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Mai

„Rettet den Maria Saaler Dom“

Schnitzfigur des hl. Modestus, Gründer der Maria Saaler Kirche, mit dem Kirchenmodell, Foto © Universität für angewandte Kunst

Historische Ansicht der Kirchenanlage vor dem Brand 1669, Foto © Universität für angewandte Kunst

Zustandserfassung mittels Hebebühne 2010, © BDA, Foto: Jürgen Moravi

Notsicherungen mittels Hebebühne 2010, Foto © Universität für angewandte Kunst

Schadenserfassung am Nordturm 2010: absturzgefährdetes Zierelement, Foto © Universität für angewandte Kunst

Bestandserfassung 2010: Kantholz in einem offenen Gerüstloch vom bauzeitlichen Auslegergerüst, Foto © Universität für angewandte Kunst

Bestandserfassung 2010: „Wolfsloch“ in einem Marmorstein als Hinweis auf die bauzeitliche Bearbeitung mit dem „Wolf“, einem mittelalterlichen Hebewerkzeug, Foto © Universität für angewandte Kunst

Bestandserfassung 2010: Steinmetzzeichen als Markierung des Steinbearbeiters, Foto © Universität für angewandte Kunst

Bestandserfassung 2010: Fugenstrichfragmente am südlichen Treppenturm, Foto © Universität für angewandte Kunst

Restaurierung des Nordturms 2011, Foto © Diözese Gurk / Friedrich Breitfuss

Restauratorische Maßnahmen: Aus Sicherheitsgründen abgenommene Gesteinsschichtungen, Foto © Bettina Unterberger

Restauratorische Maßnahmen: Vernadelung einer „Steinschale“ - zur Befestigung wird ein Glasfaserstift eingesetzt und mit Epoxidharz verklebt, Foto © Bettina Unterberger

Restauratorische Maßnahmen: Rissschließung mit pigmentiertem Injektionsmörtel, Foto © Bettina Unterberger

Restauratorische Maßnahmen: Ammoniumkarbonatkompresse zur Reduktion von Schmutz- und Gipsauflagen, Foto © Bettina Unterberger

Restauratorische Maßnahmen: Abdeckung einer Sohlbank mit Bleiblech, Foto © Universität für angewandte Kunst

Restauratorische Maßnahmen: Restaurierung der Glasfenster, Windeisen und Schutzgitter, Foto © Universität für angewandte Kunst

Südchor nach der Restaurierung, Foto © Diözese Gurk / Friedrich Breitfuss

Westfassade nach der Restaurierung, Foto © Bettina Unterberger

Mit einer kärntenweit angelaufenen Kampagne sammelt Stiftspfarrer Kanonikus Josef-Klaus Donko seit dem Vorjahr Spenden für Maria Saal. Prominente Kärntner, wie der Theaterregisseur Martin Kušej oder der Schriftsteller Alois Brandstetter, unterstützen die Aktion. Die Außenrestaurierung der Propsteipfarr- und Wallfahrtskirche Mariae Himmelfahrt ist jedoch nicht nur finanziell, sondern auch restauratorisch eine ganz besondere Herausforderung.

Die Kirchenburg in Maria Saal gehört zu den landes- und kirchengeschichtlich bedeutendsten Ensembles Kärntens. Wenn auch das Maria Saaler Gotteshaus niemals Bischofskirche (i. e. Hauptkirche eines Kirchensprengels) war, wird es von der Kärntner Bevölkerung dennoch als „Dom“ wahrgenommen. Diese Einschätzung dürfte mit der landes- und kirchenpolitischen Schlüsselfunktion Maria Saals zusammenhängen: Der hl. Modestus, Chorbischof und Gründer der ersten Kirche im 8. Jahrhundert, soll in der Kirche begraben sein und auch im Zeremoniell der Einsetzung der Kärntner Herzöge spielt der Bau, in den Urkunden des 9.-11 Jahrhunderts als „ecclesia Sanctae Mariae ad Carantanam“ bezeichnet, eine wichtige Rolle. Ob und inwieweit von Vorgängerbauten Reste vorhanden sind, ist bis heute ungeklärt.

Die Propstei-, Pfarr- und Wallfahrtskirche in ihrer heutigen Form und die sie umgebende Wehranlage wurden im 15. Jahrhundert in mehreren Bauphasen errichtet. Durch einen Großbrand 1669 und die anschließend notwendigen Instandsetzungen veränderte sich ihr Bild von Westen aus signifikant: Der auf alten Ansichten noch erkennbare Verbindungsgang zwischen den Türmen wurde abgetragen und die dadurch entstandenen Öffnungen vermauert, die Türme saniert und mit neuen Helmen ausgestattet.

