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Momentaufnahmen des VerfallsRuinenpflege im unteren Mühlviertel

Prandegg, Ansicht vom Bergfried

Ruttenstein, Ansicht des Bergfrieds

Prandegg, freistehendes Mauerwerk

Ruttenstein, Werksteingewände

Ruttenstein, Mauerkern

Ruttenstein, Grasnarbe auf Mauerkrone

Prandegg, statischer Sonderfall

Prandegg, statischer Zugstange

Ruttenstein, Mauerkrone vor Sanierung

Ruttenstein, Krone nach Bombierung

Ruttenstein, Mörtelanalyse

Ruttenstein, Werksteinfestigung

Private Vereine sichern, in enger Zusammenarbeit mit dem Bundesdenkmalamt, den weiteren Bestand von Ruinen - tausende von Arbeitsstunden müssen investiert werden, um den Status quo der Bauschäden zu sichern.

Denkmale sind in dem Zustand zu erhalten, in dem sie sich befunden haben, als sie unter Denkmalschutz gestellt wurden. Bei Ruinen ist dieser Zustand einer des Verfalls - ein Sonderfall im Tätigkeitsbereich der Baudenkmalpflege. Denn einerseits ist eine „Generalsanierung“ zur Behebung der geschichtlichen „Bauschäden“ nicht zulässig, andererseits muss ein Fortschreiten der Zerstörungen durch Wind und Wetter verhindert werden.

Mehr als die Hälfte der vielen Burgen des Mühlviertels sind in einem ruinösen Zustand, da durch Veränderung von Herrschaftsverhältnissen, Verlegung von Standorten, Bränden oder kriegerischen Auseinandersetzungen die Bauten zerstört, aufgegeben oder abgebrochen wurden und die verbliebenen Reste der Witterung preisgegeben waren. Da Ruinenanlagen kaum einer wirtschaftlichen Nutzung zugeführt werden können, sind viele heute unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit dem Verfall preisgegeben. Da die öffentliche Hand auch nicht in der Lage ist, den hohen Kosten- und Personalaufwand für die benötigten Sicherungsarbeiten zu finanzieren, muss auch in den folgenden Jahren mit Substanzverlusten gerechnet werden.

Interessante Ausnahmen bilden jedoch Ruinen, in deren Umfeld sich ein gemeinnütziger Verein gebildet hat,  der sie pflegt. Die meist aus der umliegenden Bevölkerung mit Unterstützung der jeweiligen Gemeinde gegründeten Vereine leisten als freiwillige Helfer unentgeltlich jene personalintensiven Wartungsarbeiten, die für den weiteren Erhalt des Bestandes unmittelbar nötig sind. Eine intensive Betreuung  der Arbeiten in bautechnischen, kunsthistorischen und archäologischen Aspekten durch das Bundesdenkmalamt ist jedoch nötig, um die denkmalpflegerisch richtige Herangehensweise zu vermitteln und zu sichern. Weiters können so regelmässig öffentliche Förderungsmittel zur Verfügung gestellt werden.

