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"Mit einem überall zerrissenen Herzen auf sich selbst zurück gewiesenen Menschen ist in Gesellschaft nichts anzufangen"
Ludwig van Beethoven (1770 – 1827) an Maria Eleonora Gräfin Fuchs geborene Gräfin Gallenberg (1786 - 1842), eigenhändiger Brief mit Unterschrift, nach dem 6. Jänner 1813 verfasst, 3 Seiten*

Ludwig van Beethoven, eigenhändiger Brief an Maria Eleonora Gräfin Fuchs geborene Gräfin Gallenberg,

Ludwig van Beethoven, eigenhändiger Brief an Maria Eleonora Gräfin Fuchs, geborene Gräfin Gallenberg, Jänner 1813, 3 Seiten, Privatbesitz © BDA

 Ludwig van Beethoven, Porträt von Ferdinand Georg Waldmüller, 1823, Wien, KHM, SAM

Ludwig van Beethoven, Porträt von Ferdinand Georg Waldmüller, 1823, Wien, KHM, SAM  © Wien, KHM, SAM

Miniaturporträt der Julie Guicciardi

Miniaturporträt der Julie "Giulietta" Guicciardi (1784-1856), verehelichte Gräfin Gallenberg © John Suchet/www.madaboutbeethoven.com

Ludwig van Beethoven, Manuskript zur "Sonata quasi una fantasia"

Ludwig van Beethoven, Manuskript zur "Sonata quasi una fantasia", op. 27, Nr. 2, "Mondscheinsonate", mit Widmung an Giulietta Guicciardi, 1802 © Beethoven-Haus, Bonn

Heinrich Friedrich Füger, Bildnis der Maria Carolina Barbara "Babette" Claudia von Tschoffen, gebore

Heinrich Friedrich Füger, Bildnis der Maria Carolina Barbara "Babette" Claudia von Tschoffen, geborene von Puthon (1772 - 1847) - möglicherweise die "unsterbliche Geliebte" Ludwig van Beethovens? ©  Dorotheum

Rentenvertrag für Ludwig van Beethoven von Fürst Lobkowitz, Fürst Kinsky und Erhérzog Rudolph, 1809

Rentenvertrag für Ludwig van Beethoven von Fürst Lobkowitz, Fürst Kinsky und Erherzog Rudolph, 1809 © Beethoven-Haus, Bonn

Der französische Violinsolist und Komponist Jacques Pierre Rode (1774-1830)

Der französische Violinsolist und Komponist Jacques Pierre Rode (1774-1830) © http://portrait.kaar.at

„Meine liebe Gräfin!
wie leid thut es mir nicht ihrer Einladung folge leisten zu können, allein ich habe eben etwas sehr dringendes zu schreiben, denn leider ist dieses das einzige, was mir übrig bleibt troz allen Aufopferungen, die ich gemacht, wenn ich nicht vor Hunger umkommen will – und einen meiner Unglücklichen kranken Brüder nicht ebenfalls Umkommen laßen will – in einer solchen Unverschuldeten lage ist man nicht aufgelegt Unter Menschen zu seyn...“

Mit diesen Worten beginnt der Brief Beethovens an Gräfin Maria Eleonora Gräfin Fuchs. Sie war Schwester des Komponisten Wenzel Robert Graf Gallenberg, der mit Julie „Giulietta“ Guicciardi verheiratet war. Giulietta, Tochter der mit Beethoven befreundeten Susanna Gräfin Brunsvik de Korompa, wurde als junges Mädchen vergebens vom eigenwilligen Komponisten umworben. Die „Sonata quasi una fantasia“, op. 27, Nr. 2, bekannter unter dem nicht von Beethoven stammenden Titel „Mondscheinsonate“, wurde 1802 Giulietta gewidmet. Beethovens zahlreiche Liebeleien blieben alle letztendlich unerfüllt. Er sollte sich niemals vermählen. Bis heute ist auch nicht geklärt, an wen sein berühmter Brief „An die unsterbliche Geliebte“ von 1812 gerichtet ist. Die Worte „Mein Engel, mein alles, mein Ich“ könnten sich ebenso an Antonie Brentano oder Anne-Marie Gräfin Erdödy, vielleicht auch an Babette von Tschoffen wenden.

