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Jänner

Der Schatzfund von Wiener Neustadt2014 steht ganz im Zeichen des Ausnahmefundes

Der Schatzfund von Wiener Neustadt © Paul Kolp/Franz Siegmeth

Auffälligster Bestandteil des Schatzes sind die sternförmigen Gewandspangen © Paul Kolp/Franz Siegmeth

Zu den Glanzstücken des Schatzfundes gehört ein (Gürtel-)Haken (Mitte 13. Jh.) © Paul Kolp/Franz Siegmeth

Tropfenförmige Gewandspange mit vier plastisch ausgeformten Adlern (13. Jh.) © Paul Kolp/Franz Siegmeth

Das jüngste Einzelobjekt, ein kunstvoll gestalteter Gürtelriemenbeschlag (spätes 14. Jh.) © Paul Kolp/Franz Siegmeth

Fingerring mit gefasstem Saphir © Paul Kolp/Franz Siegmeth

Fingerring mit eingravierter Büste © Paul Kolp/Franz Siegmeth

Trinkbecher mit Spruchband („Dafür ist der Dienst gut, den man Frauen tut“) © Paul Kolp/Franz Siegmeth

Abgebrochener Schaft eines Pokals mit aufwändig verziertem Stielknauf © Paul Kolp/Franz Siegmeth

Silberlöffel mit tordiertem (verdrehtem) und teilweise vergoldetem Schaft © Paul Kolp/Franz Siegmeth

Im April 2014 wird der Schatzfund von Wiener Neustadt nach Abschluss der wissenschaftlichen Bearbeitung erstmals in vollem Umfang der Öffentlichkeit präsentiert.

Kaum eine archäologische Entdeckung der letzten Jahrzehnte hat in Österreich so viel Aufsehen erregt wie der spätmittelalterliche Schatzfund von Wiener Neustadt. Die Faszination, die dieser Schatz auf Fachwelt und interessierte Öffentlichkeit ausübt, ergibt sich nicht nur aus seinen spektakulären Einzelstücken, sondern zu einem guten Teil wohl auch aus den kuriosen Fundumständen.

Knapp vier Jahre nach der Übergabe der Objekte an das Bundesdenkmalamt ist nun das wissenschaftliche Forschungsprojekt zu diesem Ausnahmefund abgeschlossen. Dem hochkarätig besetzten ForscherInnenteam (Projektleitung: Nikolaus Hofer; Materialanalysen: Gerald Giester, Vera M. F. Hammer, Joachim Lutz, Mathias Mehofer, Michael Melcher, Ernst Pernicka, Manfred Schreiner, Rita Wiesinger; herstellungs- und verzierungstechnische Auswertung: Birgit Bühler, David Schwarcz; archäologisch-kulturhistorische Auswertung: Nikolaus Hofer, Franz Kirchweger, Thomas Kühtreiber, Marianne Singer, Andreas Zaijc) ist es gelungen, viele Fragen rund um den Schatzfund zu klären. Die Objekte werden ab 2014 in Asparn/Zaya erstmals öffentlich zu sehen sein.

Woraus bestehen die Objekte des Schatzfundes? Wie wurden sie hergestellt?
Der Schatzfund von Wiener Neustadt umfasst 149 vollständig erhaltene oder rekonstruierbare Objekte (in insgesamt 217 Einzelstücken oder Fragmenten) mit einem Gesamtgewicht von ca. 2200 Gramm. Alle Fundstücke bestehen aus Silber und sind mit wenigen Ausnahmen an der Oberfläche vergoldet. Die Materialanalyse hat ergeben, dass bei der Herstellung überwiegend hochwertige, aber doch teils deutlich voneinander abweichende Legierungen zum Einsatz gekommen sind. Auch bei der handwerklichen Ausführung der Stücke sind Unterschiede festzustellen: Neben einigen eher schlichten Arbeiten und mehreren echten „Spitzenstücken“ ist die überwiegende Zahl der Objekte einer gehobenen Qualitätsstufe zuzuweisen.

