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Dobl in der Steiermark, Kopf der sog. "Pasquino-Gruppe"

Kopf der Pasquino-Gruppe.

Rekonstruktion des Originals nach B. Schweitzer.

Büste des Menelaos im Vatikan, Inv. 694.

"Menelaos in Dobl"
Zwar kein antiker, dafür aber von einer der berühmtesten antiken Statuengruppen abgeformter Terrakotta-Kopf des 19.Jahrhunderts wurde in Dobl von seinem anonymen "Garagendasein" befreit.

Als Familie Payer in Dobl (Unterberg, Hausnr. 41) im Frühjahr 2007 beim ‚Garagenräumen’ einen dort seit längerer Zeit an der Wand befestigten Terrakotta-Kopf abnahm, um ihm im neu gestalteten ‚Partyraum’ eine würdigere Heimstatt zu bieten, erwachte auch der Wunsch, Genaueres über den hier dargestellten bärtigen Herrn mit prunkvollem Helm zu erfahren. Dazu bat man das BDA um Auskunft, wobei der Bodendenkmalpfleger Doz. Bernhard Hebert bei einem Augenschein in Dobl in der Büste eine wohl im 19. Jahrhundert angefertigte, verkleinerte Kopie des Kopfes des Menelaos von der berühmten sog. ‚Pasquino-Gruppe’ in Rom erkannte.
Der Statuentorso, den man zu Beginn des 16. Jahrhunderts in Rom nahe der Piazza Navona entdeckte und am Fundort aufstellte (wo er noch heute an einer Ecke des Palazzo Braschi zu bewundern ist), leitet seinen Namen von dem im selben Stadtviertel wohnenden scharfzüngigen Schneider Pasquino ab, der sich nicht scheute, Kardinäle und andere hohe Würdenträger, ja selbst Päpste mit beißendem Spott in satirischen Versen zu schmähen. Da man nach dem Tod des wagemutigen Schneiders dazu überging, auf dem Statuentorso Zettel mit brisanten Spottversen und Schmähschriften auf die Obrigkeit zu befestigen, erbte der Torso als eine der sogenannten ‚sprechenden Statuen’ Roms bald auch den Namen des respektlosen Schneiders ...
Erhalten haben sich von dem ursprünglich wohl um 230/200 v. Chr. im Umkreis der pergamenischen Kunstschule entstandenen (verlorenen) Bronzeoriginal bis heute zwölf weitere, meist nur fragmentarisch überlieferte antike Kopien, wobei sich die beiden vollständigsten (z.T. freilich auch stark ergänzten) Repliken heute in Florenz – in der Loggia dei Lanzi bzw. im Cortile dell’ Argenteria des Palazzo Pitti – befinden. Was die Frage nach der Interpretation der Gruppe betrifft, wen also der mit Helm und Schild bewehrte bärtige Krieger, der den Leichnam eines jugendlichen Kameraden aus dem Schlachtfeld zu bergen versucht, darstellt, so hat sich die von B. Schweitzer 1936 vorgeschlagene Deutung weitgehend durchgesetzt: Es handelt sich hier wohl um eine Szene aus dem Troianischen Krieg, genauer gesagt aus der im 17. Gesang von Homers Ilias geschilderten Aristie des Menelaos, wo es dem spartanischen König unter großen Mühen gelingt, den von Hektor tödlich getroffenen Patroklos vor den anstürmenden Feinden zu retten und aus dem Schlachtfeld zu tragen
Eine nicht unwesentliche Rolle in Schweitzers Argumentation für eine Deutung der Pasquino-Gruppe als ‚Menelaos mit dem Leichnam des Patroklos’ spielte die aufwändige Verzierung des Helms des bärtigen Kriegers. Besonders gut zeigt sie die Büste im Vatikan (Sala dei Busti, Inv.Nr.694, Mitte 2. Jh. n. Chr., gefunden 1772 in der Villa Hadriana bei Tivoli). Menelaos trägt hier einen in dieser speziellen Form erstmals auf Reliefdarstellungen in Pergamon auftretenden Prunkhelm, wobei auch das Thema des Helmschmucks möglicherweise nach Pergamon weist: Dargestellt ist auf der Helmhaube je ein mit einem Kentauren kämpfender Grieche (links Herakles, rechts Theseus?), sowie am Helmschirm je ein Adler mit einem Schlangenschweif und ein gelagerter Leopard. Laut Schweitzer hat man in diesen beiden Tieren Sinnbilder für Äthiopien und Libyen zu sehen und damit letztendlich einen Hinweis auf die Irrfahrten des Menelaos nach der Eroberung Troias. Bekanntlich war ja auch dem König von Sparta – ähnlich wie Odysseus – keine rasche Heimkehr vergönnt, wobei in der Odyssee 4, 81ff. mit Äthiopien im Süden und Libyen im Westen die äußersten Grenzen dieser Irrfahrten genannt sind. Das wäre dann freilich ein Vorgriff auf zukünftige, noch zu bestehende Abenteuer, wobei eine solch gelehrte Interpretation im Umfeld der berühmten Bibliothek und Philologenschule von Pergamon mit ihrer geistig-verfeinerten Homerforschung und -exegese aber durchaus vorstellbar wäre ...
Dr. O. Hesch

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