Zur Navigation springen |Zum Inhalt springen
 
 

„Dass ich zu lieben Dich begann“ Eine Liebesgeschichte in Klosterneuburg - Bearbeitung von Liebesbriefen des jungen Egon Schiele

Egon Schiele der Akademieschüler, 1906

Egon Schiele der Akademieschüler, 1906 © Albertina Wien

Ausschnitt aus einem Liebesbrief von Egon Schiele an Gretl Partonek, mit einem Porträt (?) der Adres

Ausschnitt aus einem Liebesbrief von Egon Schiele an Gretl Partonek, mit einem Porträt (?) der Adressatin, 1906 © Galerie Hassfurther Wien

Selbstbildnis von Egon Schiele, 1906

Selbstbildnis von Egon Schiele, 1906 © Galerie St. Etienne New York

"Der erste Kuß der Liebe", Ausschnitt aus einem Gedicht von Egon Schiele, 1906

"Der erste Kuß der Liebe", Ausschnitt aus einem Gedicht von Egon Schiele, 1906 © Galerie Hassfurther Wien

"Mein Liep - Und sollte ich dich jetzt noch nicht lieben...", eh. Gedicht von Egon Schiele, 1906

"Mein Liep - Und sollte ich dich jetzt noch nicht lieben...", eh. Gedicht von Egon Schiele, 1906 © Galerie Hassfurther Wien

Egon Schiele, Porträt Marie Schiele, Mutter des Künstlers, 1907

Egon Schiele, Porträt Marie Schiele, Mutter des Künstlers, 1907 © privat

Leopold Czihaczek, der Vormund Egon Schieles nach dem Tod des Vaters 1905, Porträt von der Hand Egon

Leopold Czihaczek, der Vormund Egon Schieles nach dem Tod des Vaters 1905, Porträt von der Hand Egon Schieles, 1907 © Galerie St. Etienne New York

Christian Griepenkerl,  Professor Egon Schieles an der Akademie der bildenden Künste in Wien

Christian Griepenkerl, Professor Egon Schieles an der Akademie der bildenden Künste in Wien © Wien Museum

Vor der Akademie der bildenden Künste am Schillerplatz, Juni 1907: 2. Reihe von rechts nach links -

Vor der Akademie der bildenden Künste am Schillerplatz, Juni 1907: 2. Reihe von rechts nach links - Anton Faistauer, daneben Egon Schiele © Dr. W. Fischer London

„Und sollt ich dich jetzt noch nicht lieben,
so sieh Dir meine Augen an,
In dessen Innern steht’s geschrieben,
Daß das nicht ist, ein kurzer Wahn.

Und solltest Du mir’s noch nicht glauben,
Daß ich zu lieben dich begann,
So sieh Dir meine Lippen an- - ;
Die werden manchen Kuss Dir rauben.“ 

Diese innigen Zeilen sind Teil eines Gedichts, das der damals sechzehnjährige Gymnasiast Egon Schiele an ein bislang unbekanntes Mädchen namens Margarethe Partonek in Klosterneuburg richtete. Insgesamt vier Gedichte und zwei Liebesbriefe in Prosa an „Gretl“ („Gretlein“) wurden im November 2007 über das Auktionshaus Hassfurther zum Verkauf angeboten und schließlich vom Leopold-Museum erworben, wo sie nun wissenschaftlich aufgearbeitet und publiziert werden sollen.

Egon weilte bereits seit 1902 in Klosterneuburg bei Wien und besuchte dort das Realgymnasium. Sein Vater, der in Tulln stationierte Eisenbahnbeamte Adolph Schiele, hatte wegen der mangelnden Schulerfolge seines aufgeweckten, aber hauptsächlich künstlerisch interessierten Sprößlings einen Orts- und Schulwechsel veranlasst. In Klosterneuburg sollte Leopold Czihaczek, ein naher Verwandter von Egons Mutter, ein Auge auf den damals erst zwölfjährigen Knaben haben. Nach der krankheitsbedingten frühzeitigen Pensionierung des Vaters übersiedelte jedoch die ganze Familie Schiele nach Klosterneuburg und bezog eine Wohnung in der Ortnergasse, sodass Egon wieder in sein gewohntes Familienleben eingebettet war. Der Tod des Vaters im Jänner 1905 bedeutete für den Knaben einen äußerst schmerzhaften Schicksalsschlag, der sein Leben vehement verändern sollte. Die Familie wohnte von nun an in der Buchberggasse in Klosterneuburg, direkt neben dem Realgymnasium. Leopold Czihacek übernahm die Vormundschaft für den Vierzehnjährigen und plante eine höhere technische Laufbahn für ihn. Als Egon 1906 allerdings wiederum nur schlechte Schulzensuren erhielt und mit dem Repetieren rechnen musste, bemühte sich seine Mutter um eine Stelle im chemigraphischen Betrieb ihres Schwagers, wo der Knabe aber von vornherein abgelehnt wurde.

