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„Kurzum: scheusslich!“
Unterschutzstellung eines Konvoluts von Briefen an den Komponisten Erich Wolfgang Korngold (1897-1957)

Korngold - Kings row

Erich Wolfgang Korngold im Alter von 12 Jahren

Erich Wolfgang Korngold im Alter von 12 Jahren © Korngold Family Estate

Erich Wolfgang Korngold mit seinen Eltern Julius Korngold und Josefine Korngold, ca. 1911

Erich Wolfgang Korngold mit seinen Eltern Julius Korngold und Josefine Korngold, ca. 1911 © Korngold Family Estate

Erich Wolfgang Korngold im Alter von 19 Jahren, mit handschriftlicher Widmung und Notenzeile aus Vio

Erich Wolfgang Korngold im Alter von 19 Jahren, mit handschriftlicher Widmung und Notenzeile aus Violanta  © Korngold Family Estate

Szenenfoto der Wiener Aufführung von Das Wunder der Heliane mit Jan Kiepura und Lotte Lehmann, 1927

Szenenfoto der Wiener Aufführung von Das Wunder der Heliane mit Jan Kiepura und Lotte Lehmann, 1927 © Österreichisches Theatermuseum

Erich Wolfgang Korngold und Luzi Sonnenthal an ihrem Hochzeitstag, April 1924

Erich Wolfgang Korngold und Luzi Sonnenthal an ihrem Hochzeitstag, April 1924 © Korngold Family Estate

Filmplakat zu The Adventures of Robin Hood, Warner Brothers 1938

Filmplakat zu The Adventures of Robin Hood, Warner Brothers 1938 © Courtesy Academy of Motion Pictures Arts and Sciences

Julius Korngold in Los Angeles 1942

Julius Korngold in Los Angeles 1942 © Korngold Family Estate

Brief von Dr. Julius Korngold an Bundeskanzler Dr. Kurt Schuschnigg, 8.1.1936

Brief von Dr. Julius Korngold an Bundeskanzler Dr. Kurt Schuschnigg, 8.1.1936 © BDA

Brief von Julius Bittner an Erich Wolfgang Korngold, 15. Dezember 1934

Brief von Julius Bittner an Erich Wolfgang Korngold, 15. Dezember 1934 © BDA

Der österreichische Theaterdirektor und Regisseur Hubert Marischka (1882-1959)

Der österreichische Theaterdirektor und Regisseur Hubert Marischka (1882-1959) © cyranos.ch

Brief von Hubert Marischka-Karczag an Erich Wolfgang Korngold, 26.01.1936

Brief von Hubert Marischka-Karczag an Erich Wolfgang Korngold, 26.01.1936 © BDA

Korngold am Klavier, ca. 1940

Korngold am Klavier, ca. 1940 © Korngold Family Estate

„Kurzum: scheusslich!“ So kommentierte Julius Bittner (1874-1939), einer der bekanntesten und meistaufgeführten Opernkomponisten seiner Zeit, die Geschehnisse rund um die zweite Aufführung seiner Oper „Das Veilchen“ 1934 in Wien.

 War die Uraufführung noch ein fulminanter Erfolg gewesen, geriet die nächste Aufführung einige Tage später zu einem unglaublichen Fiasko. In einem Brief vom 15. Dezember 1934 berichtet der Komponist: „Es war nur der brave alte Reichenberger da. Dieser übernahm um ½ 1 Uhr das arme ‚Veilchen’ und hat es wirklich am Abend ohne jede Probe mit einer staunenswerten Virtuosität dirigiert. Sie sind tatsächlich zusammen fertig geworden, was allein schon eine Ruhmestat ist. Das Orchester hat riesig aufgepasst, und wenn sie aufpassen, können die Philharmoniker ja was. […] Eine Menge schwerbewaffneter Polizisten standen mit Gummiknüttel und Pistole im Parterre, im Stehparterre, auf den Galerien, in den Gängen, was auch die Stimmung nicht erhöhte.“
Der Grund für dieses schwere Polizeiaufgebot lag in der Person des Staatsoperndirektors Clemens Krauss, der am 10. Dezember 1934 einen Vertrag für die Leitung der Berliner Oper Unter den Linden unterzeichnet hatte. Tags darauf kam es wegen seiner Annäherung an die nationalsozialistischen Machthaber in Deutschland zu Ausschreitungen während der Vorstellung, die ein Eingreifen der Polizei erforderlich machten.

