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März

Glücklich Wohnen im "spinnerten Dorf"

"Musterhäuser" Woinovichgasse 14-20 nach Restaurierung, Zustand 2012

Ursprüngliches Erscheinungsbild der "Musterhäuser" Woinovichgasse 10-20 im Jahr 1932

Die Häuser Woinovichgasse 14-18 vor der Restaurierung, Zustand 2007

Wohnzimmer, Woinovichgasse 20, nach der Restaurierung 2012
 

Blick ins Stiegenhaus, Woinovichgasse 20, nach der Restaurierung 2012
 

Türbeschlagsdetail aus 1932, Zustand 2007
 

Detail der Installationen aus 1932, Zustand 2007
 

Lichtschalter aus 1932

Waschtisch samt Armaturen aus 1932, Zustand 2007
 

Waschtisch samt Armaturen aus 1932 in restauriertem Zustand 2012

Linoleumboden aus 1932 in restauriertem Zustand, Juni 2012

Linolbelag aus 1932 mit Gebrauchsspuren (Blumentopfuntersetzer), restaurierter Zustand 2012

"Musterhaus" Woinovichgasse 20 nach Restaurierung, Zustand 2012

Vier „Musterhäuser“ der Wiener Werkbundsiedlung wurden im Rahmen der ersten Restaurierungsetappe instandgesetzt und präsentieren sich wieder in einzigartig schlichter Eleganz der frühen 1930er Jahre. Die Restaurierung, der umfangreiche Dokumentationen und Untersuchungen vorangingen, findet internationale Beachtung. Und das ist erst der Beginn…

„70 Einfamilienhäuser mit Gärten, 2½ bis 5 Zimmer, Bad und Nebenräume, alle Installationen, Baurecht bis zum Jahre 2000, 25 - 65.000 Schilling Anzahlung, Abstattung des Restkaufschillings in Monatsraten im Laufe von 15 Jahren bei 4% Verzinsung.“ So waren die Häuser der Wiener Werkbundsiedlung, die 1932 anlässlich der internationalen Bauausstellung errichtet wurden, in der Eröffnungsbroschüre angepriesen.

Insgesamt 32 österreichische und internationale Architekten (darunter als einzige Frau Margarete Schütte-Lihotzky) versuchten hier jeweils ihre eigenen Ideen des „Neuen Wohnens“ umzusetzen um eine glücklichere Welt und damit eine „Neue Gesellschaft“ zu realisieren. Unter der Federführung des Architekten Josef Frank wurden die flach gedeckten Reihenhäuser in geschlossener oder gekuppelter Bauweise, teilweise auch freistehend, um einen neuen Platz, einen „Dorfkern“, angeordnet. Die mediale Kritik an der Wiener Werkbundsiedlung mit ihren eingerichteten „Häusern ohne Dach“ ließ jedoch nicht lange auf sich warten. Obwohl sie als „Würfelsiedlung“ oder „spinnertes Dorf“ abgetan wurde, war die Ausstellung 1932 ein voller Erfolg: an die 100.000 BesucherInnen machten sich ihr eigenes Bild über die Möglichkeiten zeitgemäßen Wohnens. Allerdings war der Zeitpunkt der Errichtung schlecht gewählt: die Mehrzahl der zum Verkauf bestimmten Häuser waren, bedingt durch die Wirtschaftskrise, zu dieser Zeit bereits zu teuer, nur 14 Häuser konnten verkauft werden.

„… wir sind stolz darauf, auf dem Gebiete der modernen Architektur und Wohnungsgestaltung in Wien ein Beispiel vorführen zu können, dem eine nachhaltige Wirkung weit über die Grenzen Österreichs hinaus sicher ist …“ schrieb Dr. Ing. Hermann Neubacher, Präsident des Werkbundes und gleichzeitig Direktor der GESIBA (Gemeinnützige Siedlungs- und Baustoffanstalt) 1932 über die Werkbundsiedlung Wien anlässlich ihrer Eröffnung. Durch seine Doppelrolle sowohl als Vertreter des Werkbundes und der Errichtergesellschaft als auch als späterer (und erster) NS Bürgermeister Wiens von 1938 bis 1940, blieb der Wiener Werkbundsiedlung nicht nur das Schicksal vergleichbarer Siedlungen, wie z.B. der Weißenhofsiedlung in Stuttgart, erspart, 1938 wurden die Fassaden der Wiener Werkbundsiedlung sogar neu gefärbelt. Weder als Beispiele „undeutschen“ Bauens diffamiert, noch durch Umbaumaßnahmen bis zur Unkenntlichkeit entstellt, überdauerten die Wiener Siedlungshäuser die kommenden Jahrzehnte weitgehend unberührt bis in die Gegenwart. 1938 gingen die nicht verkauften und teilweise noch unvermieteten Häuser in das Eigentum der Gemeinde Wien über. Ab 1978 wurden die in privatem Eigentum stehenden Siedlungshäuser sukzessive unter Denkmalschutz gestellt, die im Eigentum der Stadt Wien befindlichen und damit seinerzeit automatisch unter Denkmalschutz stehenden Häuser 1983-1985 durch die Architekten Adolf Krischanitz und Otto Kapfinger erstmals saniert. Dabei stand bereits eine sanfte, d.h. auch denkmalgerechte Sanierung im Vordergrund. Verloren gegangene Architekturdetails wie z.B. hölzerne Pergolen wurden dabei wieder errichtet, die historischen Farbsysteme der Fassaden, Fenster und Türen annähernd wieder hergestellt. Auch die bestehende Bausubstanz versuchte man wo möglich zu konservieren und weiter zu verwenden oder durch in Textur und Haptik gleichwertige zeitgenössische Produkte zu ersetzen. Aufgrund von in manchen Bereichen fehlenden technischen Vergleichsbeispielen, z.B. in der Sanierung von Verputz, führten die bei einigen Häusern verwendeten Putzsysteme nach Jahrzehnten zu ästhetischen Problemen.

