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März

Das Römerkastell unter der Volksschule

Fragment eines römischen Grabreliefs aus dem 1./2. Jh. n. Chr. (© AS).

Das Ortszentrum von Wallsee mit den freigelegten römischen Ruinen (© AS).

Das neu entdeckte spätantike "Restkastell" (Drohnenaufnahme) (© AS).

Römische Bauplastik in Zweitverwendung als Baumaterial des spätantiken Kleinkastells (© AS).

Sekundär vermauerter römischer Inschriftstein (© AS).

Ein Bauvorhaben führte zu einer der spektakulärsten archäologischen Entdeckungen der letzten Jahre am ehemaligen römischen Donaulimes.

Direkt unterhalb des mittelalterlichen Ortskerns von Wallsee (Niederösterreich) liegen die Überreste eines römischen Militärlagers, das vermutlich mit dem schönen antiken Ortsnamen Locus felix (lat. „glücklicher Ort") gleichzusetzen ist. Das Lager wurde in den letzten Jahrzehnten des 1. Jahrhunderts n. Chr. als Stützpunkt einer Kohorte (Sollstärke ca. 300–600 Mann) errichtet und bestand bis in das 5. Jahrhundert.
Beim Abbruch der ehemaligen Volksschule wurden im Jahr 2011 bereits knapp 20 cm unter der aktuellen Geländeoberkante römerzeitliche Mauern freigelegt. Nach Beendigung der im Anschluss durchgeführten archäologischen Ausgrabung ist nun klar, dass hier ein sogenanntes „Restkastell“ innerhalb des weitaus größeren ursprünglichen Militärlagers entdeckt worden ist.
Es handelt sich um eine im Grundriss annähernd quadratische Anlage (26 × 29 m) mit einer bis zu 2,40 m starken Außenmauer. Die erhaltene Höhe des sehr gut konservierten aufgehenden Mauerwerks beträgt teilweise 1,2 m.
Im Innenbereich des Kleinkastells trennte ein umlaufender Bogengang (Arkade) auf mächtigen Steinpfeilern den offenen Innenhof von den ringsum gruppierten Räumen. Bei der Errichtung dieser Arkade wurden Fragmente älterer römischer Grabsteine und Bauteile „recycelt“ und sehr sorgfältig mit aufwändigen Bleiverbindungen vermauert.
Das wiederverwendete Baumaterial ist von großem kulturhistorischem Interesse: Neben Inschriften von Weihealtären finden sich auch figürliche Reliefs von reich ausgestatteten römerzeitlichen Gräbern, teils sogar aus Marmor. Stilistisch und chronologisch liegt eine große Bandbreite vor: Während einige Grabsteinfragmente in ihrer Darstellungsweise noch stark an die keltischen Traditionen der ursprünglichen Bevölkerung erinnern, zeigen andere bereits ganz „klassische“ römische Züge.
Massive Brandspuren an den Maueroberflächen und das noch gut dokumentierbare eingestürzte Ziegeldach belegen, dass das Kleinkastell infolge einer Brandkatastrophe zerstört worden ist. Die auf den römischen Ziegeln angebrachten Stempel deuten darauf hin, dass dieses verkleinerte Militärlager in der letzten größeren Ausbauphase des römischen Donaulimes unter Kaiser Valentinian I. (364–375 n. Chr.) errichtet worden ist. In den beginnenden Wirren der Völkerwanderungszeit wurde hier letztmals der Versuch unternommen, die groß angelegten Verteidigungswerke des limes (lat. „Grenze“) den neuen militärischen Gegebenheiten anzupassen.
Aus historischer Sicht besonders interessant ist auch der seltene Beleg einer Nachnutzung des spätantiken Kastells im 6. Jahrhundert in Form eines kleinen Holzbaus in seiner Südostecke. Möglicherweise lässt sich hier eine kleine Gruppe der romanischen Bevölkerung fassen, die auch nach dem offiziellen Ende der römischen Herrschaft in unserem Gebiet im Jahr 488 an Ort und Stelle verblieben ist. Das hier aufgefundene Fundmaterial wird in jedem Fall einen wichtigen Beitrag zur Kontinuitätsdiskussion liefern.
Das spätantike Kleinkastell von Wallsee ist neben den vergleichbaren Anlagen von Zeiselmauer und Traismauer das beste erhaltene Zeugnis dieser Denkmalkategorie in Niederösterreich und darüber hinaus eines der wenigen mit aufgehendem Mauerwerk erhaltenen römischen Bauwerke in Österreich. Es besitzt damit eine überregionale kulturelle und geschichtliche Bedeutung, die dank der jüngsten Grabungsergebnisse nun auch entsprechend gewürdigt werden kann.
 

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