Wie der Restauriergeschichte zu entnehmen ist, waren die im 17. Jahrhundert veränderten oberen Turmzonen seither schadensanfällig. Als im Frühjahr 2010 immer öfter kleine Steinchen von den Türmen herab stürzten und Besucher sich wegen der latenten Steinschlaggefahr nicht mehr sicher wähnten, bestand Handlungsbedarf. Im Rahmen einer Diplomarbeit der Universität für angewandte Kunst, Studienrichtung Konservierung und Restaurierung, befasste sich die Studentin Bettina Unterberger 2010/11 mit dem Zustand der Nord- und Westfassade: Von einer Hebebühne aus erfasste sie die Schäden höher gelegener Fassadenbereiche und leistete erste Notsicherungen. Die anschließend von ihr vorgenommene Auswertung der Schadensbilder ergab, dass der Kirchenbrand des 17. Jahrhunderts einen Initialschaden in den oberen Turmzonen verursacht hatte, der durch nachfolgende Witterungseinflüsse noch zusätzlich verstärkt worden war. Als zusätzliche Schadensursachen wurden Gebäudebewegungen (u. a. infolge von Gewölbeschub und Glockenschwingungen) und Feuchtebelastungen (u. a. infolge eines zu dichten jüngeren Fugenmörtels) ausgemacht.

Parallel zur Aufnahme der Schäden am Nordturm und der mittleren Fassadenwand - Risse in Fugen und Stein, Abplatzungen und Absandungen von Steinoberflächen, Verfärbungen, Gipskrusten und biogener Bewuchs (Pflanzen, Moose, Flechten) - wurde der heterogene Mauerwerksbestand analysiert. Die Gesteinsvarietäten (u. a. Konglomerat und Sandstein, Grünschiefer, Marmor aus der unmittelbaren Umgebung), Versetz- und Fugenmörtel, Putze, Farbanstriche auf Putz und Stein sowie Wandmalereien wurden in einer Materialkartierung dargestellt. Die Untersuchungen Unterbergers brachten interessante neue Erkenntnisse: Während man bisher geglaubt hatte, dass die Kirchenfassaden ehemals zur Gänze verputzt waren, fanden sich dann bei der Besichtigung am Nordturm und der westlichen Fassadenwand keinerlei Hinweise auf eine Verputzung über dem Bruchsteinmauerwerk! Im Unterschied zur dadurch erwiesenen ursprünglichen Steinsichtigkeit des Nordturmes konnte am Südturm eine relativ einheitliche steinfarbene Architekturoberfläche nachgewiesen werden - zustande gebracht mittels verputzten Bruchsteinmauerwerks, unverputzter und ocker gefasster Werksteine sowie ocker gefassten Putz- und Fugendeckmörtels. Auf weitere spannende Südturm-Details stieß die Diplomandin im Bereich des Emporengeschosses, wo sie an mehreren Stellen Fugenstrichfragmente bzw. Reste einer Quadermalerei ausfindig machte!

Da am Ende der Gesamtrestaurierung keinesfalls ein bauzeitliches Erscheinungsbild stehen sollte, sondern die durch Material- und Behandlungsvielfalt sowie Abwitterung sehr lebendig und ästhetisch wirkende überlieferte Architekturoberfläche unbedingt zu erhalten ist, entschloss man sich zu einer vorläufigen Musterrestaurierung. Im Sommer 2010 wurden in den Bereichen des südlichen Seitenchores und der Nordfassade des Nordturmes samt angrenzenden Emporen- und Vorhallengeschoss Probearbeiten der Universität für Angewandte Kunst und der Restaurierwerkstätten des Bundesdenkmalamtes durchgeführt. Aus den Erkenntnissen im Umgang mit den teils verputzten, teils steinsichtigen Flächen in diesen Teilbereichen erhofften sich Pfarre, Bauabteilung der Diözese und Landeskonservatorat ausreichende Erkenntnisse für den restauratorischen Umgang mit allen Außenfassaden.

Am südlichen Seitenchor befassten sich die Restauratoren Josef Voithofer und Hannes Weißenbach/ Kartause Mauerbach- Informations- und Weiterbildungszentrum Baudenkmalpflege mit dem Zustand der Putze, die im Mittelalter, in der Barockzeit und in der Zeit um 1900 aufgebracht wurden und aufgrund verschiedener Zusammensetzungen entsprechend unterschiedlich stark aneinander bzw. am Untergrund haften. Im Zuge der Probearbeit wurde die Entscheidung getroffen, die in diesem Bereich zum Teil vollflächig ausgeführten rötlichen Überputzungen mit hydraulischem Bindemittelanteil aus der Zeit um 1900 nur dort abzunehmen, wo sich Putzplatten ablösten oder der Gesamteindruck gestört war. Da der darunter liegende mittelalterliche Putz bereits reduziert bzw. geschädigt war (Vergipsungen), hätte eine Abnahme jüngerer Putzschichten eine großflächige Überarbeitung erfordert, die gegebenenfalls negative Auswirkungen auf das Erscheinungsbild der Fassade mit sich gebracht hätte.

