Zur Navigation springen |Zum Inhalt springen
 
 

„Suchen Sie sich einen einfach reichen Mann“ Oskar Kokoschka und das Mädchen Li. Unterschutzstellung eines Nachlasskonvoluts aus dem Besitz von Lilith Lang, verehelichte von Förster (1891 – 1952)

Oskar Kokoschka,

Oskar Kokoschka, "Das Mädchen Li und Ich" - Siebenter Traum, Farblithographie aus den "Träumenden Knaben", 1908 © Lentos Kunstmuseum, Linz

Lilith Lang, um 1905, Foto, Privatbesitz

Lilith Lang, um 1905, Foto, Privatbesitz

der Vater - die Mutter - ich und Gretl

"der Vater - die Mutter - ich und Gretl", Dr. Edmund und Marie Lang, Erwin Lang und Grete Wiesenthal, eh. Brief Erwin Lang an Lilith von Förster, ca. 1911, Wien, Privatbesitz © BDA

Grete Wiesenthal bei einer Aufführung, Foto, Privatbesitz, Wien

Grete Wiesenthal bei einer Aufführung, Foto, Privatbesitz, Wien © BDA

Oskar Kokoschka als Student der Wiener Kunstgewerbeschule, um 1908, Sammlungen der Universität für a

Oskar Kokoschka als Student der Wiener Kunstgewerbeschule, um 1908, Sammlungen der Universität für angewandte Kunst/Oskar-Kokoschka-Zentrum © Sammlungen der Universität für angewandte Kunst/Oskar-Kokoschka-Zentrum

Lilith Lang tanzte auch bei Veranstaltungen des Wohltätigkeitsvereins "Settlement"

Lilith Lang tanzte auch bei Veranstaltungen des Wohltätigkeitsvereins "Settlement", Theaterzettel für eine Aufführung im Kabarett Fledermaus, 1909, Österreichisches Theatermuseum, Wien © Österreichisches Theatermuseum, Wien

Oskar Kokoschka, Rock für Lilith Lang, 1908, Wien, Sammlungen der Universität für angewandte Kunst

Oskar Kokoschka, Rock für Lilith Lang, 1908, Wien, Sammlungen der Universität für angewandte Kunst © Auktionshaus Hassfurther

Oskar Kokoschka, Titelvignette zu den  "Träumenden Knaben", 1907/08

Oskar Kokoschka, Titelvignette zu den "Träumenden Knaben", 1907/08

Studien nach dem Akt von Lilith Lang, 1907, Basel, Kunstmuseum

Oskar Kokoschka, Studien nach dem Akt von Lilith Lang, 1907, Basel, Kunstmuseum © Basel, Kunstmuseum

"Lilith Lang ... irrt zwischen diesen Sachen herum wie in einem übelriechenden großen Vogelkäfig" -

"Lilith Lang ... irrt zwischen diesen Sachen herum wie in einem übelriechenden großen Vogelkäfig" - Oskar Kokoschka, Flötenspieler und Mädchen, 1908, Wien, Privatbesitz

"Königin Lilith", Erwin Lang, eh. Schreiben an Lilith von Förster, 20er Jahre, Wien, Privatbesitz © BDA

„Aber nur in ihrem eigenen Interesse, beschwöre ich Sie, thun Sie mir die Ehre an, einen einzigen Menschen absichtlich zu vermeiden, der Ihrem uns allen theuren Leben schädlich werden könnte! Herrn K. ... Suchen Sie sich einen einfach reichen Mann.“ So warnte der Wiener Literat und Lebenskünstler Peter Altenberg die von ihm verehrte Lilith Lang vor dem „Oberwildling“ Oskar Kokoschka.


Gleichzeitig riet er dem jungen Mädchen, einen bürgerlichen Lebenswandel einzuschlagen. 1910 verließ Lilith Lang die Kunstgewerbeschule, am 22. Februar 1911 heiratete sie den um vierzehn Jahre älteren Emil von Förster (1877-1944), den jüngsten Sohn des Ringstraßenarchitekten Emil von Förster.


Doch noch in späteren Jahren schwärmte Lilith von einem Heiratsantrag, den ihr Kokoschka gemacht hatte. Und auch Kokoschka erinnerte sich als alter Mann an das Mädchen Li. Auf einem Exlibris-Entwurf von 1909 vermerkte er 1970: „Das Gesicht ist auch hier Lilith, die ich sehr liebte“.