Prandegg und Ruttenstein

Zwei Beispiele hierfür finden sich eng nebeneinander im oberen Teil der Waldaist bei Schönau und der Naarn bei Pierbach. Beide Anlagen wurden im 13. Jh. erstmals erwähnt und sind (wie auch die Namensendungen „-egg“ und „-stein“ andeuten) beeindruckende Höhenanlagen auf hohen steinernen Felskuppen. Selbst die kleinere lang gestreckte Gratanlage Prandegg weist eine umbaute Gesamtfläche von 2.435 m² auf, die große Rundveste Ruttenstein gar 4.800 m² (Abb. 2). Beide Denkmale zeigen ähnlich erhaltene Bauteile: Gewaltige Wehrmauern, Zwinger- und Toranlagen, einen Wohntrakt (Palas) bzw. Wohnturm (Donjon) sowie jeweils ein hoher Bergfried erhebt sich über den weitläufigen Mauerresten und Schuttkegeln der Ruinen. Auch der Erhaltungszustand ist vergleichbar: Bereits 1674 zeigt ein Stich von G.M.Vischer Ruttenstein als dachlose Ruine, und auch Prandegg dürfte bereits im frühen 18. Jh. dem Verfall preisgegeben worden sein. Die gesamte Dachkonstruktion sowie alle Holzdecken und hölzernen Ausstattungsteile (bis auf wenige Gerüsthölzer in Mauerlöchern) sind vollständig verrottet und das aufgehende Granitsteinmauerwerk steht nun frei. Der Zähigkeit dieser Schalenkonstruktionen aus großen Bruchsteinen und deren Massivität bis zu 3,50 Meter Dicke ist es zu verdanken, dass trotz des Angriffes der Witterung über die Jahrhunderte die Maueranlagen in teils erstaunlich guten Zustand erhalten blieben. In beiden Anlagen finden sich auch noch Reste des ehemaligen originalen Verputzes, gestaltete Werksteinstücke sowie direkt aus dem Fels geschlagene Bauteile wie Treppen oder Zisternen. Unterschiede zeigen sich hauptsächlich im bautechnischen Aufbau des Mauermörtels. Während der Kalkmörtel des zweischaligen Mauerwerks in Prandegg einen geringen Bindemittelanteil aufweist und daher durch Auswaschungen zum Versanden neigt, besteht der Kern der Mauern von Ruttenstein beinahe aus einem Art „Kalkguß", sodass selbst bei Einsturz der äußeren Schalen das innere „Füllwerk“ als Negativform teils in vorhandener Größe bestehen bleibt.

Beide Ruinenanlagen werden bereits seit mehreren Jahren durch gemeinnützige Ruinenvereine in Kooperation mit dem Landeskonservatorat Oberösterreich gepflegt. („Burgverein Prandegg“ 1995 sowie “Ruttensteiner Erhaltungsverein“ 2002).

Maßnahmen und Pflege

Denkmalpflege an Ruinen bedeutet, den Status quo eines eigentlichen Bauschadens zu erhalten und zu sichern; außerdem müssen alle neu hinzugefügten statischen oder funktionalen sichtbaren Elemente auf ein Minimum reduziert und als zeitgemäße Bauteile kenntlich ausgeführt sein. Eine rekonstruktive oder gar historisierende Herangehensweise widerspräche dem Erhalt des Zeugnisses der geschichtlichen Ereignisse und der grundsätzlichen Herangehensweise in der Denkmalpflege.

Eine der ersten Aufgaben ist hier das Zurückschneiden der für das Mauerwerk gefährlichen Vegetation. Vor allem tief wurzelnde Baumarten dringen in die Fugen des Verbandes ein und sind meist im Kronen- und Fundamentbereich eine der Hauptursachen für den stetigen Rückgang der Substanz. Oft sind diese Verwachsungen derart fortgeschritten, dass die Verwurzelungen nur mit einem partiellen Ab- und Wiederaufbau einzelner Bauteile entfernt werden könnten. Hier ist genau abzuwägen, ob eine unmittelbare Auslösung des Wurzelwerks nötig ist oder ob es abgeschnitten unter Beobachtung im Mauerteil verbleiben kann. Ungefährliche Sträucher und Grasflächen werden (sofern sie den Zugang oder die Arbeiten nicht unmittelbar behindern) generell nicht entfernt, sondern im „gärtnerischen“ Umgang allenfalls zurückgeschnitten und regelmäßig von tief wurzelnden Schösslingen befreit, da der Graspolster als Pufferzone für kurzzeitigen Niederschlag wirkt und hier Regenwässer bis zu zwei Tage lang aufgenommen werden können. Vor allem für sehr breite Mauern wie in Ruttenstein ist eine Grasnarbe auf der Krone ein historisch im wörtlichen Sinne „gewachsener“ Zustand und wichtig für das authentische Erscheinungsbild der Anlage.