Die unveränderte Erhaltung des überlieferten Erscheinungsbildes bildete auch den Maßstab für den konservatorischen Umgang mit dem Mauerwerk. Restauratorin Lisa Gräber und Bettina Unterberger entschieden sich zu einer behutsamen Reinigung, indem Gipskrusten und biogene Auflagen mittels Kärcher und Partikelstrahlgeräten (bzw. an der Nordseite auch mittels Ammoniumkarbonatkompressen) zwar reduziert, jedoch nicht vollständig entfernt wurden. Weitere Maßnahmen am Stein waren die Schließung offener Gerüstlöcher am Nordturm, Sicherungen (Vernadelungen von Spaltrissen mittels Armierungsstäben aus Edelstahl), eine Entfernung loser Steine sowie - wo ohne Steinsubstanzverlust möglich - alter Zementfugen und -plomben, Festigungen aufgelockerter bzw. aufgewitterter Oberflächen, Stein- und Fugenergänzungen und Retuschen. Unter fachlicher Aufsicht der Restaurierwerkstätten wurden weiters im Bereich der Musterachsen Strebepfeiler und partiell Gesimse und Fensterbänke mit Bleiabdeckungen versehen. Parallel zu den Maßnahmen an der Fassade wurde mit der Instandsetzung und Restaurierung von Hagelschutzgittern und Fenstern begonnen.

Der vom zeitlichen Umfang und Personaleinsatz relativ aufwändige „Probelauf“ ermöglichte, dass die im Folgejahr 2011 durchgeführte Außenrestaurierung der Fassaden des Nordturmes und der Westfassade bis hin zum Südturm unter der Bauleitung der nunmehr diplomierten Restauratorin Unterberger durch die Firma MRG Malerei-Restaurierung Robert Smoley zeitgerecht und plangemäß vonstattenging. Pfarre und Diözese als Kircheneigentümer zeigten sich vom Ergebnis so beeindruckt, dass sie das Projekt „Domrettung“ heuer mit der Restaurierung des Südturms und der Südfassade fortsetzen.

Horrormeldungen der Kärntner Medien zu „abgestürztem Mauerwerk und Kirchenglocken“ werden dann hoffentlich nur noch am Faschingdienstag und am 1. April zu lesen sein!

Verwendete Literatur:

Lisa Gräber, Josef Voithofer: Propstei- und Wallfahrtskirche Maria Saal. Anlegen einer Probearbeit zur Fassadenrestaurierung am südlichen Seitenchor, August/ September 2010, Restaurierungsbericht, Wien 2011

Alfred Ogris, Wilhelm Wadl (Hrsg.): Marktgemeinde Maria Saal. Geschichte-Kultur-Natur. Ein Gemeindebuch für alle, Klagenfurt: Verlag des Kärntner Landesarchivs 2007

Robert Smoley, Bettina Unterberger: Die Konservierung und Restaurierung der Propsteipfarr- und Wallfahrtskirche Maria Saal. Nordturm und mittlere Fassadenwand (Westwerk), Juni-August 2011, Restaurierbericht, Oberdrauburg/ Wien 2011

Bettina Unterberger: „Zwillingstürme?“ Die westliche Doppelturmanlage der Propsteipfarr- und Wallfahrtskirche Maria Saal, 15. Jahrhundert, Kärnten. Bestands- und Zustandserfassung der Außenfassade als Grundlage zur Entwicklung eines Konservierungs- und Restaurierungskonzeptes, Diplomarbeit an der Universität für angewandte Kunst Wien, Studienrichtung Konservierung und Restaurierung, Wien 2010/11


Die Gesamtkosten für die Kirchenrestaurierung betragen rund € 600.000,- bis 700.000,-, weitere Kosten in der Höhe von € 300.000,- sind von der Pfarre derzeit für Restaurierungsmaßnahmen an der Wehranlage und bei den Kanonikergebäuden aufzubringen.Mit einer Spende tragen Sie dazu bei, das Denkmal „Maria Saaler Dom“ für künftige Generationen in seinem Bestand zu sichern: Spendenkonto Bankleitzahl 39404, Kontonummer 39404, Kennwort „Maria Saaler Dom“.
 
 

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