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Denkmalschutz für eine Knappenkeusche

Die "Balgerkeusche" in Semlach, auf der "Sonnseite" des Hüttenberger Erzberges

Südwestecke des Wohntraktes

Zugang zum unterkellerten Raum an der Südseite des Wohntraktes

Eingang an der Westseite des Wohntraktes

Mitteltram der Stube mit Zirkelschlagrosette und einer Datierung "1818"

Ofen mit Buckelkacheln aus der Bauzeit

Nördlich angebauter Wirtschaftsteil mit Stall und darüber liegender Scheune

Gemauerter Stalltrakt des Wirtschaftsteils

Die letzte Knappenkeusche am Hüttenberger Erzberg steht in Semlach, einem alten Siedlungs- und Bergbaugebiet zwischen Knappenberg und Lölling.

Anlagen des Bergbaus und der Verhüttung werden heute vielfach als technische Montandenkmale erhalten und zum Teil touristisch genutzt. Auch die Baukultur der Montanunternehmer ist mit Schlössern und Gewerkenhäusern aus der Zeit des 16. bis 19. Jahrhunderts gut dokumentiert. Im Gegensatz dazu ist der Bestand an Bergmannshäusern so gering geworden, dass noch erhaltene Beispiele dringend geschützt werden müssen.

Die Tradition des Bergbaus reicht am Hüttenberger Erzberg bis in die Römerzeit zurück. Bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts erfolgte die Erzverhüttung überwiegend im Stuckofenbetrieb in kleinen Hütten. Die Umstellung vom Stuck- zum Floßofenbetrieb brachte organisatorische Umstrukturierungen mit sich, so dass sich das Eisenwesen zu Beginn des 19. Jahrhunderts auf nur vier Großgewerkschaften verteilte. Der beispiellose Aufschwung im Hüttenberger Eisenwesen erfolgte in den sechs Jahren nach 1820 und zeigt sich in durchgreifenden Ausbauten aller Bergbaue am Erzberg sowie der Schmelzbetriebe im Löllinger und im Mosinzer Graben. Die Gewerkschaften schlossen sich 1869 zur Hüttenberger-Eisenwerks-Gesellschaft zusammen, die 1881 in die Österreichisch-Alpine-Montangesellschaft eingebracht wurde. Mit der Stilllegung des letzten Hochofens 1908 in der Heft und der endgültigen Betriebseinstellung 1978 ging am Hüttenberger Erzberg eine fast zwei Jahrtausende währende Bergbautradition und eine jahrhundertealte Betriebsgeschichte zu Ende.

Im gesamten Bereich des Kärntner Erzberges befindet sich eine große Anzahl von Bauten, die im Zusammenhang mit der Erzgewinnung, -förderung und-verhüttung stehen: Hochöfen, Eisenwerke, Werksgebäude, Bremsberge und Bremsenhäuser, Bergämter, Gruben- und Gewerkenhäuser. In Zeiten der Hochkonjunktur im Eisenwesen wuchs der Bedarf an Fach- und Hilfsarbeitern: Sie wurden zum Teil in "Knappenhäusern" (Massenunterkünften) untergebracht oder siedelten sich in der Nähe ihrer Arbeitsstätten an. Seit dem 19. Jahrhundert prägten Knappensiedlungen und -keuschen das Bild der Hauslandschaft des Erzberges. In den 1920er Jahren wurde von der Österreichisch-Alpinen-Montangesellschaft ein Knappendorf nach Plänen der Architekten Siegfried Theiss und Hans Jaksch am Knappenberg errichtet: Diese einheitlich gestaltete Siedlungsanlage wurde im Jahr 1992 unter Denkmalschutz gestellt. Von den von Knappen selbst erbauten Keuschen ist hingegen fast nichts erhalten: Ursachen für das Verschwinden der alten Bergmannshäuser liegen zum einen in der geringen Wertschätzung einer als "ärmlich" empfundenen anonymen Architektur, zum anderen im Wandel der Lebensverhältnisse nach einem in den 1860er Jahren einsetzenden allgemeinen Produktionsrückgang in der Kärntner Eisenwirtschaft. Nach Aufgabe des Bergbaues verblieb ein Teil der Montanbevölkerung als bäuerliche Siedler - aus den ehemaligen Knappenkeuschen wurden Bauernhäuser.

Die so genannte "Balgarkeusche" in Semlach ist das letzte Beispiel einer Knappenkeusche am Hüttenberger Erzberg. Schon ihr Vulgarname verweist auf die Funktion als Knappenunterkunft der Herrschaft Dickmann-Secherau: der "Balger" war nämlich für die Wartung der Blasbälge bei den Hochöfen in der Lölling zuständig.

Das Haus entspricht dem Typus eines in Mischbauweise errichteten, in der Giebellinie zweigeteilten Einhofes über längsrechteckigem Grundriss. Geländebedingt sind Wohn- und Wirtschaftsteil ebenerdig in Firstrichtung hintereinander angeordnet, so dass sich eine streckhofähnliche Hausform ergibt. Der in Massivbauweise errichtete Wohnteil ist eingeschossig, der in Mischbauweise errichtete Wirtschaftsteil besteht aus einem gemauerten Stalltrakt und einer darüber in Ständerbauweise errichteten Holzscheune als Heubergeraum und Dreschtenne: Die holzsparende Bauart der Scheune mit einfachem Bundwerk ist typisch für Bergbaugebiete, wo Holz für den Eigenbedarf nur sparsam verwendet werden konnte. 

Die Grundrissdisposition im Inneren entspricht der eines Flurküchenhauses und zeigt eine symmetrische Dreiteilung: Beiderseits einer quer zum First angeordneten Mittellabn liegen je eine Stube und Kammer. Neben der in solchen Bauten üblichen Rauchküche und Ofenstube gab es auch eine so genannte "Warterstube", einen auf Grund der drückenden Wohnungsnot notwendigen Schlafraum für ledige Knappen. Das Motiv einer Zirkelschlagrosette mit der Jahreszahl "1818" schmückt den Mitteltram der Ofenstube. Aus dieser Zeit ist auch die übrige Ausstattung - Steinplatten- und Dielenböden, Holztramdecken, Bohlentüren und ein Ofen mit Buckelkacheln - noch unverändert erhalten.

Die Keusche vermittelt noch heute einen Eindruck von der ansonsten kaum dokumentierten Alltagskultur der Unterschicht der Bergbautreibenden. Aufgrund der montanhistorischen, bau- und sozialgeschichtlichen, volkskundlichen und kulturellen Wertigkeit des Hauses wurde im Frühjahr 2008 vom Landeskonservatorat für Kärnten ein Unterschutzstellungsverfahren eingeleitet. Derzeit planen die Eigentümer eine Sanierung und  Adaptierung für Wohnzwecke, wodurch  der Fortbestand der letzten Keusche am Hüttenberger Erzberg langfristig sicher gestellt werden kann!

 Oktober 2009

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