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Juli

Das ehemalige Dorfwirtshaus in Jabing bei Oberwart
– „ein kleines historisches schmuckstück mit form und stil“ ist wiedererstanden

Arkadengang - Detail

Arkadengang - Detail © BDA Martina Oberer-Kerth

Was ist es?

Was ist es? © BDA Martina Oberer-Kerth

Das ehemalige Dorfwirtshaus in Jabing im Jahr 1995

Das ehemalige Dorfwirtshaus Szabo in Jabing im Jahr 1995 © BDA

Fassade nach der Wiederherstellung

2011 - Fassade nach der Wiederherstellung © BDA Martina Oberer-Kerth

Innenhof nach Wiederherstellung

Innenhof nach Wiederherstellung © BDA Martina Oberer-Kerth

Der Arkadengang

Der Arkadengang - vor Auswechslung des Bodens © BDA Martina Oberer-Kerth

In Schönheit und Würde gealtert: Das Brüstungsabdeckungsbrett in einer Arkade

In Schönheit und Würde gealtert © BDA Wien Martina Oberer-Kerth

Achtung Baustelle! Restaurator B. Gritsch und sein Werk

2010: Achtung Baustelle! Restaurator B. Gritsch wird am Tag des Denkmals 2012 Interessierten Rede und Antwort stehen  © BDA

Im heutigen Burgenland sind Arkadenhäuser in größerer Anzahl vor allem im Süden in den Dörfern der Wart in und rund um Oberwart zu finden.

Der Arkadengang, der traufseitig entlang der Wohn- und Stalltrakte geführt wird, ist ein für die Kulturlandschaft einst typisches Motiv. Er entwickelte sich aus Herrschaftsformen, wie man sie nach Adelheid Schmeller-Kitt in der Gestaltung der Emporen in Kirchen und auch in den Hofarkaden der Renaissanceschlösser finden kann, etwa im ehem. Schloß Batthyány in Stegersbach. Dieses Element wurde von  kleinadeligen, magyarischen Wehrbauern übernommen, die im Mittelalter als Grenzwächter angesiedelt wurden. Nach der endgültigen Befriedung der Oberen Wart in den ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts und nach der Aufhebung der Leibeigenschaft 1781 dokumentierten sie mit dieser repräsentativen "Prestige-Form" (Alfred Schmeller) gegenüber den ehemals leibeigenen Bauern ihre soziale Sonderstellung. Diese Bauweise, im jetzigen Burgenland erstmals Ende des 18. Jahrhunderts im Umfeld der Kleinadeligen nachweisbar, wurde mit der Verbreitung des gebrannten Tonziegels, der Aufhebung der Untertänigkeit und der Grundentlastung in der Mitte des 19. Jahrhunderts zu der allgemein bevorzugten Hofform, die bis Ende der Zwanzigerjahre des 20. Jahrhunderts üblich blieb. Somit entstand "aus einer sozial und standesrechtlich begründeten baulichen Besonderheit ein für eine Kleinlandschaft charakteristisches Element" (Olaf Bockhorn).
 
Das ehemalige Dorfwirtshaus Szabo präsentiert in eindrucksvoller Weise diese einst für das südliche Burgenland, insbesondere den Oberwarter Raum charakteristische bäuerliche Architektur: die Form des Bauernhofes mit vorgelagerten mächtigen Säulen- oder Pfeilerarkaden.
 
Im Jahr 1814 fasste die kleinadelige Gemeinde Jabing den Beschluss, ihr Wirtshaus neu zu errichten. Im selben Jahr wurde der Ziegler Martin Huber mit der Herstellung von 57.300 gebrannten Ziegeln beauftragt. Die Bauarbeiten dauerten bis 1820 und kosteten die Gemeinde 2759 Gulden und 27 Kronen. Das ursprünglich strohgedeckte Anwesen bestand aus zwei Zimmern, Fleischbank, Speisekammer, Küche, Keller sowie Stallungen. Zum Wirtshaus gehörten ein Joch Acker, ein Krautacker, vor dem Haus ein Gemüsegarten, ein Garten und ein Kartoffelacker. In den Jahren 1829/30 pachtete der Fleischhauer Georg Farkas Fleischbank und Wirtshaus samt Wein- und Schnapsverkauf für 140 Gulden im Jahr von der adeligen Kommunität Jabing.  Nach einem Brand im Jahr 1841 wurde das Gebäude wieder aufgebaut, wofür die Gemeinde sich verschulden musste. 1912 wurde das Wirtshaus an Michael Thek und seine Gattin verkauft. In diese Zeit fällt eine Adaptierungsphase, die Fassade wurde nach 1945 erneuert. Bis zum Tod von Frau Emilie Szabo, Enkelin der Frau Thek, im Jahr 1976 blieb der Gasthausbetrieb aufrecht, 1997 übernahm wieder die Gemeinde das Haus.
 
