Zur Navigation springen |Zum Inhalt springen
 
 

Eine fast vergessene musikalische Romanze:
Gustav Mahler und Anna von Mildenburg

Anna von Mildenburg als Königin von Saba, 1901

Anna von Mildenburg als Königin von Saba, 1901 © ÖTM

Gustav Mahler, eh. Brief vom 4. Juni 1898, wahrscheinlich an Hermann Behn

Gustav Mahler, eh. Brief vom 4. Juni 1898, wahrscheinlich an Hermann Behn © BDA

Gustav Mahler (1860-1911): Komponist, Dirigent und Direktor der Hofoper

Sein 150. Geburtstag wird heuer gefeiert: Gustav Mahler (1860-1911) -  Komponist, Dirigent und Direktor der Hofoper © ÖNB, Bildarchiv

Anna Bahr-Mildenburg als Brünnhilde in "Die Walküre" von Richard Wagner, um 1920

Anna Bahr-Mildenburg als Brünnhilde in "Die Walküre" von Richard Wagner, um 1920 © ÖNB, Bildarchiv

Die Musikerin Natalie Bauer-Lechner war Gustav Mahler in rein platonischer Liebe ergeben

Die Musikerin Natalie Bauer-Lechner war Gustav Mahler in rein platonischer Liebe ergeben © www.mugi-hamburg.de

Alma Mahler-Werfel, Muse und Gemahlin Gustav Mahlers, 1909

Alma Mahler-Werfel, Muse und Gemahlin Gustav Mahlers, 1909 © ÖNB, Bildarchiv

"Ich war ganz entsetzt darüber, als ich hörte, daß die Mildenburg aufgetreten ist. Ich bin meiner Behörde gegenüber nun desavouirt; denn ich verlautbare, daß sie nicht in der Lage ist aufzutreten."



Ein Brief, der im Dezember 2008 im Dorotheum Wien versteigert wurde, gibt interessante Einblicke in Leben und Charakter von Gustav Mahler (1860–1911 ), dessen 150. Geburtstag im Juli 2010 begangen wird.
Gleichzeitig setzt das Schriftstück gewissermaßen den Schlusspunkt unter eine der großen, wenngleich fast vergessenen Romanzen der Musikgeschichte – jene zwischen Gustav Mahler und Anna von Mildenburg (1872–1947). Mit der jungen, aus Görz stammenden Sängerin, die später zur bedeutendsten Wagner-Interpretin ihrer Zeit werden sollte, verband den Komponisten eine gleichermaßen leidenschaftliche wie bewegte Liebesbeziehung, die in Mahlers Leben mehr Gewicht hatte als lange Zeit angenommen.

Bereits die erste Begegnung von Gustav Mahler und Anna von Mildenburg bei einer Probe zur Walküre in Hamburg 1895 verlief äußerst spannungsgeladen – die verschreckte junge Sängerin brach in Tränen aus über den Zorn des berühmt-berüchtigten Kapellmeisters, der sie erst anschrie, dann auslachte, dann wieder brüllte und sie schließlich tröstete – und doch schreibt Anna von Mildenburg über diesen Moment: „Das erste was mir Gustav Mahlers Art gab, war ein von allen Bedenken und Befürchtungen befreiendes, erlösendes Vertrauen.“ Und Gustav Mahler fand in der jungen Sängerin „eine Künstlerin, die seinem Genauigkeitsfanatismus ebenso gerecht wurde wie sie seine Forderungen nach dem emotionellen Tiefgang jeder musikalischen Interpretation zu erfüllen vermochte.“

Mahler gehörte neben Cosima Wagner zu den Persönlichkeiten, die Anna von Mildenburg künstlerisch am meisten prägen sollten. „Korrektheit ist die Seele einer Kunstleistung“ gab er der jungen Sängerin von Beginn an mit auf den Weg. Mit ihrer kräftigen Statur, ihrer außergewöhnlichen Körpergröße und der hochdramatischen Sopranstimme war Anna prädestiniert für Wagner-Heroinen. Zunächst noch ungelenk, steif und ungeschickt, wurde sie unter Mahlers Führung bald zur klassischen Bühnendarstellerin, die „der dramatischen Wahrhaftigkeit alles andere unterordnet“.

