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Mit dem Flugzeug in die Römerzeit

Luftbild der archäologischen Grabung 1938. © LMJ

Einpassung der Ergebnisse der geophysikalischen Messungen in den Plan der Altgrabung. © Flughafen Graz

Foto der Grabung von 1938. © LMJ

Wandmalereifunde der Grabung aus 1938. © LMJ

Die Überreste der römischen Villa auf dem Areal des Flughafen Graz wurden mit Hilfe einer Bodenradarmessung untersucht. Das Ergebnis ist überraschend.

Die Strukturen der römischen Villa sind noch klar erkennbar. Durch die genaue Lagebestimmung kann der Flughafen Graz den geplanten Bau eines Rollweges durchführen, ohne dass es zu Störungen im Bereich der Villa kommt. Da die Villa in ihrem jetzigen Zustand erhalten bleibt, sind auch archäologische Grabungen nicht erforderlich.

Unter dem Areal des Flughafen Graz schlummern die Überreste einer der größten römerzeitlichen Villen Österreichs. Die ArchäologInnen kennen die in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts teilweise ergrabene Villa aus alten Publikationen, haben aber auf die Reste im Erdboden weitgehend vergessen. Dass die vor 70 Jahren teilweise ausgegrabene Villa eines der bedeutendsten Bauwerke der Römerzeit in Österreich war, stand außer Frage. Aber wo genau lag diese Villa? – die alten Pläne erlauben keine exakte Einpassung in die modernen Verhältnisse. Sind die fast 2.000 Jahre alten Baureste überhaupt noch erhalten, trotz der vielfältigen Bautätigkeit am Flughafen?
Um diese – auch für Planungsvorhaben der Flughafen Graz Betriebs GmbH, insbesondere den Bau eines Rollweges relevanten – Fragen zu klären, führte die Joanneum Research Forschungsgesellschaft Bodenradarmessungen durch, die ausgezeichnete Ergebnisse brachten: Die Mauern der Villa zeichnen sich sehr gut ab, die moderne Messung zeigt weitgehende Übereinstimmungen mit dem alten Grabungsplan, aber auch neue zusätzliche Details.

Die genaue Lage der Villa ist nun also bekannt: ein Drittel liegt unter der bestehenden Start- und Landebahn, zwei Drittel unter den anschließenden Wiesenflächen - dort sind die Mauern bestens erhalten. Nach einer Optimierung der Rollweg-Planungen durch die Flughafen Graz Betriebs GmbH kann man den erhaltenen Teil der Villa in seinem jetzigen Zustand belassen, archäologische Ausgrabungen sind nicht notwendig.
Das ist aus Sicht des Denkmalschutzes kein Nachteil: wie in einem Naturreservat bleiben die
archäologischen Befunde für die Nachwelt erhalten, die sie vielleicht später einmal mit moderneren Methoden erforschen wird.

„Wenn sich archäologische Denkmalpflege und Infrastrukturplanung eines Flughafens vereinen lassen, ist das eine optimale Entwicklung“, informiert Univ.-Doz. Dr. Bernhard Hebert, Landeskonservatorat für Steiermark. "Archäologie muss nicht immer ausgraben: Modernste Technik erlaubt einen zerstörungsfreien Blick in den Boden. Es ist für die Zukunft oft wichtiger, dass etwas erhalten bleibt als dass etwas ausgegraben wird."

„Im Falle der Römischen Villa bzw. unseres Bauvorhabens `Rollweg Süd´ waren wir mit einer für uns völlig neuen Situation konfrontiert – wir mussten in die Vergangenheit schauen um die Zukunft planen zu können“ erklärt Mag. Gerhard Widmann, Geschäftsführer des Flughafen Graz. „Ich bin sehr froh, dass die gute Zusammenarbeit mit dem Bundesdenkmalamt mit diesem für alle befriedigenden Ergebnis abgeschlossen werden kann!“