Die kulturelle Elite Wiens im Salon und in den Cafés der Jahrhundertwende war eine Gesellschaft, in der Wissenschaft, bildende und darstellende Kunst, Journalismus und Musik eng miteinander verwoben waren. Lilith von Förster, geb. Lang (1891-1952) wuchs in dieser Zeit des Wandels auf, die sich kulturell als ungeheuer fruchtbar erwies. Seit frühester Jugend war sie von den familiären Gegebenheiten her, später auch durch die Familie ihres Mannes, des Architekten Emil von Förster, den befreundeten, oft sogar verschwägerten Kreisen der geistigen Elite Wiens eng verbunden. Ihre kulturelle Prägung erhielt sie durch das Elternhaus und dessen Umfeld, durch ihren Vater, den Rechtsanwalt Dr. Edmund Lang, mehr noch durch ihre Mutter Marie Lang, Vorkämpferin der Frauenbewegung in Österreich. Die erste Verbindung von Marie Lang (1858-1934) mit dem Hofjuwelier Theodor Köchert war nicht von langer Dauer. Sie lernte Edmund Lang (1860-1918), den Bruder ihrer Schwägerin Melanie Köchert, kennen und lieben, der zu dieser Zeit als mittelloser Jusstudent eine kleine Dachgeschoßwohnung mit Hermann Bahr und Hugo Wolf teilte. Anlässlich der Scheidung überließ Marie Theodor Köchert den gemeinsamen Sohn Erich (1882-1949), zu dem jedoch weiterhin Kontakt bestehen blieb. Ab 1925 sollte sie bei ihm und seiner Frau Gertrud in Altmünster wohnen. Noch vor der Verehelichung mit Edmund Lang im November 1885 kam das erste gemeinsame Kind Heinz (+ 1904) auf die Welt. Zwei weitere Kinder, Erwin (1886-1962) und Lilith, folgten in den kommenden Jahren. Marie Lang schloss sich, angeregt von ihrer Freundin Rosa Mayreder, 1897 der bürgerlichen Frauenbewegung an. „Sie war durch ihr hinreißendes, pathetisches Temperament die beste agitatorische Kraft, die man sich für die Verbreitung und Popularisierung einer Idee nur wünschen konnte“ stellte ihre Schwiegertochter Grete Wiesenthal später fest. In seiner Wohnung betrieb das Ehepaar Lang trotz eher bescheidener Verhältnisse einen Salon, in dem Künstler, Politiker und Intellektuelle verkehrten. Stefan Großmann, ein Vertrauter der Familie, beschreibt in seinen Erinnerungen diese von Marie Lang betont zwanglos gestalteten Abende, bei denen auch die „drei Engelsgesichter“ in Erscheinung treten durften: Heinz, „ein blonder junger Ritter“, Erwin, „ein italienischer Bub“, und Lilith mit dem „schmale(n) Madonnengesicht“.


Heinz, der älteste Sohn des Ehepaars Lang, mit siebzehn Jahren bereits vollwertiges Mitglied des Kreises um Peter Altenberg und Adolf Loos, schwärmte wie viele andere für Lina Loos, die erste Frau des Architekten. Schließlich entwickelte sich daraus eine Liebesbeziehung. Adolf Loos stellte seine Frau im Sommer 1904 – er hatte durch unvorsichtig abgelegte Liebesbriefe von der Affäre erfahren - vor die Entscheidung. Heinz Lang hatte mittlerweile das Gymnasium absolviert und war anschließend nach England gefahren, wo er auf eine Nachricht von Lina Loos wartete. Stattdessen erhielt er einen Brief von Adolf Loos und einen Abschiedsbrief von Lina. Darauf erschoss sich der junge Mann. Diese Beziehung, über deren tragisches Ende mehrere Versionen kursieren, wurde von Arthur Schnitzler in der Tragikomödie „Das Wort“ literarisch verwertet. Heinz Lang hinterließ einen posthum im September 1904 vom Dienstmädchen Ida Oberndorfer geborenen Sohn, Karl Friedrich genannt Peter (1904-1947), der von Marie Lang aufgezogen wurde und in lebenslangem Kontakt mit Mitgliedern der Familie Lang blieb, wie der im Nachlasskonvolut vorliegende Briefwechsel beweist. In weiterer Folge zog sich Marie Lang aus der Frauenbewegung zurück, mit den Worten „Wie sollte ich anderen Müttern raten, die ihr eigenes Kind nicht behüten konnte“.