Bald schon ging der Austausch von Briefen, Büchern und kleinen Geschenken in eine leidenschaftliche, höchst komplexe, aber auch sehr schwierige und oftmals belastende Liebesbeziehung über. Besonders in der Anfangszeit wurden Mahlers extreme und überschwängliche Gefühle durch Anna von Mildenburgs launen- und sprunghaftes Naturell auf eine harte Probe gestellt. Und doch hatte Mahler in der Mildenburg eine ebenbürtige Künstlerin gefunden, der er zutraute, seine musikalischen Schaffensprozesse nachvollziehen und verstehen zu können.

Mit Mahlers Weggang aus Hamburg schien auch das Ende der Beziehung besiegelt. Nichtsdestotrotz fühlte sich Mahler der Künstlerin Mildenburg verpflichtet und bemühte sich, ihre Karriere weiterhin zu fördern und sie nach Wien zu holen. Er stellte ihr jedoch ein schriftliches Ultimatum: Sollte sie die Stelle in Wien annehmen, so wäre es „durchaus nöthig ... daß wir dann unseren persönlichen Verkehr auf das Weitgehendste einschränken, um nicht uns Beiden das Leben wieder zur Pein zu gestalten“ (Brief vom Juli 1897). Anna stimmt offensichtlich zu und bereits im Dezember 1897 gab sie ein Gastspiel in Wien. Die Beziehung zu Gustav Mahler dürfte zu diesem Zeitpunkt im Abklingen begriffen gewesen sein: Zu Beginn des Jahres 1898 hatte Anna eine Affäre mit dem Anwalt und Komponisten Hermann Behn (1859–1927 ), der zu Mahlers engstem Hamburger Freundeskreis gehört hatte.
Mahler, dem einerseits bei Frauen Zurückhaltung nachgesagt wurde, hatte andererseits vor seiner Beziehung zu Anna von Mildenburg zahlreiche Liebschaften und Affären, die auch seine Musik beeinflussten. So resultierten aus seiner unerwiderten Leidenschaft zu Josefa Poisl 1879/80 drei Lieder, die er ihr widmete. Die Sängerin Johanna Richter inspirierte ihn 1884/185 zu den Liedern eines fahrenden Gesellen. Und auch die Liebe zu der verheirateten Marion von Weber blieb musikalisch nicht ohne Folgen. Sie gilt als wichtiger Auslöser für die Entstehung der 1. Sinfonie ab 1888. Zwischen den Verbindungen mit Anna von Mildenburg und Alma Schindler, den mit Abstand wichtigsten Liebesbeziehungen seines Lebens, pflegte Mahler eine kurzzeitige Affäre mit der Sängerin Selma Kurz und vermutlich auch mit ihren Kolleginnen Marie Gutheil-Schoder, Rita Michalek und Sophie Sedlmair, wobei nicht alle Romanzen tatsächlich bewiesen sind.
Eine besondere Verbindung war jene mit der Geigerin Natalie Bauer-Lechner (1858–1921), die dem Komponisten jedoch in rein platonischer Liebe ergeben war. Ihre Aufzeichnungen über jede von Mahlers Äußerungen, die sie ab 1893 in ihrem Tagebuch festhielt, zählen zu den wichtigsten Dokumente zur Persönlichkeit des Komponisten.