Die römerzeitliche Villa Forst/Thalerhof

Die Forschungsgeschichte:
Nach ersten archäologischen Funden im Bereich Forst/Thalerhof ab der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist es vor allem der Archäologin Dr. Marianne Grubinger zu verdanken, dass die Wissenschaft heute um die Römische Villa weiß.
In den „Fundberichten aus Österreich“ findet sich über das Jahr 1935 folgende Mitteilung: „In Forst I, nahe dem Flughafen sind beim Besitzer Muschik („Almbauer“) in niedrigen Hügeln Reste von Mauern und viele bemalte Mörtelstücke.“
Im Jahr 1937 begann Dr. Grubinger im Auftrag des Landesmuseums Joanneum mit der intensiveren Erforschung der Villa Thalerhof. Vom 28. Oktober bis Anfang Dezember 1937 wurde eine ausgedehnte römische Villa mit zahlreichen Heizanlagen ausgegraben, die in das 3. Jh. n. Chr. datiert wurde.
Unter der Leitung des Landesarchäologen Walter Schmid führte Marianne Grubinger die Ausgrabung der Villa während der Jahre 1938 und 1939 fort. „Die im Jahre 1937 begonnene Freilegung einer römischen Villa wurde im Jahre 1938 vom Landesmuseum Joanneum, Graz fortgesetzt. Freigelegt wurde der Mitteltrakt des Gebäudes." Den heizbaren Mitteltrakt und die beiden Seitentrakte verbinden heizbare Gänge. Gesamtlänge 166 m. Nach N schließt eine große Gartenanlage (120 mal 110 m) an, die ein Wandelgang umgibt. Das Eingangstor des Gartens lag in der SW - Ecke. Funde: einige ganze Vorratsgefäße, viele Bruchstücke von Gebrauchsgeschirr, ein einziges Stück einer Sigillataschüssel, einige Bruchstücke von Gläsern, eiserne Nägel, Haken, Kettenglieder lagen in den Räumen, aus Bronze eine Kniefibel. Die Räume waren buntflächig bemalt.“
„1939, dem Jahr des Kriegsbeginnes, wurde in Forst-Thalerhof bis Mitte Dezember gegraben, wozu u. a. die römisch-germanische Kommission des Deutschen Archäolog. Inst. in Frankfurt am Main und die Zentralstelle für Denkmalschutz je RM 500,- beisteuerten.“ Die Erforschung der Villa – sie ist mit über 70 Räumen und einer Längsausdehnung von etwa 180 m immerhin die größte bislang im Ostalpenraum bekannte – wurde dann „während des Krieges zwangsmäßig abgeschlossen, wobei nicht alle jene Feststellungen getroffen werden konnten, die eine wissenschaftliche Grabung erfordert hätte.“
Die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg:
Seither wurde auf die Villa weitgehend vergessen, der Flughafen Graz dagegen nahm in seiner Bedeutung zu, ist stetig gewachsen und ist so schlussendlich unwissentlich Besitzer des Grund und Bodens geworden, auf dem sich – oder besser gesagt – in dem sich die Villa befindet.

Aufgrund unlängst erfolgter Bodenradarmessungen und Planüberlagerungen mit den Plänen aus den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts konnte der exakte Standort der Villa bestimmt werden. Zwei Drittel der Villa sind noch erhalten. Da der Flughafen Graz bei der Planung einer Rollbahn auf die Villa Rücksicht nimmt, wird dieses kulturell immens wertvolle Bodendenkmal erhalten bleiben und harrt weiterhin seiner Erforschung.

Aber was war die Villa genau:
Ein riesiges luxuriöses Gebäude mit Fußbodenheizungen, Wandmalereien, Mosaiken, Bade- und Saunaräumen, einem Bankettsaal usw. Sie diente einer der führenden Familien der römischen Provinz Noricum als privater repräsentativer Wohnsitz und als Zentrum eines wahrscheinlich sehr ausgedehnten Landbesitzes. Wahrscheinlich waren die Eigentümer der Villa von Thalerhof auch die Besitzer eines Großteils des Grazer Feldes. Im nahe gelegenen Kalsdorf existierte zur Römerzeit ein großes Dorf, das auch in gewisser Weise zur Villa gehört haben wird.
Wo heute die Flughafen Graz Betriebs GmbH den Flugverkehr vor allem für die Steiermark, aber auch das angrenzende Kärnten, Slowenien und Ungarn abwickelt, stand vor fast 2.000 Jahren eine schlossartige Villa inmitten gestalteten Grünraums als Zentrum einer großen privaten Wirtschaftseinheit.

Dr. Bernhard Hebert und Mag. Ingo Mirsch

Podcast des  "Grazer Radio"
http://www.radiograz.at/groups/stadtreporter/podcast/563/


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