Das Konvolut

Das aufschlussreiche Schriftstück ist Teil einer umfangreichen Sammlung von Postkarten und Briefen an Erich Wolfgang Korngold, einen der bedeutendsten österreichischen Komponisten des 20. Jahrhunderts. Es gelangte im Dezember 2006 im Dorotheum Wien zur Versteigerung und konnte schließlich vom Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde erworben werden.
Auch im Katalog der aktuellen Ausstellung des Jüdischen Museums Wien „Die Korngolds – Klischee, Kritik und Komposition“, (27. November 2007-18. Mai 2008) wird auf einige dieser Briefe Bezug genommen.
Neben Korrespondenz ganz allgemeiner Natur, wie Einladungen, Gratulationsschreiben, Austausch über Arbeitsfortschritte und den unvermeidlichen Ansuchen von Bittstellern, liegt die Bedeutung des Konvoluts vor allem in jenen Nachrichten von Zeitgenossen Korngolds, die sowohl Zeugnis der Zeit ablegen, als auch Einblick in Leben und Wirken des Komponisten geben. Die Sammlung beinhaltet unter anderem Briefe von Hubert Marischka, Lotte Lehmann, Paul Stefan, Bruno Walter und Max Oppenheim.

Das Wunderkind Erich Wolfgang

Erich Wolfgang Korngold wurde am 29. Mai 1897 als zweiter Sohn von Julius – dem führenden österreichischen Musikkritiker des frühen 20. Jahrhunderts - und Josefine Korngold in Brünn geboren. Seine außergewöhnliche musikalische Begabung wurde früh deutlich. 1910 gelangte das pantomimische Ballet „Der Schneemann“ des erst elfjährigen „Wunderkindes“ in der Wiener Hofoper zur Aufführung. 1916 folgten die beiden Einakter „Der Ring des Polykrates“ und „Violanta“, 1920 Korngolds größter künstlerischer Erfolg, die Oper „Die tote Stadt“.
Im Oktober 1927 fand die Uraufführung der Oper „Das Wunder der Heliane“ nach einer Dichtung des früh verstorbenen Dichters Hans Müller statt. In Hamburg und Wien wurde das dramatische Opernmysterium zwar umjubelt, der ganz große Erfolg blieb jedoch aus.
1932 bis 1937 vertonte Korngold den Roman „Die Magd von Aachen“ von Heinrich Eduard Jacob zur Oper „Die Kathrin“.
Bereits ab 1929 arbeitete der Künstler in verschiedenen Projekten mit Max Reinhardt zusammen, 1934 folgte er einer Einladung Reinhardts nach Hollywood, um dort die musikalische Leitung von „ A Midsummer Night’s Dream“ zu übernehmen. Nach einigen weiteren musikalischen Intermezzi in Hollywood erhielt Korngold 1938 ein Angebot von Warner Brothers, „Robin Hood“ mit Erroll Flynn zu vertonen. Mit seiner Frau Louise („Luzi“), geb. von Sonnenthal, und dem jüngeren Sohn Georg folgte er dem Ruf nach Hollywood. Erst der tatsächliche Einmarsch Hitlers in Österreich veranlasste ihn dazu, auch die restliche Familie nachzuholen. In den folgenden elf Jahren der Emigration sollte Erich Wolfgang Korngold zu einem der bedeutendsten Filmkomponisten Hollywoods werden. Fast ausschließlich für Warner Brothers tätig, wurde er mit zwei Oscars ausgezeichnet: 1936 für „Anthony Adverse“ und 1938 für die Musik zu „The Adventures of Robin Hood“. Insgesamt verfasste er zwischen 1935 und 1957 die Musik für 19 Filme.
Der Versuch nach dem Krieg wieder zur klassischen Musik zurückzufinden, blieb erfolglos. Erich Wolfgang Korngold starb am 29. November 1957 in Los Angeles. Erst in den letzten Jahren erfuhren seine Werke, vor allem die „Tote Stadt“, eine Renaissance.

Der dominante Vater

Maßgeblichen Anteil am Erfolg von Erich Wolfgang Korngold hatte sein Vater Julius, Nachfolger Eduard Hanslicks bei der Neuen Freien Presse und ebenso wie sein Vorgänger einer der profiliertesten österreichischen Musikkritiker. Engagiert und streitbar setzte er sich für die Belange des Sohnes ein. Der Brief an den österreichischen Bundeskanzler vom Jänner 1936 ist ein sprechendes Beispiel für die gefürchtete Hartnäckigkeit des Vaters. Nachdem er die Erfolge des berühmten Sohnes in höchsten Tönen lobt, muss er doch bemängeln, „…dass seit den letzten drei Jahren etwa, bereits zu Ausgang der Direktion Krauss und erst recht unter der Direktion Weingartner, Aufführungen von Werken dieses österreichischen Komponisten mit einem Male ihr Ende gefunden haben. …Von begreiflicher Wichtigkeit wäre es daher, wenn die Oper (Die Tote Stadt, Anm.) in Wien nicht weiter im Dunkel bliebe, sondern wieder normal wie bisher zur Aufführung gelangte…“.
Dass diese Intervention an höchster Stelle wenigstens zum Teil erfolgreich gewesen sein muss, beweist eine Nachricht an Julius Korngold von Dr. Pernter, Staatssekretär für Unterricht als oberster Leiter der österreichischen Bundestheater, der sich auf eben jenes Schreiben bezieht: „… dass die Direktion der Staatsoper … die Wiederaufnahme der Werke Ihres Herrn Sohnes in den Spielplan ins Auge fasst und zunächst für die Zeit um den 20. März eine Aufführung der Oper ‚Die tote Stadt’ in Aussicht nimmt.“

