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Die Pfarrkirche von UnterwaltersdorfArchäologen entschlüsseln die 1200-jährige Baugeschichte der Kirche im östlichen Niederösterreich

Ecklisene und Reste der Blendarkaden des Apsidensaales von Südwesten

Die Pfarrkirche von Unterwaltersdorf (© P. Kolp)

Südliche Chormauer im Dachboden der Kapelle

Torbogen des ehemaligen Portalvorraumes

Spolie mit Gravuren, um 1500 (© P. Kolp)

Grab 3: Bestattung eines Mannes (15. Jahrhundert) mit Topfbeigabe

Archäologische und bauhistorische Untersuchungen an der Pfarrkirche von Unterwaltersdorf förderten einen Vorgängerbau aus der Karolingerzeit sowie beachtliche romanische und gotische Baureste zu Tage

Die weithin unbekannte Pfarrkirche von Unterwaltersdorf gehört zu den bemerkenswertesten mittelalterlichen Kirchen des Wiener Beckens. Trotz einer Vielzahl erkennbarer Bauphasen und einem interessanten historischen Hintergrund hat sie von kunsthistorischer Seite bislang noch keine entsprechende Würdigung erfahren. Die 1999 erfolgte Innenrenovierung führte zu archäologischen und bauhistorischen Untersuchungen durch die Abteilung für Bodendenkmale des Bundesdenkmalamtes, deren Ergebnisse jüngst veröffentlicht worden sind.

Der karolingerzeitliche Vorgängerbau
Innerhalb des hochmittelalterlichen Apsidensaales (siehe unten) in der Kirche von Unterwaltersdorf wurden Fundamentzüge eines noch älteren Gebäudes freigelegt, die deutliche Merkmale einer frühmittelalterlichen Kirche aufwiesen. Die Mauerreste gestatten die Rekonstruktion eines rechteckigen Raumes (lichte Maße 6,7 × 11,0 m), dessen westliche Giebelwand mit den anschließenden Wänden auf der einen Seite einen stumpfen, auf der anderen Seite hingegen einen spitzen Winkel bildete. Ähnliche Konstruktionsmerkmale konnten bereits bei einigen anderen frühmittelalterlichen Kirchen in Niederösterreich beobachtet werden.

Die romanische Kirche
Unterwaltersdorf liegt in der südöstlichen Randzone eines im 11. Jahrhundert äußerst interessanten Gebietes, das zwar in den zeitgenössischen Urkunden namenlos blieb, in der wissenschaftlichen Literatur aber seit der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts als „Neumark“ bezeichnet wird. Die Neumark war das Ergebnis mehrerer Feldzüge des deutschen Königs Heinrich III., in deren Verlauf der im Jahr 1031 an das Königreich Ungarn verlorene Grenzstreifen zwischen Fischa und Leitha wieder zurückgewonnen worden war.
 Das Abschlagen des durchfeuchteten Zementputzes von den Innenwänden der bestehenden Kirche brachte die Erkenntnis, dass die Innenschalen der romanischen Saalwände – im Gegensatz zum fragmentarischen Erhaltungszustand der Außenschalen – nach wie vor das Grundgerüst des gegenwärtigen Kirchenschiffes bilden. Zudem konnte bei den Grabungen eine halbkreisförmige Apsis nachgewiesen werden; Vorlagenfundamente im Westen des Saales lassen auf eine Empore schließen. Von der ursprünglichen Befensterung hat lediglich ein in der Südwand versetztes Rundbogenfenster alle späteren Um- und Ausbaumaßnahmen unbeschadet überstanden.
Die Mauerstruktur sowie die noch erhaltenen keilförmigen Blendarkaden datieren diesen Kirchenbau in das 11. Jahrhundert. Der – bedingt durch die Empore – herrschaftliche Charakter des Apsidensaales und die strategisch wichtige Lage des Dorfes an einer Fischafurt oder -brücke in unmittelbarer Nähe zu der von Salzburg kontrollierten Hauptverkehrsader nach Ungarn lassen ein gesteigertes politisches und wohl auch wirtschaftliches Interesse einer adeligen Person an Unterwaltersdorf erkennen. Die Vermutung Karl Bednars, wonach hier einstiger Besitz des aus dem Niederrheingebiet stammenden Markgrafen Siegfried gelegen haben könnte, wird durch das Bartholomäus-Patrozinium, das rheinische Fußmaß und die gleichfalls vom Rhein kommende „lombardische“ Fassadengliederung des Apsidensaales gestützt.

