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Gut, verhüllt

Unsachgemäße Holzabschlussleiste (links) und deren Abnahme (rechts)

Ansicht des Grazer Uhrturmes vom Hauptplatz, um 1809.

Bruchsteinmauerwerk des frühen 13. Jhdts im Untergeschoß des Uhrturmes

Grazer Schlossberg mit Uhrturm, Ausschnitt der Stadtansicht von L. van de Sype und Wenzel Hollar, um 1635

Bohrkernentnahme an einem Holzbalken zur Altersbestimmung mittels Dendrochronologie

Entnommener Bohrkern mit charakteristischer, datierbarer Verteilung der Wachstumsringe

Nach Abnahme der Untersichtschalung werden die Putzzäsuren zur Außenfassade erkennbar

Uhrwerk datiert mit 1712, hergestellt von Uhrmacher Michael Sylvester Funk

Nach Abnahme der Holzlabschlussleiste zeigen sich die darunter entstandenen Holzschäden

Teilweise angemorschte Holztragkonstruktion des Umganges

Stahlhängekonstruktion zur statischen Absicherung des historischen Holzumganges

Kulturgut, nämlich: Der Holzumgang des Grazer Uhrturmes wird saniert. Dabei kam es zu überraschenden Entdeckungen. 

Seit 1996, als der Uhrturm am Grazer Schlossberg für eine dringend notwendige Fassadensanierung eingerüstet wurde, ist nicht viel Zeit vergangen. Die seit September 2008 bestehende Verhüllung des Grazer Wahrzeichens dient nun der Sanierung des für die Gesamterscheinung bedeutenden und markanten Holzumganges (und finanziert sie, durch die darauf angebrachte Werbung, auch mit). In diesem Zusammenhang konnten auch für die Baugeschichte wichtige Erkenntnisse gewonnen werden.

So konnten im Untergeschoß und Erdgeschoß Mauerwerksstrukturen nachgewiesen werden, die in die 1. Hälfte des 13. Jahrhunderts zu datieren sind und damit ein seltenes Beispiel hochmittelalterlicher Bausubstanz in der Altstadt von Graz darstellen. Auch die in Bruchstein gemauerten Obergeschoße stammen im Kern noch aus zumindest spätgotischer Zeit – ein original vermauerter Kragbalken des Holzumganges konnte mittels Dendrochronologie auf 1474 datiert werden. Die Dendrochronologie ist eine Datierungsmethode, die auf dem unterschiedlichen Jahreswachstum von Holz basiert.
Der im Kern mittelalterliche Wehr- und Wachturm wurde im Zuge der Neubefestigung des Schlossberges in den Jahren 1559 – 1569 umgebaut und mit einem Uhrwerk versehen.
Bis zur Errichtung einer Feueralarmanlage auf der Stallbastei im Jahr 1725 diente der Uhrturm als Feuermeldestelle, 1809 wurde er von der Grazer Bürgerschaft vor der Schleifung durch die französischen Truppen Napoleons bewahrt.

Der Turm über quadratischem Grundriss weist vier riesige Ziffernblätter, den aktuell in Sanierung befindlichen hölzernen Umgang und ein steiles Dach auf. Der südliche, der Stadt zugewandte Eckerker existierte nach aktuellen Baubefunden zumindest seit dem späteren 15. Jahrhundert, wurde aber wie der gesamte Holzumgang um 1625 bis 1630 erneuert. Die anderen Erker wurden erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts hinzugefügt.
Das bestehende Uhrwerk im Inneren wurde 1712 von Michael Sylvester Funck geschaffen. Über der Uhrwerkstube und der Türmerstube mit der Wohnung des Turmwächters befindet sich das Wachgeschoß mit dem hölzernen Umgang.
Die ehemalige Feuerglocke wurde 1645 von Andreas Schreiber gegossen. Die Stundenglocke von "Johannes von Voitsperg" stammt von 1382 und stellt damit die älteste Glocke von Graz dar. Die Viertelstundenglocke stammt aus dem 15. Jahrhundert.
An den Außenwänden sind drei ursprünglich an den Bastionen bzw. Festungstoren angebrachte Wappensteine zu sehen (Steirischer Panther, einköpfiger Adler Kaiser Ferdinands I., Doppeladler mit Initialen Maria Theresias und zwei kleineren Wappen).

Durch unsachgemäße holzbautechnische Detailausbildung einer älteren Sanierung des Holzumganges kam es sowohl an der Außenverkleidung mit Bretterschalung als auch an den Holzbalken der Tragkonstruktion zu Feuchtigkeitsschäden, die rasche Maßnahmen erforderten. Erster notwendiger Schritt dabei war die Entfernung der Schadensursache:
Eine horizontal umlaufende, vor die Holzschalung vorgesetzte untere Abschlussleiste wurde abgenommen. Diese Holzleiste widerspricht den Prinzipien des Holzbaus: Im Gegensatz zu einer technisch richtig ausgeführten Tropfnasenausbildung leitete die Ausführung am Uhrturm das Niederschlagswasser zu den Holzteilen und verhinderte ein Trocknen – in Folge entstanden irreparable Holzschäden.
Die im untersten Bereich vermorschte, vertikale Außenschalung wird bis auf eine durchgehende Höhe mit weitgehend schadfreier Holzsubstanz um einige cm reduziert und hier ein neuer, den Kriterien des Holzbaus entsprechender und formal mit dem historischen Bestand harmonierender unterer Abschluss ausgebildet.

Die erstaunliche Holzqualität der meisten Kragbalken des Holzumganges (dendrochronologisch datiert in die 1620er Jahre) verhinderte trotz langjähriger Schädigung einen größeren Substanzverlust, sodass mit Abbeilen der Schadzonen das Auslangen gefunden werden kann.
Eine erwogene, öffentliche Zugänglichkeit des Uhrturmes musste aufgrund der umfangreichen Sicherheitsauflagen, die massive Eingriffe in die Bausubstanz bedeutet hätten, aufgegeben werden. Um gesicherte statische Verhältnisse am Holzumgang für die notwendigen Wartungsarbeiten zu gewährleisten, war dennoch eine Verstärkung der historischen Holzkonstruktion erforderlich. Diese wurde mittels in das Mauerwerk verankerter, schräg zu den Holzträgern abgespannter Stahlzugelemente erreicht.
Mit diesen Maßnahmen konnte ein weiterer Schritt sowohl für die denkmalgerechte Bestandskonsolidierung des Grazer Wahrzeichens als auch für dessen historische Erforschung gesetzt werden.

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