Das ehemalige Wirtshaus entspricht dem Typus eines eingeschossigen Zwerchhofes und zeigt eine besondere Ausformung durch den links vortretenden, mit Schopfwalmdach abgeschlossenen Haupttrakt. An diesen langgestreckten Baukörper schließt straßenseitig ein Quertrakt mit Durchfahrt an. Den rückseitigen Abschluss bildet eine ebenfalls mit Durchfahrt versehene Scheune. Der Innenhof wird durch eine achtachsige Längslaube entlang des Haupttrakts geprägt, die als rundbogige Arkatur mit segmentbogengewölbtem Gangbereich und gemauerter Brüstung in einer frühen Form dieser regional typischen Bauweise konzipiert ist. Die Säulen sind mit gedrungenem Schaft, Basis und einer Art toskanischem Kapitell ausgeführt. Der Straßentrakt ist im Bereich der Durchfahrt mit Platzlgewölben versehen, durch Gurten unterteilt und mittels Stuckschnittdekor in barockisierend-biedermeierlichen Formen nobilitiert. Das historische Holztor aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts befindet sich in situ. Die Räume des Erdgeschosses sind durchgehend flachgedeckt und weisen einfache Formen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts (Füllungstüren, Kastenfenster etc.) auf. Der Dachstuhl, wohl von 1841, ist in barocker Tradition als liegende Konstruktion ausgeführt.
 
Nach vielen Jahren der Vernachlässigung und der Überlegung von Seiten der Gemeinde, den Bau abzutragen, fand sich 2008 ein neuer Eigentümer, ein gebürtiger Tiroler, der mit dynamischem Einsatz und Liebe zum Objekt die umfassenden Sanierungs- und Restaurierungsarbeiten durchführen ließ. Hier kam es zu einer kongenialen Zusammenarbeit mit einem Tiroler Restaurator, den Familie und Tätigkeit seit vielen Jahren an das Burgenland binden. Unter seiner behutsamen Leitung wurde der Bau statisch konsolidiert und trocken gelegt. Der bestehende, rezente Zementputz wurde entfernt und durch einen „klassischen“  Sumpfkalkmörtel ersetzt. Damit konnte auch die historische Fassadengliederung wiederhergestellt werden. Das prächtige Einfahrtstor sowie die alten Brüstungsbretter im Arkadengang wurden nicht erneuert, sondern unter Berücksichtigung ihrer Patina und ihres Alterswerts beibehalten und restauriert. Störende Details wurden beseitigt, der Beton im Arkadengang durch ein historisches Ziegelpflaster ersetzt, gemäß dem Ansinnen des stolzen Eigentümerehepaares, „ein kleines historisches schmuckstück mit form und stil … wiedererstehen zu lassen.“ Mit Geschmack und Einfühlungsvermögen ist es in diesem Fall gelungen. Diese keineswegs selbstverständliche Leistung wird heuer am Tag des Denkmals bei einem kleinen Empfang erstmals in größerem Rahmen der Öffentlichkeit präsentiert.
 
 
Weiterführende Literatur:
Olaf Bockhorn, Anmerkungen zu Hausforschung und „Arkadenhäusern“ im Burgenland. In: Arkadenhäuser. Bauformen, Wohnen und Dorferneuerung am Beispiel bäuerlicher Arkadenhäuser (WAB 85), Eisenstadt 1990
Ludwig Josef Toth und Ludwig Volker Toth, Arkadenhäuser im Südburgenland, Eisenstadt 1984
Adelheid Schmeller-Kitt, Burgenland. Die Kunstdenkmäler Österreichs, 2. verb. Aufl. Wien 1980
 

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