Die gotischen Umbauten
In das Licht der Geschichte tritt die Pfarre Unterwaltersdorf erstmalig als Eigenpfarre der Babenberger um 1160/70. Über den Umweg der Mödlinger Seitenlinie fiel Unterwaltersdorf schließlich wieder an die Hauptlinie der Babenberger. An der Kirche scheint die Herrschaft der Babenberger keine nennenswerten Spuren hinterlassen zu haben. Die Erneuerung der Außenschalen der Saalwände und der Bau eines geräumigen Chorquadrates lassen sich erst mit der Ausbesserung jener Schäden in Einklang bringen, die während der Plünderungen und Zerstörungen infolge der Kämpfe um das Babenbergererbe entstanden waren.
Die südlich des Chorquadrats situierte Katharinenkapelle zählt nach Gerhard Seebach zu den ältesten der um und nach 1300 zahlreich errichteten Katharinenkapellen Niederösterreichs. Der rechteckig ausgeführte Kapellenblock orientiert sich am Chor der Kirche.
Die massiven Aufmauerungen des Kirchenschiffes aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts dürften mit einer geplanten, jedoch nicht zur Ausführung gekommenen Einwölbung der Kirche in Zusammenhang stehen. Das umfangreiche Bauprogramm des 14. Jahrhunderts lässt sich auch anhand des Münzspektrums dokumentieren: Von den neun bei den Grabungen in der Kirche geborgenen Münzen können vier Exemplare der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts zugeordnet werden.
Etwa 150 Jahre nach dem Hochziehen der Kirchenwände fanden die gotischen Bauphasen mit der Errichtung eines kreuzgratgewölbten Portalvorraumes an der Nordseite des Kirchenschiffes und dem Ersatz des vermutlich noch aus dem 11. Jahrhundert stammenden Portals durch ein dem damaligen Kunststil entsprechendes Portal mit Rechteckgewände ihren Abschluss.

Die Spolie
Aus dem unterhalb des südlichen Seitenaltares gelagerten Bauschutt stammt eine plattenförmige Spolie aus Kalksandstein, die im oberen Teil der geglätteten Vorderseite ein möglicherweise primär eingehauenes Steinmetzzeichen (?) in Form eines Kreuzes aufweist, unter welchem ein schildförmiges Wappen zu erkennen ist. Oberhalb des Schildes sowie rechts davon findet sich jeweils die eingeritzte Namensinschrift eines Thomas Langstainer. Dieses Fragment ist wohl als „Spielerei“ eines Steinmetzen zu werten, da die zahlreichen Ritzungen in vielen Bereichen völlig zusammenhanglos erscheinen und das Wappen relativ unbeholfen eingehauen wurde. Der spätgotische Schriftzug datiert die sekundär auf dem Stein aufgebrachten Gravuren am ehesten in den Zeitraum von der zweiten Hälfte des 15. bis zum Beginn des 16. Jahrhunderts.

Die Bestattungen
untersucht werden, die wegen ihrer seichten Lage in der abzutragenden Schuttschicht mit Sicherheit zerstört worden wären. Hervorzuheben ist hier Bei der Grabung in Unterwaltersdorf konnten aus Zeitgründen nur jene GräberGrab 3: Einem im Alter zwischen 41 und 60 Jahren verstorbenen Mann wurde ein spätmittelalterlicher Topf mit der Mündung nach unten auf den Bauch gelegt, ein Phänomen, das mittlerweile aus zahlreichen ostösterreichischen Kirchen bekannt ist.

Lesen Sie dazu auch die neu erschienene Publikation "Sonderheft 7"!

Weitere Informationen zur Kirchenarchäologie in Österreich finden Sie in unseren Publikationensowie in dem Tagungsband "Die Kirche im mittelalterlichen Siedlungsraum"!

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