Um diese Zeit muss die Liebesgeschichte zwischen Egon und Margarethe („Gretl“) begonnen haben. Das Mädchen wohnte offenbar in unmittelbarer Nachbarschaft Egons, sodass er sie von seinem Fenster aus sehen konnte. Gretl dürfte den Annäherungen Egons anfangs auch durchaus wohlwollend gegenüber gestanden haben. Er erwähnt drei von ihr verfasste Briefe, die er über ihren Bruder übermittelt bekommen habe. Doch dann dürfte das „liebste Fräulein“ sich etwas distanziert haben, sodass der Gymnasiast sein Werben intensivieren musste. Ein in Aquarellfarben ausgeführtes Mädchengesicht, das einen der Briefe seitlich ziert, könnte ein Porträt der Angebeteten sein: Ein noch sehr jugendliches, fast kindliches Gesichtchen mit großen braunen Augen und leicht geöffneten vollen Lippen, - ein hübsches, sympathisches Antlitz, umrahmt von einer dichten braunen Lockenmähne. Der angehende Künstler war entzückt und verzaubert.

Die Briefe zeugen von der sehnsuchtsvollen Liebe des Knaben und seinen wiederholten Versuchen einer Kontaktaufnahme. „Sind Sie vielleicht böse auf mich, weil ich „Guatn Tog“ sage oder „Grüß di Got“? Schon die bloße Erscheinung von „Gretlein“ erfreut den Liebenden, der in ihr das „herzzereißendste“ und „rosigste“ Geschöpf der Natur sieht, das ihm zwischen Klosterneuburg und Wien zu begegnen vermag. Seine überschwänglichen Komplimente sollen das Mädchen zu einem geheimen Treffen mit ihm verleiten oder zumindest zu einem weiteren Briefchen. Er bittet die Schöne, sie duzen zu dürfen und wechselt, ohne ihre Antwort abzuwarten, zur vertraulichen Anrede „Verzeihe(n) Sie (Du) mein Geschmier, ich konnte nicht anders schreiben…“. Bald ist das Werben auch mit Eifersucht gemischt „…am 22. waren Sie in Hadersfeld, wo waren Sie am letzten Sonntag?“, und auch Gretl dürfte Zweifel an der Treue des Jünglings geäußert haben. So glaubt er sich verteidigen zu müssen, dass dies „Fräulein von blondem Haar mit einem braunen Augenpaar“ längst vergessen sei, wofür er ihr auch gerne sein Ehrenwort gibt.

Der inzwischen beinahe sechzehnjährige, gut aussehende und hoch kreative Knabe wirbt offensichtlich nicht das erste Mal um ein Mädchen, was er auch gar nicht zu verheimlichen sucht. Er ist leidenschaftlich verliebt und arbeitet beharrlich daran, das Verhältnis zu intensivieren. Schließlich fasst er sich Mut und spricht vom „ersten Kuss der Liebe“ und dem damit verbundenen Entzücken. Ob Gretl ihm diese Gunst auch erwiesen hat, ist nicht bekannt. Die Briefe sind im Zeitraum zwischen März und Juni 1906 verfasst worden (drei davon datiert), also in den Monaten, in denen sich das weitere Schicksal Egons entscheiden sollte:

Auf Anraten der Zeichenlehrer Egons wollte Marie Schiele ihrem Sohn nun nämlich eine Laufbahn an der Wiener Kunstgewerbeschule ermöglichen. Aufgrund der hervorragenden Arbeiten, die der Junge bei der Vorstellung vorlegte, wurde er von den Professoren gleich an die Akademie für bildende Künste am Schillerplatz weiterempfohlen. Egon bestand auch die Aufnahmsprüfung an der Akademie mit Erfolg. Das Telegramm, das der anfangs wenig begeisterte Vormund am 6. Oktober 1906 stolz an seine Gattin in Klosterneuburg übermittelte, wurde bereits mehrfach publiziert. Es beschränkt sich auf drei Wörter: „Egon glänzend durch.“