Auch die Schwägerin der Giulietta Guicciardi, die Gräfin Fuchs, gehörte offenbar zum näheren Bekanntenkreis Beethovens. Darauf lässt der vertraute Ton in diesem Schreiben schließen, in dem er seinen an Tuberkulose erkrankten Bruder Kaspar Karl erwähnt, den er bis zu dessen Tod im Jahr 1815 unterstützen sollte. Als Kaspar Karl starb, sollte ein jahrelanger erbitterter Streit zwischen seiner Witwe und Ludwig van Beethoven um das Sorgerecht für den Sohn Karl folgen.

Im Jahr 1813 fand sich Beethoven in materieller Bedrängnis, wie er auch an die Gräfin schreibt. Der Zustand von Beethovens Garderobe und Wäsche wurde von nahe stehenden Personen wie der Klavierfabrikantin Nannette Streicher (1769 – 1833) zu dieser Zeit als verwahrlost bezeichnet. „Meine Gesundheit ist nicht die beste – und unverschuldet ist eben meine sonstige Lage wohl die Ungünstigste meines Lebens“ teilt Beethoven nur kurze Zeit später dem ihm freundschaftlich verbundenen Grazer Kapellmeister Joseph von Varena mit.

Erschwerend wirkte sich wohl auch die sich bereits ab Mitte der 1790er Jahre abzeichnende und allmählich zunehmende Schwerhörigkeit des Künstlers aus. 1801 klagte er in einem Brief: "Meine ohren, die sausen und Brausen tag und Nacht fort." 1802 entstand das erschütternde "Heiligenstädter Testament", in dem Beethoven sein Gehörleiden und dessen Folgen bitterlich beklagt. So düster und von finanziellen Sorgen umschattet war das Leben des Meisters jedoch nicht immer.

1792 war Beethoven als junger Mann aus Bonn nach Wien gekommen, das von da an Zentrum seines künstlerischen Schaffens wurde. 1795 trat er nach Studien u.a. bei Joseph Haydn und Antonio Salieri als vollendeter Meister an die Öffentlichkeit – gleichermaßen als Virtuose und Komponist. Trotz eher ungehobelter Manieren und einem eher unschönen Äußeren hatte der junge Künstler bald Zugang zu den besten Kreisen der Stadt. „Er war klein und unscheinbar, mit einem hässlichen rothen Gesicht voll Pockennarben (...) Sein Anzug sehr gewöhnlich (...) Dabei sprach er sehr im Dialect und in einer etwas gewöhnlichen Ausdrucksweise, wie überhaupt sein Wesen nichts von äußerer Bildung verriet, vielmehr unmanierlich in seinem ganzen Gebahren und Benehmen war“ mokiert sich eine Zeitgenossin. Auch Johann Wolfgang von Goethe stellte später anlässlich eines Zusammentreffens in Teplitz kritisch fest: „Er ist leider eine ganz ungebändigte Persönlichkeit, die zwar gar nicht unrecht hat, wenn sie die Welt detestabel findet, aber sie freilich dadurch weder für sich noch für andere genussreicher macht.“

