Zur Navigation springen |Zum Inhalt springen
 
 

Verblasster Glanz in neuem LichtDie vergessene Glasgeschichte des Waldviertels

Lage der untersuchten Glashütten auf einer Karte in der "Topographia Windhagiana".

Das Innere der Glashütte Reichenau auf einer Darstellung in der "Topographia Windhagiana".

Standort der ehemaligen Glashütte von Reichenau.

Keramische Ofenbausteine von der Hütte Schönfelderhof.

Kleine Glasschmelzhafen aus Reichenau.

Charakteristische Produktionsreste aus Reichenau.

Farbenspektrum der Reichenauer Glasfunde.

Blauer Henkelbecher aus Reichenau.

Kelchglas-Stielfragmente in Form von Löwenkopfen aus Reichenau.

Halsfragment einer Glasflasche (Kuttrolf) aus Reichenau.

Tellerglas-Rohling aus Reichenau.

Neue Forschungen rücken die bislang kaum beachtete niederösterreichische Glasproduktion des 17. Jahrhunderts ins denkmalpflegerische Rampenlicht

Das heute – nicht zuletzt wegen seines namengebenden Waldreichtums – vornehmlich mit naturverbundenem Tourismus identifizierte Waldviertel im Nordwesten Niederösterreichs blickt auf eine lange handwerklich-industrielle Vergangenheit zurück, deren Ursprünge bereits im Mittelalter liegen. Der Holz- und Wasserreichtum führte ab dem 15. Jahrhundert zur vermehrten Ansiedlung von Glashütten, die bald zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor in der Region wurden. Erst mit der Industrialisierung im Verlauf des 19. Jahrhunderts ging die Zahl der Betriebe im Waldviertel wieder deutlich zurück; heute sind nur mehr wenige Hütten verblieben.
Die Waldviertler Glashütten des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit waren bislang hauptsächlich über schriftliche Nachrichten zu fassen. Von ihrer umfangreichen Produktion war hingegen kaum Näheres bekannt; historisches Glas wurde und wird bis heute im öffentlichen (und wissenschaftlichen) Bewusstsein vornehmlich mit Murano/Venedig, den deutschen „Waldglashütten“ und Böhmen in Verbindung gebracht.
Die jüngst von Kinga Tarcsay vorgelegten archäologischen und historischen Quellen zu der ehemaligen Glashütte Reichenau (1601-1686) und ihren Vorgängerhütten aus dem 16. Jahrhundert korrigieren nun dieses bestehende Bild ganz wesentlich. Die Bauweise der untersuchten Glashütten, vor allem auch ihrer Produktionsöfen, zeigt einen sehr hohen technologischen Standard, der den Vergleich mit den  europäischen Glaszentren Venedig und Böhmen keineswegs zu scheuen braucht. Von vorgefertigten Ofenbausteinen über spezielle Glasschmelzgefäße bis hin zu keramischen „Kühlgefäßen“ konnten zahlreiche innovative Produktionsmittel nachgewiesen werden.
Die zwar stark zerscherbten, aber trotzdem sehr aussagekräftigen Glasfunde der teilweise unter Mitwirkung des Bundesdenkmalamtes durchgeführten archäologischen Ausgrabungen belegen, dass in Reichenau nicht nur das besonders begehrte „farblose“, sondern auch buntes Glas in vielfältigen Formen hergestellt wurde. Neben zum Teil prunkvoll dekoriertem Tafelgeschirr, das mit den damaligen venezianischen Gläsern konkurrieren konnte, wurde auch sogenanntes Tellerglas (eine spezielle Form von Fensterscheiben) erzeugt.
In Verbindung mit den überaus detailgetreuen Darstellungen der Reichenauer Hütte in der „Topographia Windhagiana“, einem bedeutenden kartografischen Werk aus dem Jahr 1656, entsteht durch die Funde ein sehr lebendiges Bild dieses bedeutenden Wirtschaftsbetriebes in Reichenau. Die erfreulich aussagekräftigen Ergebnisse der wissenschaftlichen Auswertung machen aber auch deutlich, dass nur durch archäologische Untersuchungen an einstigen Glashüttenstandorten neue Erkenntnisse über die einstmals blühende Glasindustrie in den Wäldern Niederösterreichs zu erwarten sind. Umso wichtiger erscheint es für die Zukunft, die heute oftmals abseits der bestehenden Siedlungen in Waldgebieten gelegenen ehemaligen Hüttenstandorte verstärkt zu erfassen und denkmalpflegerisch zu betreuen, um diese außergewöhnliche Denkmalgruppe auch künftigen Generationen erschließen zu können.

Lesen Sie zu diesem Thema unsere Neuerscheinung: Frühneuzeitliche Glasproduktion in der Herrschaft Reichenau am Freiwald, Niederösterreich (FÖMat A 19) - erhältlich im Bundesdenkmalamt/Abt. für Bodendenkmale (nur Selbstabholung), beim Verlag oder im gut sortierten Buchhandel!



Druckersymbol Druckversion