2004 erfolgten die ersten Vorarbeiten zur neuerlichen Sanierung und Restaurierung der nunmehr in der Verwaltung von Wiener Wohnen stehenden Siedlungshäuser. Zwischen 2009 und 2011 fanden umfassende Untersuchungen des Bauzustandes der Häuser statt. Neben den Aspekten der Haustechnik, Installation, Energieeffizienz und Bauphysik wurden begleitend auch umfassende restauratorische Untersuchungen der Architekturoberflächen, von Metalldetails, verbliebener Ausstattungsteile und historischen Bodenbelägen durchgeführt. Auch zeitgeschichtliche und thematisch hochaktuelle Artefakte konnten hier gefunden werden. Ein Zeitungsausschnitt, der nach den 1950er Jahren als Trittschalldämmung unter einem Bodenbelag verwendet wurde, klärt uns z.B. über das damals heiß diskutierte Parkometerformular „Parkus“ auf: „Dieser Parkschein, ein hellgelbes, rundes Formular, das der Automobilist in jeder Trafik zu kaufen bekommen soll, wird gelocht und an der Innenseite der Windschutzscheibe angebracht. … der Österreichische Touring-Club hat dieses Parkometersystem eingehend geprüft und auch befürwortet.“

Die Ergebnisse der restauratorischen Befundungen der Siedlungshäuser waren zum Teil erstaunlich, da wesentlich mehr ursprüngliche Substanz als angenommen vorgefunden wurde. Manche Häuser wiesen auch 80 Jahre nach ihrer Errichtung beinahe noch vollständig ihre Tür- und Fensterbeschläge auf, vielfach waren auch noch Teile der ursprünglichen Bodenbeläge aus Linoleum vorhanden. Auch die Farbbefunde der Wände im Inneren überraschten: ging man ursprünglich von bauzeitlich dezent ockerfarbigen Wandfassungen aus, konnten z.B. im von Architekt Gerrit Rietveld geplanten und ausgestatteten Haus Woinovichgasse 20 sehr feinfühlig differenzierte und in vielen Räumen unterschiedliche Farbfassungen in Pastelltönen nachgewiesen werden. Im Zusammenspiel mit den ebenfalls überwiegend erhaltenen und Raumweise unterschiedlich gefärbten und nunmehr restaurierten bauzeitlichen Linoleumböden ergab sich eine einzigartig schlichte Eleganz der frühen 1930er Jahre. Auch im Außenbereich wurde 1932 farblich experimentiert; die Geländer der vier Rietveld-Häuser waren bauzeitlich mit einem Ölanstrich versehen, dem Aluminiumpulver beigemengt wurde.

Seit 2011 werden die nunmehr von der WISEG (Wiener Substanzerhaltungsges.m.b.H. & Co KG) verwalteten Siedlungshäuser durch das Architektenteam P.Good (Azita Goodarzi und Martin Praschl) instand gesetzt. Als erste Etappe wurden bis Juni 2012 die vier „Musterhäuser“ Woinovichgasse 16,18 und 20 sowie das Haus Veitingergasse 85 in hervorragender Weise restauriert. Neben der Konservierung und partiellen Neuherstellung der Architekturoberflächen konnten hier die historischen Farbkonzepte wieder gewonnen werden. Darüber hinaus wurden vor allem im Bereich der Fenster und Heiztechnik denkmalgerechte thermoenergetische Verbesserungen vorgenommen, die eine Halbierung der Heizkosten ermöglichen. Die nächsten Restaurieretappen sind derzeit in Vorbereitung und werden aufgrund der bisherigen Erfahrungen international gesehen ebenfalls hervorragende Endergebnisse bringen, denn wie meinte der Architekt Josef Frank schon 1932: „… so klein diese Bauten auch ihrem Umfang nach sind, so groß ist ihre Bedeutung.“

 

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