Der jüngere Sohn Erwin studierte bis 1907 neben Oskar Kokoschka und Anton Kolig an der Wiener Kunstgewerbeschule. Die einzige Tochter Lilith besuchte das Lyceum, seit 1900 die anerkannte Schulform zur höheren Bildung für Mädchen und die Kunstschule für Frauen und Mädchen. Anschließend studierte sie von 1907 bis 1910 an der Kunstgewerbeschule des k.k. Österreichischen Museums für Kunst und Industrie, vorerst als ordentliche Schülerin der Allgemeinen Abteilung bei Prof. Willibald Schulmeister. Später besuchte sie als Hospitantin die Fachschule für Zeichnen und Malen bei Prof. Bertold Löffler und die Allgemeine Abteilung bei Prof. Oskar Strnad. Nicht allzu erfolgreich, wie es scheint, da ihr Bertold Löffler zum Jahresabschluss 1909 „gute Begabung“ konzedierte, “aber große Arbeitsunlust ... meist durch Kranksein entschuldigt“. Sie war jedoch, wie sich aus der vorliegenden Korrespondenz ergibt, auch später noch kreativ tätig. Lilith entwarf sich ihre Kleider selber, sportlich begabt, widmete sie sich außerdem neben dem Bergsteigen und Skilaufen dem damals in Wien modern gewordenen Ausdruckstanz. Ihr Bruder Erwin verkehrte seit 1905 mit der Tänzerin Grete Wiesenthal (1885-1970), die er 1910 heiratete. Gemeinsam traten die Geschwister Lang und die junge Tänzerin in einigen Stücken auf, die bei Festen der Kunstgewerbeschule aufgeführt wurden. Lilith wirkte 1907 bei einem von Schülern Josef Hoffmanns und Kolo Mosers gestalteten Gartenfest im Weigl’schen Dreherpark bei Schönbrunn mit: bei einer Pantomime nach einer Dichtung von Max Mell „Die Tänzerin und die Marionette“, in der Grete Wiesenthal ihren ersten großen Erfolg feiern konnte. „Das Spiel der anderen war geschmackvoller und sympathischer Dilettantismus, aber eben doch nicht mehr“ so das strenge Urteil eines zeitgenössischen Beobachters. Lilith trat noch weitere Male mit Tänzen vor Publikum auf, etwa im Gartentheater der Kunstschau 1908 in der vom Kunstgewerbeschüler Fritz Zeymer inszenierten Harlekinade „Pierrot und Pierrette“. Möglicherweise für dieses Tanzstück entwarf Oskar Kokoschka, der zu dieser Zeit in Lilith Lang verliebt war, einen Rock, der sich Jahrzehnte lang in Familienbesitz erhalten hat. Das in strengem schwarz-weiß gehaltene Textil mit expressiv gestalteter Ornamentik, das vor einigen Jahren bei einer Auktion mit einer Ausfuhrsperre belegt wurde, findet sich auch in graphischen Arbeiten Kokoschkas. Der Rock für Lilith Lang konnte von der Kostüm- und Modesammlung der Universität für angewandte Kunst erworben werden und ist derzeit in der Ausstellung „Kabarett Fledermaus 1907-1913“ im Österreichischen Theatermuseum zu sehen. Auch in seinem ersten geschlossenen graphischen Werk, dem Märchenbuch „Die träumenden Knaben“ – nach Kokoschka ein „Bericht in Wort und Bild über meinen damaligen Seelenzustand“, 1908 im Verlag der „Wiener Werkstätte“ publiziert - findet sich das Mädchen Li „aus den verlorenen Vogelwäldern des Nordens, ... eine junge Schwedin, die Lilith hieß. Sie ging gleichfalls in die Kunstgewerbeschule und trug einen roten, von Bauernhänden gewebten Rock, wie man ihn in Wien nicht gewöhnt war. Rot ist meine Lieblingsfarbe. Ich war in das Mädchen verliebt. Das Buch ist mein erster Liebesbrief gewesen, doch sie war bereits aus meinem Leben verschwunden, als das Buch erschien“. Lilith Lang wurde vermutlich von Kokoschka als Schwedin bezeichnet, da sie damals Mitglied der von Ester Strömberg, einer Freundin ihrer Mutter, geleiteten „Ersten Schwedischen Privatturnanstalt“ war, für die ihr Bruder Erwin auch ein Plakat schuf. Das fünfzehnjährige, knabenhafte Mädchen stand dem Künstler für Aktstudien Modell. Manchmal musste sie sich in Kokoschkas Atelier unter einem Schleier schlafend stellen. Ihr kindlich eckiger Leib entsprach seinem damals an Georg Minne orientierten Schönheitsideal. Einige dieser Studien werden derzeit bei der Ausstellung „Träumender Knabe – Enfant Terrible“ im Belvedere präsentiert.