Eine weitere wichtige Erstmaßnahme stellt die statische Sicherung akut einsturzgefährdeter Bauteile dar. Oft wird der kritische Zustand von unbetreuten Anlagen erst dann wahrgenommen, wenn Teile der Ruine öffentliche Straßen oder häufig frequentierte Wanderwege gefährden oder verschütten. Finden Einstürze solcher Objekte in unbewohntem Gebiet statt, so werden sie meist nicht beachtet oder gemeldet und können erst bei einem späteren Bestandsvergleich festgestellt werden. Generell ist zu bemerken, dass die Herstellung von statischen Sicherheiten einer Ruine nicht mit dem eines normalen Bauobjektes verglichen werden kann. Würde man die modernen normativen Vorgaben der Tragwerkslehre hinsichtlich Standsicherheit und Baumaterial anwenden, müssten wohl sämtliche Ruinen Oberösterreichs gänzlich abgetragen oder gesperrt werden. Vermutlich wären sie sogar in ihrem historischen Neuzustand nach heutigem Normenwerk vollkommen unzulässig gewesen. Da es sich aber bei den Ruinenanlagen nicht um Wohn-, Betriebs- oder anderweitig genutzte Bauobjekte handelt, ist als Herangehensweise nicht von einem „Gebäude“ im normativen Sinne auszugehen, sondern eher von einem „erweiterten Grünlandbegriff“ bzw. „begangenen Naturdenkmalen“. Wie auch bei Wanderwegen oder Steigen in alpinen Bereichen wird hier grundsätzlich von der Eigenverantwortung des Benutzers ausgegangen und darauf durch entsprechende Tafeln verwiesen.

Statische Absicherungsarbeiten werden also nur in jenen Bereichen durchgeführt, wo eine akute Gefährdung von Besuchern besteht oder die Bausubstanz selbst unmittelbar einzustürzen droht.

Die Krone, also der obere Abschluss einer Wand, stellt an ruinösen Objekten sicher eine der größten technischen Schwachstellen dar. War dieses Bauteil früher durch ein Dach oder zumindest eine Kronenabdeckung geschützt, ist die Mauer nun horizontal frei der Witterung ausgesetzt. Regenwasser dringt daher von oben direkt in das Schalenmauerwerk ein und führt zu einer kontinuierlichen Auswaschung des Mörtels bzw. des darin enthaltenen Bindemittels Kalk. In Bereichen der unsanierten Kronen in Ruttenstein ist in den obersten 4-5 Scharen praktisch keinerlei Bindemittel mehr zu finden bzw. der Mörtel durch angewehten Humus und Bewuchs ersetzt; alle Steine in dieser Zone liegen frei auf der Krone. Um den Rückhalt wiederherzustellen, werden die Kronenbereiche in den obersten Scharen kontrolliert abgebaut, der Humus entfernt und genau nach dem vorherigen Steinverband mit neuem Mörtel in historischer Zusammensetzung wieder aufgemauert. Um das Eindringen weiteren Regenwassers hintan zu halten, wird diese Mörtelmischung in den obersten zwei Fugen und im horizontalen Abschluss mit einem hydraulischen Zusatz (NHL) versehen und leicht bombiert, sodass Niederschläge nach außen ab rinnen können. Die Rückkehr einer Grasnarbe ist hier durchaus erwünscht und kann durch die Auflage von Rasenstücken beschleunigt werden. Auch hier ist zu erwähnen, dass alle Kronenbereiche, die in ihrem unsanierten Zustand nicht gefährdet erscheinen, vorerst unbehandelt bleiben.