Spannend und aufschlussreich ist der Brief vom 4. Juni 1898, der im Dezember 2008 im Wiener Dorotheum versteigert wurde. Mit größter Wahrscheinlichkeit an den bereits erwähnten Freund Hermann Behn gerichtet, beklagt Mahler, dass die vertraglich schon an Wien gebundene Mildenburg in Hamburg aufgetreten sei, obwohl er den Freund schon im April ersucht hatte: „Deinen ganzen (und ev. auch meinen) Einfluß aufzubieten, um zu verhindern, daß sie sich etwa von der Hamburger Direktion breitschlagen läßt, nochmals aufzutreten. – Das darf unter keinen Umständen geschehen! Sie soll schauen nun bis zum Herbst ganz zu gesunden, um hier dann eine ihrer würdige Laufbahn zu beginnen, zu der sie alle ihre Kräfte braucht.“ Offensichtlich ließ die Mildenburg sich jedoch “breitschlagen“ und trat noch zweimal vor Hamburger Publikum auf, am 29. Mai als Erste Dame in der Zauberflöte und am 31. Mai in der Rolle der Penelopeia in der Oper Odysseus’ Heimkehr von August Bungert, mit der sie ihren Abschied von Hamburg nahm. Mahler war darüber verständlicherweise verärgert. Zum einen fürchtete er um ihre ohnedies schon angeschlagene Stimme, zum anderen war Anna von Mildenburg durch eine Vorverlegung des Vertragsdatums ab 1. Juni 1898 offizielles Ensemblemitglied der Wiener Hofoper. Dadurch durfte das Wiener Publikum mit gutem Grund erwarten, seinen neuen Star bereits vor Beginn der Herbstsaison zu hören, da doch die Saison in Wien erst am 12. Juni endete. Mahler hatte jedoch, wie im gegenständlichen Brief ausgeführt, seiner vorgesetzten Behörde versichert, dass mit einem Auftritt der Mildenburg aus gesundheitlichen Gründen nicht zu rechnen wäre. Durch ihr unüberlegtes Vorpreschen in Hamburg war er nun in höchstem Maße blamiert. Außerdem „bin ich ganz unglücklich, zu hören, daß sie nicht im Vollbesitze ihrer Stimmittel ist. Ich habe sogar die allarmirendsten Gerüchte darüber vernommen. Gebe Gott, daß dieselben übertrieben sind. Ich finde es gewissenlos, daß sie überhaupt aufgetreten ist.“

Doch scheint die Beziehung zwischen Gustav Mahler und Anna von Mildenburg schon dermaßen zerrüttet gewesen zu sein, dass er seinem Ärger nur noch über Dritte Luft macht. Mit Beginn der neuen Saison in Wien,  zwei Monate später, ist die einstmals so leidenschaftliche Liebe einem rein geschäftlichen Verhältnis gewichen.
Auch die in freundschaftlich-distanziertem Ton gehaltenen Briefe Gustav Mahlers an die Sängerin sind ab Ende August 1898 ganz abrupt und für alle Zeiten nicht mehr im vertrauten „Du“, sondern im distanzierten „Sie“ abgefasst. Eine Schroffheit, die Anna von Mildenburg sehr geschmerzt haben muss, da sie Mahler stets in tiefer Zuneigung verbunden blieb und sich erst durch die Ehe mit dem Schriftsteller, Dramatiker und Kritiker Hermann Bahr (1863–1934) emotional von ihm löste.
Obwohl die Beziehung zu Anna von Mildenburg in der Literatur oftmals hinuntergespielt und als bloße Affäre abgetan wird (verständlicherweise ganz besonders in den Erinnerungen von Alma Mahler-Werfel), war sie für Gustav Mahler von immenser Bedeutung und muss im Hinblick auf die Intensität der Gefühle als nahezu gleichbedeutend mit jener zu Alma gesehen werden.

Der Brief beleuchtet nicht nur die Beziehung dieser beiden schillernden Persönlichkeiten, sondern gibt auch Einblick in die Aufführungspraxis am Wiener Opernhaus und die „Organisationsproblematik“, die durch die damals bereits europaweit gefeierte Diva mit ihren Befindlichkeiten ausgelöst wurde. Das Schreiben wurde im Zuge einer Dorotheum-Auktion unter Schutz gestellt und gelangte in eine renommierte Wiener Privatsammlung.

Weiterführende Literatur:

BAHR-MILDENBURG Anna: Erinnerungen, Wien/Berlin 1921
FISCHER, Jens Malte: Gustav Mahler, Der fremde Vertraute, Wien 2003
LA GRANGE, Henri-Louis de: Mahler, Vol. I, London 1976; Vol II Oxford/NY 1995
WILLNAUER III, Franz (Hrsg.): Gustav Mahler „Mein lieber Trotzkopf, meine süße Mohnblume“, Briefe an Anna von Mildenburg, Wien 2006

Druckersymbol Druckversion