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„Kein Klimbim. Keine Späße. Schönheit“ (Roland Rainer)

Vorstufengebäude nach der Fertigstellung 1970, Nordansicht

Vorstufengebäude, derzeitiger Zustand, Nordansicht

Vorstufengebäude nach der Fertigstellung 1970, Eingangsbereich

Vorstufengebäude, Eingangsbereich im derzeitigen Zustand

Vorstufengebäude nach der Fertigstellung 1970, Südansicht

Vorstufengebäude, derzeitiger Zustand, Südansicht

Arbeitsraum, Deckenuntersicht mit sichtbaren Stahlbetonträgern

Arbeitsraum im veränderten Zustand mit einer Verkleidung durch Holzplatten

Erdgeschoss, Gangbereich, noch bestehende Originaltüre

Bürozimmer, noch bestehende originaleStreckmetall - Tafeldecke

Bürozimmer, noch bestehender originaler Beleuchtungskörper

Die Sanierung des denkmalgeschützten Vorstufengebäudes der Universität Klagenfurt bietet die Chance zur Bezugnahme auf das ursprüngliche architektonische Konzept des großen Architekten.

Das im Westen der Stadt in Wörtherseenähe gelegene Vorstufengebäude der Hochschule für Bildungswissenschaften (ab 1. Oktober 2004 ist die offizielle Bezeichnung der Universität „Alpen-Adria-Universität Klagenfurt“) wurde im Auftrag des Bundesministeriums für Wissenschaft und Forschung 1970/71 nach Plänen von Roland Rainer, einem der bedeutendsten Architekten Österreichs und einem Baukünstler von internationalem Rang, errichtet.

1974 wurde mit der ersten Baustufe für das Hauptgebäude begonnen. Der Erweiterungsbau (Südtrakt) wurde im Jahr 2000 in Betrieb genommen. Im Jahr 2003 ging die Alpen-Adria-Universität Klagenfurt  in das Eigentum der Bundesimmobiliengesellschaft über; das Gebäude wurde unter Denkmalschutz gestellt.

Das Vorstufengebäude wurde im Sinne eines Campus-Konzeptes als ebenerdiger Flachbau in einer Betonfertigteilkonstruktion mit 8 m weit gespannten, schalreinen Brüstungsträgern über einem quadratischen Rastergrundriss ausgeführt. Der Außenbau wird durch Fensterbänder horizontal gegliedert und fügt sich durch seine elegante, zurückhaltende Struktur sowohl in die Landschaft als auch in den gesamten Hochschulkomplex ein. Der obere Teil der Fenster ist durch Außenjalousien geschützt, die unteren Schiebefenster geben den Ausblick auf die umgebende Natur frei. Ursprünglich schien das Gebäude gleichsam über dem Erdboden zu schweben. Das untere Fensterband, welches zur Belichtung der Räume in Kellergeschoß diente und nachträglich verändert wurde, war so konstruiert, dass es in der Ansicht als Schattenfuge wirkte. Das verlieh dem Bau seinen besonderen, schwebenden Charakter. Im Zuge der Generalsanierung sollen die Kellerfensterbänder an der Süd- und Westseite des Gebäudes schwarz beschichtet und an die Innenseite der Mauerlaibung gesetzt werden, um das Gebäude wieder „zum Schweben“ zu bringen.
Der Einbeziehung von Natur und Sonnenlicht trägt auch der begrünte, atriumartige Innenhof mit einer Schatten spendenden Pergola in Form eines Sonnengitters auf schmalen Stützen Rechnung. Durch die großflächigen Verglasungen (Fenster- und Türelemente) werden die Arbeitsräume mit dem Außenraum verschmolzen, die Außenhoffläche ist praktisch stufenlos von den Gängen und Funktionsräumen zugänglich. Innenbereich und Lichthof werden so zu einer Einheit, Transparenz und Leichtigkeit dominieren das Raumgefühl.
Mit sensiblen und gestalterisch überzeugenden Detaillösungen und einer bauzeittypischen Materialsprache im Inneren wie abgehängten Paneelecken, zum Teil noch bestehenden Streckmetall-Tafeldecken, unverputzten Ziegelzwischenwänden, kleinformatigen, heute von glatten Steinböden überklebten Klinker- oder Steingutböden, die das der Planung zugrunde liegende Quadrat wiederholen,  mit ursprünglich vorhandenen Spannteppichen, mit teilweise noch erhaltenen, das Rastermotiv aufnehmenden Beleuchtungskörpern sowie Türen schuf Roland Rainer in dem an hochrangiger Architektur aus dieser Zeit eher armen Bundesland Kärnten ein einzigartiges Gesamtkunstwerk der 1970er Jahre.
Der Bau steht durch seine formale Bescheidenheit und Zurückhaltung in einem harmonischen Gleichgewicht mit der umgebenden Natur und erzeugt durch die starke Durchlichtung und Durchlüftung der Räume eine große Wohnlichkeit und Behaglichkeit. Er ist in der geglückten Differenzierung des Fertigteilsystems und als bedeutendes Beispiel für lebensgerechtes Bauen ein persönliches Bekenntnis und Vermächtnis des Künstlers, der die menschliche Dimension, die Naturverbundenheit und die ästhetische Ökonomie als Leitsatz von Architektur versteht.
Verschiedene zeittypische Baumängel machten eine Generalsanierung des Vorstufengebäudes notwendig, die seit 2004 in mehreren Etappen durchgeführt wird. Die Sanierung des Bauwerkes eines noch lebenden Architekten bietet die Chance, den Planer in das Bauvorhaben mit einzubinden. Nachdem Architekt Roland Rainer eine negative Stellungnahme zu der im Zuge der Baumaßnahmen vorgesehenen kompletten Überdachung des atriumartigen Innenhofes abgegeben hatte, wurde auf seinen Vorschlag hin seine Tochter Eva Rubin, ebenfalls Architektin, in beratender Funktion in die Planungen miteinbezogen. Da das ursprüngliche Konzept, das Vorstufengebäude vollständig nach den Originalplänen von Rainer rückzubauen, an zu hohen Kosten scheiterte, wurde als Kompromiss ein Teilrückbau als Sanierungsziel vereinbart.