Obwohl in dem Poem verewigt, besaß Lilith niemals ein Exemplar der „Träumenden Knaben“. Die Beziehung zwischen Lilith und Oskar Kokoschka endete 1908. „Alle Beziehungen haben einen so toten, von vornherein berechneten Verlauf, und die Menschen sind alles so unheimliche Consequenzen ihres Typus wie Marionetten, dass man die Möglichkeit hat, von dem und dem einzunehmen, um bestimmte Quälwirkungen erwarten zu können. Und die Lilith Lang, die nicht so sein muß, wenn sie nicht hier verkehrt hätte, irrt zwischen diesen Sachen herum wie in einem übelriechenden großen Vogelkäfig und kann nicht mehr wahr werden und verwirft mit einer grausamen Freude ihre Kleinigkeiten, die nur für mich den einzigen Sinn haben; ich spreche nie mit ihr, weil ich mit den andern in eine seelische Intimität gezerrt würde, die mir unnatürlich verhasst wäre“ beklagt sich Oskar Kokoschka am Ende der Beziehung über Lilith und ihr Umfeld in einem Brief an Erwin Lang. Noch Jahre später sieht Kokoschka die Freundschaft zu Lilith in einem sehr negativen Licht: „Als ich gedrückt war und unfrei, war ein jüdisches Wort, das Nachtgespenst heißt [= Lilith, Anm. d. Verf.], für mich jahrelang bestimmend, nicht, weil ich es gesucht hatte, sondern weil es sich einstellte in der Gestalt eines Menschen, den ich als Welt aufgefasst hatte. Da war ich voll Unfrieden und Krankheit an Leib und Seele“.


Als Gattin Emil von Försters schuf Lilith – in Reminiszenz an den Salon der Mutter - ein ausgeprägt gastfreundliches Heim in ihrer Dachgeschoßwohnung in der Ditscheinergasse in Wien-Landstraße. Liliths Interesse galt auch nach ihrer Verehelichung dem Kultur- und Gesellschaftsleben Wiens, aktiv widmete sie sich jedoch vorwiegend ihrer Familie und den Kindern Heinz (1911-2002), Erika (* 1918), seit 1946 verehelichte de Pasquali – später als Sportreiterin bekannt geworden - und dem Nachzügler Ulrich „Uzzi“ (1930-1995). Heinz von Förster konnte sich 1947 als Physiker, Philosoph und Kybernetiker in den USA etablieren. An „Uzzi“ Förster, der 1947 als Klarinettist die erste Wiener Jazzband gründete, erinnert das von ihm gegründete Lokal „Uzzis Club Einhorn“ in Wien-Mariahilf.
Spielgefährten der Kinder waren Martin Lang (1911-1993), Sohn Grete Wiesenthals, und Paul Wittgenstein, ein Enkel Melanie Köcherts, verewigt in Thomas Bernhards „Wittgensteins Neffe“.


Das Nachlass-Konvolut aus dem Besitz von Lilith von Förster beinhaltet ca. 1500 Objekte, darunter 43 Briefe, Karten und Zeichnungen ihres Bruders, des Künstlers Erwin Lang, 13 Briefe und Karten Ihrer Schwägerin Grete Wiesenthal, zahlreiche Korrespondenzen anlässlich der Hochzeit mit Emil von Förster am 22.2.1911, u.a. von Viktor und Emma Adler, Josef Hoffmann, Hugo von Hofmannsthal, Bertold Löffler, Magda und Editha Mautner-Markhof, Max Reinhardt, Lili Schalk-Hopfen, Jakob Wassermann und weitere Briefschaften, vor allem aus der Zeit von 1910 bis 1950. Eindrücke aus den Kriegsgebieten des 1. und 2. Weltkriegs vermitteln eine Reihe von Feldpostkarten. Ein breites Spektrum der Zeitgeschichte über Jahrzehnte bieten die Schriftstücke enger Freundinnen und ehemaliger Schulkolleginnen. Zahlreiche Schreiben von Intellektuellen aus dem Umfeld von Marie Lang bekunden die hohe Wertschätzung, die auch ihrer Tochter Lilith entgegengebracht wurde. Auch die freundschaftlichen und verwandtschaftlichen Verflechtungen mit dem hochkultivierten Wiener Großbürgertum finden ihren Niederschlag im umfangreichen Schrifttum, etwa Briefkontakte mit Gerty von Hofmannsthal, der Gemahlin des Dichters und Mitgliedern der Familie Köchert und Schey von Koromla. Das Nachlasskonvolut aus dem Besitz der Lilith Lang wurde aufgrund seiner besonderen historischen und kulturellen Bedeutung unter Denkmalschutz gestellt und gelangte in Wiener Privatbesitz. 

Druckersymbol Druckversion