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„Ich fühle deine Küsse so warm so heiß – Kathi du hast ... mein Bluth getrunken“ Katharina Schratt und Graf Hans Wilczek – sensationelle Entdeckung von Liebesbriefen des Nebenbuhlers von Kaiser Franz Joseph

Meine Kathi - nicht ich al[l]ein bin zu bedauern - nein - du Kathi du bist zu bedauern", eigenhändig

Meine Kathi - nicht ich al[l]ein bin zu bedauern - nein - du Kathi du bist zu bedauern", eigenhändiger Brief von Hans Graf Wilczek an Katharina Schratt, 1886 © Bundesmobilienverwaltung

Heinrich von Angeli, Bildnis der Katharina Schratt, 1886, Wien, Hermesvilla

"Die liebe, gute Freundin",  Bildnis der Katharina Schratt von der Hand Heinrich von Angelis, 1886, Wien, Hermesvilla © Dorotheum

Hans Graf Wilczek (1837-1922), glühender Verehrer der Katharina Schratt

Eifersüchtig auf Kaiser Franz Joseph: Hans Graf Wilczek (1837-1922), glühender Verehrer der Katharina Schratt © ÖNB, Bildarchiv

Kaiser Franz Joseph, ca. 1885, Fotograf: Carl Pietzner

Eifersüchtig auf Hans Graf Wilczek: Kaiser Franz Joseph, ca. 1885, Fotograf: Carl Pietzner © www.de.wikipedia.org

Kaiserin Elisabeth

Förderte die Verbindung zwischen Katharina Schratt und ihrem Gemahl: Kaiserin Elisabeth © www.mayerling.de

"Dein dein dein Hans", Schreiben von Hans Graf Wilczek an Katharina Schratt

"Dein dein dein Hans", Schreiben von Hans Graf Wilczek an Katharina Schratt © Bundesmobilienverwaltung

„Katherl – was ich dabei fühlte hab ich nicht für möglich gehalten fühlen zu können – obwohl ich mich genau kenne – und ich mir ungeheueres zutraue – Katherl jetzt sehe ich erst was ich leide fern von dir – und wie ich dich liebe – wie ich an dir halte – und was du mir bist“

Diese Zeilen finden sich in einem Brief, den der damals fast fünfzigjährige Aristokrat neben zahlreichen weiteren Schreiben im Frühsommer 1886 an die Jahrzehnte jüngere Hofschauspielerin Katharina Schratt richtete. Das Konvolut von Schriftstücken wurde im Juni 2008 im Wiener Dorotheum angeboten und konnte nunmehr von der Bundesmobilienverwaltung erworben werden.

Bisher war Hans Graf Wilczek vor allem als Bauherr der Burg Kreuzenstein, Förderer der von Julius Payer und Karl Weyprecht geleiteten Österreichisch-Ungarischen Nordpolexpedition sowie als Mitinitiator des Makartfestzugs von 1879 bekannt. In die österreichische Geschichte ist Wilczek als Mitbegründer der Wiener Freiwilligen Rettungsgesellschaft – Vorläuferin der Wiener Berufsrettung – eingegangen, die er und Jaromir Mundy infolge des katastrophalen Ringtheaterbrands im Dezember 1881 ins Leben riefen. Der auch körperlich herausragende Wilczek – er war fast zwei Meter groß - war nicht nur vorbildlicher Mäzen der Künste und Wissenschaft, sondern, wie die vorliegenden Schreiben nunmehr eindeutig belegen, auch Liebhaber der Schauspielerin Katharina Schratt. Bisher war lediglich bekannt, dass er zum engeren Freundeskreis der „lieben, guten Freundin“ des Kaisers gehörte. Eifersüchtige Bemerkungen in Briefen Kaiser Franz Josephs und einschlägige Nachforschungen der Historikerin Brigitte HAMANN ließen eine engere Beziehung zwischen den beiden jedoch vermuten.