Trotzdem wurden wohlhabende Kunstfreunde wie Karl Fürst Lichnowsky (1756 - 1814), Erzherzog Rudolph (1788 - 1831), Ferdinand Bonaventura Fürst Kinsky (1781 - 1812) und Franz Joseph Max Fürst Lobkowitz (1772 - 1816) zu großzügigen Gönnern des eigenwilligen Komponisten. Als Jerome Bonaparte, König von Westfalen, Beethoven an seinen Hof holen wollte, setzten Erzherzog Rudolph und die Fürsten Kinsky und Lobkowitz Beethoven 1809 gar eine jährliche Rente von 4000 Gulden aus, um ihn an Wien zu binden und auch damit - wie es in der erhaltenen schriftlichen Vereinbarung heißt  - „die nothwendigsten Bedürfnüsse ihn in keine Verlegenheit bringen, und sein kraftvolles Genie dämmen sollen." Beethovens regelmäßige Einkünfte wurden nach dem Tod des Fürsten Kinsky (1812) und auch durch die Geldentwertung infolge des fortdauernden Krieges gegen Frankreich gefährdet. Darauf bezieht sich auch ein Schreiben Beethovens an die Witwe des Fürsten Kinsky: „Denn leicht, werden sie sich vorstellen können, wenn man einmal auf etwas sicher rechnet, Es schmerzlich ist, solches so lange entbehren zu müssen, um so mehr , da ich einen Unglücklichen kranken Bruder samt seiner Familie gänzlich unterstüzen muß“.

Der Brief an die Gräfin Fuchs, in dem Beethoven seine damalige beklagenswerte materielle Situation thematisiert, ist nicht datiert, aber wahrscheinlich kurz nach dem 6. und vor dem 31. Jänner 1813 verfasst worden: „Sagen Sie Rode alles schöne von mir, nur daß ich ihm Vorwürfe machen muß, daß er mich nicht um etwas Neues oder noch nicht bekanntes von meiner Komposition gebeten hat, antragen wollte ich es ihm nicht, weil ich glaubte, daß, da er im großen Redout[e]n Saal Konzert gab, er sonst schon seine Wahl mit andern Werken von andern Meistern, um sein Konzert auszufüllen, getroffen habe, denn bey ihm hätte ich hierin vor allen andern eine Ausnahme gemacht." 

Beethoven hat seine letzte Violinsonate, die Nr. 10 op. 96, für Jacques Pierre Rode (1774 – 1830) geschrieben. Sie wurde von dem bedeutenden französischen Violinsolisten und Komponisten am 29. Dezember 1812 im Palais Lobkowitz im Duett mit Erzherzog Rudolph erstmals aufgeführt. Danach gab der Stargeiger im großen Redoutensaal der Wiener Hofburg am 6. Jänner 1813 ein Konzert. Auf dem Programm dieses Konzerts standen der erste Satz von Beethovens bereits 1806 entstandener vierter Symphonie, ein neues Violinkonzert von Rode nebst Variationen von eigener Hand, weiters zwei Arien aus zeitgenössischen Opern. Während dieses Wiener Aufenthalts gab Rode nur noch ein zweites Konzert am 31. Jänner, dieses Mal im Kleinen Redoutensaal. Auch dieses Mal spielte er ein Werk Beethovens, die Egmont-Ouverture. Danach reiste er nach Graz weiter, wo er ebenfalls konzertierte. Beethoven kritisiert nun in seinem Brief an die Gräfin, dass der Stargeiger bei seinem Konzert keine neue Komposition von seiner Hand gespielt habe.

Derart persönlich gehaltene Briefe Ludwig van Beethovens sind aus wenigen Lebensphasen des Künstlers erhalten. Meistens geben die bisher publizierten Briefe über die seelischen Grundbefindlichkeiten Beethovens Auskunft, der sein Schicksal grundsätzlich als unveränderlich ansah. Dieses Schreiben Ludwig van Beethovens ist der einschlägigen Forschung bereits bekannt. Da sich Bemerkungen zum Seelenzustand des Künstlers und zum Wiener Musikleben dieser Zeit darin finden, ist die Erhaltung des Originalbriefs für den österreichischen Kulturbesitz vordringlich. Als einzigartiges, unersetzliches Originaldokument aus der späten Schaffensperiode des Künstlers trägt das Schreiben wesentlich zur Kenntnis von Leben und Werk Beethovens bei. Die Unterschutzstellung erfolgte im Zuge eines Ausfuhrverfahrens.

 * Die eigenwillige Schreibweise Beethovens wurde in den Originalzitaten weitgehend beibehalten

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