Der Gymnasiast Egon Schiele wechselte an die Wiener Akademie und lebte fortan nur noch für die Kunst. Der Kontakt zu Gretl Partonek wurde vermutlich abgebrochen. Gretl dürfte ihren liebenden Egon aber doch in Erinnerung behalten haben, da sich beim Briefe-Konvolut auch eine Parte vom November 1918 befand, die vom Ableben des Künstlers berichtet.

Die Gedichte und Liebesbriefe an „Gretl“ dokumentieren, dass Egon Schiele neben seinem außergewöhnlichen bildnerischen Talent auch über eine erstaunliche sprachliche Begabung verfügte, die der breiten Öffentlichkeit immer noch wenig bekannt ist.
Egon besaß bereits als Knabe ein ausgezeichnetes Sprachgefühl, war geistreich, witzig und kreativ. Außerdem stand ihm - wie den meisten Heranwachsenden aus bürgerlichen Kreisen – ausgewählte Literatur zur Verfügung, wie etwa die Gedichte-Sammlung „Ultra Violett“ von Max Dauthendey von 1893, aber auch diverse Werke von Nietzsche und Kant, die den Knaben stark beeinflussten. Tatsache ist, dass Schiele die Sprache für sein Selbstverständnis als Künstler dringend brauchte und Wert darauf legte, dass das von ihm Geschriebene in gleicher Weise geschätzt wurde wie das Gezeichnete und Gemalte. „Alles von meiner Hand, sei es gemalt, gezeichnet oder geschrieben, was ich in den letzten zwei oder drei Jahren herausgab, soll ein Hinweis auf das >Kommende< sein.“ (Egon Schiele, Brief an Leopold Czihaczek 1911)

Veröffentlicht wurden zu Schieles Lebzeiten nur sein Neukunst-Manifest „Die Kunst – der Neukünstler“ sowie zwölf seiner Gedichte und Prosaskizzen in der zwischen 1914 und 1916 herausgegebenen Berliner Zeitschrift „Die Aktion“. Nach Schieles Tod bemühte sich Arthur Roessler um die Publikation der literarischen Arbeiten (1921 „Briefe und Prosa“, 1922 „Im Gefängnis“), bedauerlicherweise aber mit eigenen Korrekturen und Ergänzungen, sodass nicht mehr von authentischen Zeugnissen gesprochen werden kann. 1979 bot Christian Nebehay mit seinem Werk „Egon Schiele. 1890 – 1918 Leben Briefe Gedichte“ eine umfangreiche Gesamtschau zum literarischen Werk des Künstlers. Erst jüngst wurde auch vom Leopold-Museum eine Publikation mit dem Titel „Der Lyriker Egon Schiele“ herausgegeben, in der Briefe und Gedichte aus dem Zeitraum 1910 bis 1912 veröffentlicht werden.

Die emotional berührenden, künstlerisch wie biographisch sehr aufschlussreichen Briefe an Margarethe Partonek waren bis zur Versteigerung im Herbst 2007 nicht bekannt und werden nun im Zuge eines Forschungsvorhabens erstmals genauer aufgearbeitet. Mit dem Unterschutzstellungsverfahren sollen der Zusammenhalt des Konvoluts und der Verbleib im Inland gesichert werden.

Weiterführende Literatur:
Rudolf Leopold: Egon Schiele. Gemälde – Aquarelle – Zeichnungen. Salzburg 1972 Jane Kallir: Egon Schiele. The Complete Works. Including a Biography and a Catalogue Raisonné. New York 1990
Ursula Storch: „Eure Sprache, - Eure Zeichen , - Eure Macht.“ Zu Egon Schieles literarischer Begabung, in: Egon Schiele: Frühe Reife – ewige Kindheit. Katalog zur 133. Sonderausstellung des Historischen Museums der Stadt Wien, Wien 1990
Leopold Museum (Hrsg.): Der Lyriker Egon Schiele. Briefe und Gedichte 1910 – 1912 aus der Sammlung Leopold. München/Berlin/London/New York 2008


Druckersymbol Druckversion