Wilczek war seit 1858 mit Emma geb. Gräfin Emo-Capodilista, einer Hofdame der Erzherzogin Sophie, vermählt. Der Ehe entsprossen in vier Jahren vier Kinder, 1886 hatte das gräfliche Paar bereits seine silberne Hochzeit hinter sich. Nach den Vorstellungen seiner Zeit war Wilczek eine standesgemäße Verbindung eingegangen, persönliche Neigungen waren jedoch von sekundärer Bedeutung, die Erwartungen an die Ehe eher nüchtern: Sie sollte nach außen funktionieren und den gesellschaftlichen Erwartungen standhalten. Die von der Untreue betroffene Ehefrau musste nicht um ihre Stellung fürchten, da Ehen sowohl von kirchlicher Seite als auch durch die Standeserwartungen als unauflösbar galten.

Darstellende Künstlerinnen standen durch ihre exponierte Position am Rande der Gesellschaft. Sie genossen daher eine erotische Freiheit, die Frauen „höheren“ Standes nicht zugestanden wurde – das Bild der Frau fokussierte sich im ausgehenden 19. Jahrhundert auf die Gegenpole Madonna und Hure, ebenso wurde zwischen der „reinen“ häuslichen Liebe und der „sinnlichen“ Liebe unterschieden, die Farbe in den eintönigen Alltag (eines Mannes) bringen sollte. Für eine Schauspielerin oder Sängerin galt es zudem als prestigeträchtig, eine Beziehung zu einem prominenten Mitglied des Herrscherhauses oder der hohen Aristokratie zu haben. Aufgrund des zwangsläufig schlechten Rufes, den Schauspielerinnen aufgrund ihrer Präsenz in der Öffentlichkeit hatten, kam es häufig zu Liaisonen, seltener zu Eheschließungen zwischen Schauspielerinnen und Aristokraten, etwa Charlotte Wolter, die eine verehelichte Gräfin O’Sullivan war, oder Katharina Schratt, die mit einem ungarischen Aristokraten verheiratet war. Arthur Schnitzler vermerkt in seinem Tagebuch, dass „die Offiziere seit Jahren gewohnt sind, das Theater als ihr Bordell zu betrachten“. Dementsprechend hatten auch zahlreiche Mitglieder des Erzhauses Liebesbeziehungen zu Schauspielerinnen des Hofburgtheaters und zu Tänzerinnen der Hofoper.

Katharina Schratt hatte 1883 die Berufung an das Hofburgtheater erhalten. Nach einer privaten Festvorstellung in Schloss Kremsier im August 1885, wo sie vor Kaiser Franz Joseph, seiner Gemahlin und dem russischen Zarenpaar auftrat, förderte Kaiserin Elisabeth, die seit Jahren fast ständig auf Reisen war, die Verbindung ihres vereinsamenden Gemahls zu der „gnädigen Frau“. 1886 erhielt Heinrich von Angeli, Hofmaler der europäischen Fürstenhöfe, von der Monarchin den Auftrag, Katharina Schratt zu porträtieren. Die vorerst ahnungslose Künstlerin erfuhr erst knapp vor Vollendung des Bildes, wer der Adressat ihres Porträts sein sollte. Angeli arrangierte im Einverständnis mit Kaiserin Elisabeth in seinem Atelier ein „zufälliges“ Zusammentreffen der Schauspielerin mit dem Kaiser. Zwei Tage nach dieser Begegnung erhielt „die Schratt“ den ersten Brief des Kaisers, dem in den folgenden 30 Jahren noch unzählige folgen sollten. Das vollendete Bildnis wurde im Arbeitszimmer des Kaisers in der Hermesvilla im Lainzer Tiergarten aufgehängt.
Als Wilczek von dem Zusammentreffen des Kaisers mit der Schauspielerin im Atelier Angelis erfuhr, reagierte er eifersüchtig: „Katherl wenn Dir bei Angeli nur nicht doch etwas geschah – zwar Dir nicht – aber mir, ich muß immer daran denken – und frage mich – was denkt mein Katherl darüber? – wird mir das nicht etwas von ihr nehmen?“