Aber auch der vertikale Bereich einer Ruinenwand ist dem Angriff der Witterung durch Schlagregen, Frost und Wind ausgesetzt. Waren früher die Mauerfugen oft durch einen Verputz geschützt, so werden heute die Mauerwerksfugen des Bruchsteinverbandes immer weiter ausgewaschen und dadurch vertieft. Zwar ist ein tiefes Fugenbild typisch für das Erscheinungsbild von Ruinen, sollte die Mörtelfuge aber soweit abgebaut werden, dass kleinere Steinteile sog. „Auszwicker“ oder gar massive Mauersteine ausfallen, so kann dies die Statik der Wand erheblich schädigen und gefährden. Eine mühselige und vor allem langwierige Arbeit ist daher das Nachbessern der Fugen im Ruinenareal. Der historische Mörtel wird durch Probenentnahme analysiert und auf seine Zusammensetzung geprüft, um danach das exakte historische Mischungsverhältnis aus Sand und Kalk für den Ergänzungsmörtel konzipieren zu können. Leider wurden früher hier fälschlich oft stark hydraulische Mörtel oder sogar Zement verwendet. Dies führt aufgrund der zu hohen Dichte und Wasserundurchlässigkeit des Zements zu einem Einsperren der Feuchtigkeit im Inneren der Wand, zu Abplatzungen durch Frost und in Folge zu einer Verschlimmerung des Schadensbildes. Heute werden diese „Zementplomben“ nach und nach wieder entfernt und durch historisch richtigen Mörtel ersetzt. Das Ausbessern der Fugen an sich erfordert von den Ruinenpflegern handwerkliche Geschicklichkeit und Fantasie, da der Mörtel mit Schwung (durch Anwerfen) oder Druck (durch Ausstopfen) in die Fuge gebracht werden muss, ohne dabei die Mauerwerkssteine all zu sehr zu verunreinigen, und danach die Fugentiefe ca. daumenbreit an den Kanten ausphasend ausgebildet werden muss. Bedenkt man allerdings die einige Hundert Kilometer Fugenlängen an den beiden Großanlagen, so bieten sich genug Platz und Zeit für Versuche und Experimente in der Ausführung, insbesondere da der Kalkmörtel an den frontalen Granitsteinflächen wie bei Mühlviertler Bloßsteinhäusern schnell abgewittert wird und daher eventuelle Fehlschläge, gescheiterte Methoden oder allzu stark ausgefallene Fugen alsbald wieder im Gesamtbild verschwinden. Interessanterweise befinden sich an den beiden Ruinen derzeit zwei verschiedene Arbeitsansätze erfolgreich in Anwendung. Während in Prandegg beim Einbringen des Mörtels durch Stopfen auf eine möglichst saubere Ausführung und geringe Verschmutzung der Steine geachtet wird, wirft der Verein in Ruttenstein seit letztem Jahr die Fugen kräftig an und kehrt diese dann nach kurzem Anziehen des Mörtels mit eigens dafür hergestellten Reisigbesen in der gewünschten Tiefe aus. Gerade die Durchführung dieser im Idealfall nicht sichtbaren manuellen Sicherungsmaßnahmen bedarf eines extrem kleinteiligen, ja fast kosmetischen Arbeitens an den Mauern und ist so aufgrund des hohen Personalaufwandes durch kommerzielle Baufirmen kaum leistbar.

Seitens des Landeskonservatorats Oberösterreichs kann daher im Falle der Ruinen Prandegg und Ruttenstein die Kooperation mit den pflegenden Vereinen durchgehend positiv beurteilt werden. Alle Maßnahmen an den denkmalgeschützten Objekten werden in gemeinsamer Absprache (auch mit der Abteilung Bodendenkmale des Bundesdenkmalamtes) nach den Vorgaben und Richtlinien der Denkmalpflege konzipiert, finanziell gefördert und seit mehreren Jahren nun erfolgreich umgesetzt.

Als Fazit dieser Bemühungen können daher diese beiden wichtigen Burganlagen nun grundsätzlich als vor dem unmittelbaren Verfall bewahrt und für die kommenden Jahre im Bestand gesichert gelten.
(gekürzte Fassung eines Beitrages zum Jahresbericht des Landeskonservatorates für Oberösterreich von Robert Wacha)

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