Nachrichten nach Hollywood

Freunde und Kollegen hielten den seit 1934 hauptsächlich in Los Angeles ansässigen Korngold über die Vorkommnisse im fernen Wien auf dem Laufenden. So berichtet Julius Bittner über die Pleite des Theaters an der Wien 1934 unter dem Direktor Hubert Marischka-Karczag: „So wie mir dünkt ist der Marischka zusammengekracht. … hat er noch im letzten Moment seine Pleitekiste der Gem. Wien angehängt, die zu ihren sonstigen Defiziten noch eines und ein gewichtiges dazugekriegt hat.“
Ebendieser wendet sich verzweifelt an Korngold: „ Du weißt doch was ich mitgemacht habe und noch mitmache und da hofft man doch von einigen wenigen, seltenen Freunden nicht enttäuscht zu werden, nach all den fürchterlichen Niederträchtigkeiten, Gemeinheiten von allen Seiten. … Hier kommen sie ja schon wieder langsam herangekrochen – da ich eben einen Großfilm – ein Lustspiel von Ernst mit Slezak, Romanovsky, Moser, Czepa, Pünkösdy, Mayerhofer, Neugebauer, Holt und vielen anderen Darstellern inszeniere. … wird’s hoffentlich ein Erfolg, damit ich mir wieder eine Existenz gründen kann. So Gott will, wird’s schon werden!“ Tatsächlich gab der Film „Konfetti“ von 1936 den Startschuss zu Marischkas Karriere als Filmregisseur.
Auch Erich Wolfgang Korngolds Wirken in Hollywood wurde kommentiert: So bezieht sich zum Beispiel der Schriftsteller und Kritiker Ernst Décsey in einem Brief vom 28. Dezember 1935 auf die erfolgreiche Premiere der Verfilmung von Shakespeares „Sommernachtstraum“, nicht ohne auch auf die für jüdische Künstler immer schwieriger werdenden politischen Gegebenheiten einzugehen: „Der Film gefiel der Majorität ungemein (zum Glück der unliterarischen) und meines Erachtens ist er überhaupt der Spitzenfilm … Obwohl wir noch keine Hitler-Bewegung haben, haben aber Zeitungen doch Hemmungen (nicht meine!) und sind mit dem Lob für nichtarische Autoren sparsamer als sie sein möchten.“
Trotz eindeutiger Hinweise wie diesem schien Korngold die drohenden Schatten des Nationalsozialismus nicht ernst zu nehmen. Auf die Frage eines Reporters, wie er denn zu Hitler stehe, antwortete er 1934: „ Ich glaube, dass Mendelssohn Hitler überleben wird.“ So wartete er auch bis zum tatsächlichen Einmarsch Hitlers in Österreich, im März 1938, ehe er seine gesamte Familie in die Vereinigten Staaten nachholte.
Schon im Jänner 1937 gibt ein Brief des Chefdirigenten der Wiener Staatsoper, Bruno Walter, aufschlussreiche Einblicke in das allgemein herrschende Mißtrauen: „… werden die von Ihrer Gattin berichteten Zweifel über meine Gesinnung wohl daran verstummen müssen, dass 3 Uraufführungen, die wir für nächste Saison planen im Dritten Reich nicht hätten angenommen werden können. Selbstverständlich waren aber für die Annahme dieser Werke, deren eines Sie gut kennen, keine anderen Gründe massgebend als die rein künstlerischen.“ Die Ablehnung der Wiederaufnahme der ‚Toten Stadt’ wurde allerdings „…einzig auf das Besetzungsproblem“, zurückgeführt.

Da aufgrund der Emigration Erich Wolfgang Korngolds und seiner Familie in die USA kaum privater Schriftverkehr vorhanden ist, schon gar nicht in einem solchen Umfang, war der Verbleib der Briefe in Österreich unbedingt wünschenswert, was durch den Ankauf durch das Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde gewährleistet werden konnte. Die Unterschutzstellung erfolgte im Anschluss an eine Dorotheum-Auktion.



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