel und -schuppen), bearbeitete Tierknochen (z. B. Knochennadeln, durchbohrte Tierzähne/Knochenanhänger) und Geweihgeräte, Steinperlen sowie einige Gegenstände aus dem damals erstmals auftretenden Kupfer vertreten. Eine Auswahl der Fundgegenstände sind derzeit im Landeskonservatorat Steiermark zu besichtigen. Hinweise für eine Kupferverarbeitung vor Ort sind gefundene Gusslöffelfragmente mit anhaftenden Kupferresten. Dieses besonders reiche Fundspektrum mit Bezug zu unterschiedlichen Kulturgruppen macht den Kanzelkogel zur interessantesten Fundstelle der Kupferzeit in der Steiermark.
Das nächste Jahr wird die vollständige Gewinnung des Fundmaterials, die nächsten Jahre hoffentlich dessen Auswertungen bringen. Sicherungsmaßnahmen und Abbautätigkeit am Kanzelkogel können dank des Miteinanders alle Beteiligten jetzt schon ohne Verzögerung in Angriff genommen werden.

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