1886 mietete die Schratt erstmals die Villa Frauenstein in einem Waldgebiet am äußersten Ende des Wolfgangsees, wo sie auch von Wilczek besucht wurde: „Kathi wie gut warst du in der Nacht für mich – wie noch nie – ich fühle deine Hand – sie hat ja meinen ganzen Leib berührt – ich fühle deine Augen sie haben mich so liebevoll angesehen. Ich fühle deine Küsse so warm so heiß – Kathi du hast mich gebißen – mein Bluth getrunken – Kathi es gehört ja dein (sic!) mein Blut ... Frauenstein musst du gern haben – nicht weil ich eine Nacht mit dir dort glücklich war – nein – weil es herrlich ist – weil es schön ist – weil es der richtige Rahmen für dich ist – ich war entzückt davon – was thuts wenn Gäste kommen – unerwartet bewirtet werden sollen – man gibt ihnen was man hat, an der Schönheit u. Lieblichkeit des Orthes sollen sie sich erfreuen – anderes dürfen sie nicht verlangen oder zulange bleiben – Katherl laß mich doch bei dir weilen .... aber alein (sic!) mit dir – kein Buttler (sic!) soll uns stören kein Kaiser.“ Kaiser Franz Joseph kam regelmäßig zum Frühstück in die idyllisch gelegene Villa.


Wilczek drängte in seinen Briefen die Schauspielerin, ihm den Vorzug zu geben: „Du bist nicht glücklich du stehst deinem eigenen Glück im Wege – und ich – durch unsere Liebe – dein Herr und Meister ich werde dir es wehren  – uns so unglücklich zu machen und so sehr zu quälen.“ Wilczek war besessen von Katharina Schratt: Obgleich er sie in seinen fast täglichen Briefen mit an Obsession grenzender Hartnäckigkeit belagerte, ließ ihn die Schauspielerin offenbar gerne zappeln und erwies sich als äußerst sparsam mit ihren Liebesbekundungen. Auch  in ihrer Zuwendung zu Kaiser Franz Joseph ließ sie sich nicht beirren. Immer wieder fertigte sie die leidenschaftlichen Bekundungen des verliebten Grafen kühl ab. „Kathi du bist zu bedauern – das Glück nicht zu verstehen geliebt zu werden – nicht lieben zu wollen – wen[n] man lieben kann“, klagt der unglückliche Graf in einem der Briefe. Wiederholt bekräftigt er seine leidenschaftliche Zuneigung zu Katharina Schratt: „Katherl – du weißt daß ich nie im Leben eine Frau so namenlos geliebt habe wie ich dich liebe du meine Kathi – ich habe nie jemand so zärtlich gern gehabt – war nie so ergeben so treu – nie war mir ein Wesen – so alles – wie du – nie habe ich die Wollust empfunden – keinen Willen zu haben – nur deinen Willen zu erfüllen – Katherl das geht mir aber jetzt an’s Leben.“

Die Briefe an Katharina Schratt waren bis zur Versteigerung im Juni 2008 nicht bekannt. Sie entstanden in der Zeit einer innigen, offenbar konfliktreichen Beziehung zwischen dem alternden Aristokraten und der jungen, schönen Schauspielerin und gewähren tiefe Einblicke in das Wesen eines österreichischen Aristokraten des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Schlaglichtartig beleuchten sie zudem die ambivalenten Moralvorstellungen der Gesellschaft in der Spätzeit der Monarchie.
Mit der Unterschutzstellung sollen der Zusammenhalt des Konvoluts und der Verbleib im Inland gesichert werden.

Weiterführende Literatur:
Brigitte Hamann, Meine liebe, gute Freundin! Die Briefe Kaiser Franz Josephs an Katharina Schratt, Wien 1992
Martina Winkelhofer, Adel verpflichtet. Frauenschicksale in der k.u.k. Monarchie, Wien 2009

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