Wie sind die einzelnen Stücke zeitlich einzustufen? Wo wurden sie produziert?
Grob gesagt lassen sich die Funde in drei Kategorien – Kleidungszubehör, Schmuck und Tafelgeschirr – einteilen. Auffällig ist, dass – im Gegensatz zu vielen anderen mittelalterlichen Vergleichen – in diesem Schatzfund keine Münzen enthalten waren.
Den größten Anteil im Schatzfund nimmt das Kleidungszubehör ein. Hier sind auch die ältesten und die jüngsten Objekte des Gesamtkomplexes anzutreffen: Die sternförmigen Gewandspangen beispielsweise, die als Mantelschließen an der Brust getragen wurden, kamen im 14. Jahrhundert bereits langsam aus der Mode. Zwei echte „Prunkstücke“, ein (Gürtel-)Haken mit der Darstellung einer männlichen Figur sowie eine Gewandspange mit vier aufgesetzten Adlerfiguren, sind noch dem 13. Jahrhundert zuzuordnen. Als jüngstes Fundstück des ganzen Schatzfundes ist hingegen ein Gürtelriemenbeschlag mit figuraler Verzierung aus dem ausgehenden 14. Jahrhundert hervorzuheben, der ganz deutliche Bezüge zu Venedig zeigt.
Die große Menge an Fingerringen verleiht dem Schatz von Wiener Neustadt einen ganz besonderen Stellenwert unter den europäischen Hortfunden. Auch in dieser Objektkategorie sind – neben einigen älteren Exemplaren des 13. Jahrhunderts – hauptsächlich Typen des 14. Jahrhunderts vertreten. Neben den Ringen mit gefassten Steinen – die teilweise noch in der originalen Fassung erhalten sind – ist besonders eine große Gruppe von Ringen mit gravierten Ringplatten hervorzuheben. Einige Gravuren sind so tief eingeschnitten (und gleichzeitig so markant ausgeführt), dass man fast an eine Verwendung der Ringe zum Siegeln denken könnte.
Das Tafelgeschirr stellt hinsichtlich des Materials und der technischen Ausführung mit Abstand die qualitätvollste Objektgruppe im ganzen Fundensemble dar. Auf zwei zusammengehörenden Trinkbechern (sogenannte „Stapelbecher“) sind zwei Trinksprüche in deutscher Sprache erhalten, die überraschende Einblicke in die Gedankenwelt des Spätmittelalters geben: „Dafür ist der Dienst gut, den man Frauen tut“ steht auf dem einen Stück, „Strebe nach Freude an Frauen, wenn Dir der Wein die Lebenslust verdirbt“ auf dem anderen. Die gesamte Objektgruppe lässt sich in das 14. Jahrhundert datieren.
Fasst man alle Detailergebnisse zusammen, so ergibt sich für die Einzelobjekte des Schatzfundes von Wiener Neustadt ein Datierungszeitraum von fast 150 Jahren, und zwar von der Mitte des 13. bis zum Ende des 14. Jahrhunderts; der größte Teil ist jedoch dem 14. Jahrhundert zuzurechnen. Die Qualität des Schmucks und der Kleidungsbestandteile ist überwiegend hoch. Die ehemaligen Besitzer sind jedenfalls in der adeligen und städtischen Oberschicht zu suchen.
Überraschend ist – neben der überproportional hohen Anzahl an Fingerringen und Gewandspangen – das gemeinsame Auftreten von typisch „mittelosteuropäischen“ Stücken und Vertretern der „internationalen Mode“. Deutlich wird hier wieder einmal die Rolle Österreichs als „Kontaktzone“ der großen europäischen Kulturkreise West-/Nordeuropa, Mittelmeerraum und Balkan/Osteuropa. Gerade die Goldschmiede arbeiteten zudem schon früh nach internationalen Vorbildern, die sich ausgehend von Venedig und Frankreich seit dem 13. Jahrhundert über Europa ausbreiteten. Wohl nicht zufällig liegt der Fundort des Schatzfundes von Wiener Neustadt an der alten Handelsstraße zwischen Wien und Venedig.

Wer hat den Schatz verborgen? Warum hat er das getan?
Aus Sicht der Forschungsergebnisse erscheint folgendes Erklärungsmodell durchaus realistisch: Die Einzelstücke des Schatzes wurden von einem Goldschmied oder einem Zwischenhändler zusammengetragen, um sie zu einem späteren Zeitpunkt einzuschmelzen, also zu recyceln. Da die Objekte unweit der Stadtmauern, gleichsam neben der Straße, und offenbar nur in einem losen Behältnis – etwa einem Stoffbeutel – verborgen wurden, scheint es so, als hätte der Besitzer beabsichtigt, sich die Tormaut für diese Objekte durch deren kurzfristige Verbergung zu „sparen“. Irgendetwas dürfte ihn dann aber daran gehindert haben, den „Schatz“ wieder zu bergen.
Faszinierend ist der Gedanke, über diesen so prachtvollen Schatzfund einen Einblick in eine sehr alltäglich, ja fast vertraut wirkende Handlung zu gewinnen – wer hat nicht schon einmal versucht, den Zoll zu umgehen?

Die neue Heimat des Schatzfundes
Ab 13. April werden alle Objekte des Schatzfundes, der mittlerweile vom Land Niederösterreich angekauft wurde, erstmals an ihrem neuen Verwahrungsort in der Dauerausstellung des Urgeschichtemuseums MAMUZ Schloss Asparn/Zaya: www.mamuz.at zu sehen sein. Zeitgleich mit der Ausstellungseröffnung sollen am 12. April 2014 auch zwei Publikationen präsentiert werden, die alle bisherigen Forschungsergebnisse rund um den Schatzfund von Wiener Neustadt einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen werden.
 

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