In einem ersten Bauabschnitt erfolgte die Sanierung des Innenhofes. Entgegen der ursprünglichen Planung, die darunter eine Tiefgarage vorsah, wurde auf Grund des akuten Platzmangels der ständig wachsenden Universität ein Teil der Bibliothek hier untergebracht. Da es bei starken Niederschlägen öfters zu Wassereintritten durch die Decke kam, musste die gesamte Dachhaut des Innenhofes erneuert werden. Die umlaufenden Glasfassaden wurden ausgetauscht und durch Glaselemente mit Sonnenschutzlamellen in den Oberlichten ersetzt. Im Zuge der Dachsanierung im Sommer 2007 wurden die gesamten Dachaufbauten erneuert, wobei mit einer knappen Attika-Verblechung der ursprüngliche optische Eindruck des Gebäudes bewahrt werden konnte. Noch ausständig ist die Aufstellung von ursprünglich vorhandenen Blumentrögen zur Strukturierung des Innenhofes und Beschattung der anschließenden Innenräume. Im Inneren ist, mit Focus auf das Atrium als Lichtquelle, eine Neuorganisation und Nutzungsänderung von Räumen angedacht. Dabei wird versucht, durch die Erhaltung von Ausstattungsstücken aus der Bauzeit bzw. durch die Anpassung der neu anzufertigenden Elemente an die Originale dem von Professor Rainer als Gesamtkunstwerk konzipierten Charakter des Baues gerecht zu werden. So sollen beispielsweise in einigen Räumen die noch bestehenden Streckmetall-Tafeldecken saniert werden sowie die Beleuchtungskörper den von Roland Rainer entwickelten Rasteraufsatz erhalten. Ein Farbkonzept für die Innenräume wird nach Befunderhebung durch einen Restaurator erstellt. Eine noch vorhandene „Roland-Rainer-Tür“ wird aus musealen Gründen erhalten; die übrigen Türen werden dem Original entsprechend nachgebaut werden.

Ein Schauraum im Osttrakt wird künftig Studierenden wie auch Architekturtouristen Gelegenheit bieten, sich über Leben und Werk des Architekten, Stadtplaners und Theoretikers Roland Rainer zu informieren.






LITERATUR :

E. Rubin, In aller Schlichtheit – Alte (Un)bekannte VIII. In: Architektur und Bauforum, April 2004.
Roland Rainer, Das Werk des Architekten 1927-2003, Wien 2003, S. 124 f.

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