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„Eine Erscheinung von gehobenem Liebreiz…“(Ludwig Hevesi) Die schöne Trauernde vom Grab der Gabriele Radetzky

Kunststeinabguss der Marmorfigur

Detail des Kunststeinabgusses der Marmorfigur © BDA

Historische Aufnahme der Grabanlage der Familie Radetzky-Liebig: vor Entfernung der Marmorfigur

Historische Aufnahme der Grabanlage der Familie Radetzky-Liebig vor Entfernung der Marmorfigur © BDA

Grabanlage der Familie Liebig-Radetzky: nach Entfernung der Marmorfigur

Grabanlage der Familie Liebig-Radetzky: nach Entfernung der Marmorfigur © BDA

Büste der Gräfin Gabriele Johanna Radetzky von der Hand Victor Tilgners

Büste der Gräfin Gabriele Johanna Radetzky von der Hand Victor Tilgners © Wien, Privatsammlung

Grabanlage der Familie Liebig-Radetzky: nach Aufstellung des Kunststeinabgusses der Marmorfigur

Grabanlage der Familie Liebig-Radetzky nach Aufstellung des Kunststeinabgusses der Marmorfigur © BDA

Eine weitere Trauerfigur von Victor Tilgner - hier auf der Grabanlage der Familie Holly auf dem Wien

Eine weitere Trauerfigur von Victor Tilgner - hier auf der Grabanlage der Familie Holly auf dem Wiener Zentralfriedhof © BDA

Die Grabstätte Victor Tilgners auf dem Wiener Zentralfriedhof

Die Grabstätte Victor Tilgners auf dem Wiener Zentralfriedhof © BDA

Eine Grabanlage am Wiener Zentralfriedhof erhält durch Aufstellung einer Kopie aus Kunststein ihr ursprüngliches Erscheinungsbild und ihren Charme zurück

Gabriele Johanna Radetzky war erst 25 Jahre alt, als sie im März 1888 in Wien verstarb. Die junge Frau entstammte der böhmischen Industriellenfamilie Liebieg und war mit dem k.k. Kämmerer und Rittmeister Theodor Graf Radetzky (1851 – 1890) verheiratet, einem Enkel des österreichischen Feldmarschalls Johann Joseph Wenzel Graz Radetzky von Radetz (1766 – 1858). Nach ihrem plötzlichen Tod ließ ihr Gatte ein standesgemäßes Grabmal auf dem Wiener Zentralfriedhof errichten, das das Andenken der früh Verschiedenen bewahren und ihr Unsterblichkeit verleihen sollte.

Für die Gestaltung wählte er den akademischen Bildhauer Victor Tilgner (Bratislava 1844 – Wien 1896), der mit der skulpturalen Ausstattung zahlreicher gründerzeitlicher Monumentalbauten betraut war, aber auch als bevorzugter Porträtbildhauer der Wiener Gesellschaft galt. Auf ihn gehen auch die Brunnenanlagen des Jagschlosses Lainz („Hermesvilla“) sowie der Tritonbrunnen im Wiener Volksgarten zurück. In seinen Grabmonumenten verbindet Tilgner zumeist eine klassisch-strenge Architektur mit der Lebendigkeit und Sinnlichkeit jugendlicher Frauenfiguren, die er mit einem Hauch von Wehmut und Abschiedsschmerz versieht. Sie gehören zu den gelungensten und berührendsten Schöpfungen auf dem Zentralfriedhof und der historistischen Bildhauerkunst überhaupt.

Auch das Grabmal der Gabriele Liebieg-Radetzky gehört dem Typus des architektonischen Grabmals an. Dem Schema des römischen Memorialbaus folgend, besteht es im Wesentlichen aus einer von kanellierten Säulen getragenen Ädikula mit vorgestellter Treppe und zentraler Scheintüre. In der Frieszone ist der Name “Liebieg-Radetzky“ eingemeißelt, am Tympanon befindet sich ein Christusmonogramm. Der römische Architekturtypus verbindet sich somit inhaltlich mit dem christlichen Gedächtniskult. Die halb geöffnete Scheintüre ist als Symbol des Übergangs zwischen Diesseits und Jenseits zu verstehen, sie markiert die Schwelle zwischen den beiden Welten. Kompositorisch betrachtet ist sie das zentrale Kernstück der Architektur. Sie kann aber auch als Anspielung auf die christliche Ikonographie der „Paradiesestür“ bzw. des „Höllentores“ gedeutet werden, wie sie im Mittelalter den gotischen Kathedralen vorgestellt waren. An beiden Seiten der Ädikula schließen konkav gewölbte Balustraden an, durch die der davor liegende Raum mit der Grabplatte optisch in die Anlage eingebunden wird.


Den eigentlichen Blickpunkt des Grabmals bildet aber die lebensgroße weibliche Trauerfigur, die die Stufen zur halb geöffneten Tür emporsteigt, als würde sie im nächsten Moment den Tempel betreten. Die auffallend schöne, elegante Frauengestalt trägt, wie in der Fachliteratur vermutet wird, die Züge der jung verstorbenen Gräfin Gabriele Radetzky. Ihr melancholischer Blick trifft auf den tiefer stehenden Betrachter, dem sie durch ihre Aufwärtsbewegung zu entgleiten scheint. Den Körper in ein langes, sich bauschendes Hemd gehüllt, das eine Schulter entblößt und die Füße unbedeckt lässt, ist sie in ihrer Aufmachung und Haltung einer antiken Göttin oder Priesterin nachempfunden. Indem sie mit der rechten Hand sanft nach oben weist und den Kopf zurückneigt, scheint sie im Schreiten einen Augenblick zu verweilen. Tilgner wollte den Moment des Abschiednehmens festhalten: Der wehmütige Blick der Schönen soll dem trauernden Gatten gelten. Theodor Radetzky verstarb bereits zwei Jahre nach seiner Gattin im August 1890 und ließ sich an der Seite Gabrieles bestatten.

Steinerne Trauerfiguren auf Gräbern folgen der Tradition der antiken Klagefrauen und sind als Allegorie der Trauer per se zu verstehen. Bei der Grabmalgestaltung des ausgehenden 19. Jahrhunderts wie des fin-de-siècle spielen sie eine sehr wesentliche Rolle: Der Gegensatz zwischen einer jungen, blühenden Gestalt und dem Tod als Ende alles Irdischen wurde gerade im Wien des ausgehenden 19. Jahrhunderts als faszinierendes, äußerst reizvolles Sujet empfunden, das auf manchen Friedhöfen einen wahren Wettstreit skulpturaler Schöpfungen hervorrief, zumal Friedhöfe auch zunehmend als Landschaftsgärten betrachtet wurden. Inhaltlich gesehen greifen sie aber auch die barocke Idee der „Psyche“ auf, also der personifizierten Seele, die nach dem Tod in den Himmel aufsteigt. Die Aufwärtsbewegung der Schreitenden kann also auch in diesem Sinne interpretiert werden. Ob die Marmorskulptur am Grab der Gabriele Radetzky nun als Allegorie der Trauer mit den Zügen der verstorbenen Gräfin gedacht war oder als deren personifizierte Seele, die dem Paradies zustrebt, vielleicht auch nur als weiblicher Aufputz auf einer der großartigsten Friedhofsanlagen Europas dienen sollte, sei dahin gestellt. Aus kunsthistorischer Sicht ist sie jedenfalls eine außerordentlich qualitätvolle Schöpfung ihrer Zeit, die den vielfach publizierten Hauptwerken Victor Tilgners gleich gestellt werden kann.

Als die Marmorfigur vor etwa 20 Jahren ohne Wissen und Genehmigung des BDA vom Grabmal entfernt wurde, sorgte dies verständlicherweise nicht nur bei der Behörde für große Aufregung und Entrüstung. Die kostbare Marmorskulptur gelangte in den Kunsthandel, galt über viele Jahre hindurch als verschollen und wurde schließlich von einem oberösterreichischen Sammler erworben. Eine Rückführung an ihren Ursprungsort scheiterte an der der komplizierten rechtlichen Situation, ein Erwerb durch eine prominente öffentliche Sammlung an mangelnden finanziellen Möglichkeiten.

Nach über 20 Jahren wurde nun ein Abguss der Marmorfigur aus Kunststein entdeckt, der bei der Abtragung des Originals angefertigt worden war und ebenfalls einen mehrfachen Eigentümerwechsel hinter sich hatte. Der nunmehrige Eigentümer stimmte einer Aufstellung am Grabmal auf dem Zentralfriedhof zu; so konnte nach jahrelangen Bemühungen der Ausfuhrabteilung wie des Landeskonservatorats für Wien das ursprüngliche Erscheinungsbild der Grabanlage wieder hergestellt werden. Nach letzten Ausbesserungsarbeiten präsentiert sich die Anlage wieder mit einer schönen Trauernden, die mit ihrer Anmut und Melancholie immer noch zu rühren vermag. Das Grabdenkmal hat seinen eigentlichen Charakter und seine Würde zurückerhalten.

Den Besuchern und Besucherinnen des Wiener Zentralfriedhofs sei verraten, dass sich die Grabstätte Victor Tilgners ebenfalls auf dem Zentralfriedhof befindet, in nicht allzu großer Distanz zum Radetzky-Grabmal. Und auch Tilgners Grab wird von einer schönen Trauernden geziert.

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