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Mai

„Glaubwürdig bleiben“ - Restaurierung als Bekenntnis zur Authentizität

Historisches Ensemble nach der Restaurierung im Jahr 2011, Foto © Zechner Denkmal Consulting GmbH

Fresach, Katasterauszug von 1925 mit dem evangelischen Bethaus, Pastorenhaus, Schulhaus (nicht mehr existent) und Karner, Quelle ©Kärntner Landesarchiv

Historisches Ensemble (Bet- und Pastorenhaus) vor der Sanierung und Restaurierung im Jahr 2009, Foto © Zechner Denkmal Consulting GmbH

Pastorenhaus, Fassadendetail, Befundung des Restaurators Mag. Herwig Hubmann im Jahr 2009, Foto © Zechner Denkmal Consulting GmbH

Bethaus, Ansicht um 1900, Foto Evangelische Diözesanmuseum GmbH

Bethaus, Innenraum mit der bauzeitlichen Einrichtung und Ausstattung, Foto © Geschichtsverein für Kärnten

Bethaus nach der Restaurierung im Jahr 2011, Foto © Zechner Consulting GmbH

Bethaus, Detail, Foto © Zechner Consulting GmbH

Neues Diözesanmuseum, Planung Marte.Marte Architekten, Foto © Axel Justin

Neues Diözesanmuseum, Stiegenaufgang, Foto © Axel Justin

Mit der Restaurierung des historischen Bet- und Pastorenhauses wie auch mit dem Bau eines protestantischen Diözesanmuseums entstand in Fresach ein neues kulturelles und geistiges Zentrum der Evangelischen Kirche Kärntens. Der Ort am Berghang nördlich des Drautales ist heuer Schauplatz einer Landesausstellung, die die fünfhundertjährige Geschichte des Protestantismus in Kärnten beleuchtet.

Vom 7. Mai bis 31. Oktober 2011 findet in Fresach die diesjährige Kärntner Landesausstellung statt. Sie thematisiert die Geschichte des Protestantismus in Kärnten. Die Anfänge des Protestantismus in Kärnten werden mit dem Jahr 1526 in Verbindung gebracht, als die Stadtpfarrkirche in Villach unter dem Einfluss der Reformation evangelisch wurde. Dreißig Jahre später entstand auf Grundlage der Regelungen des Augsburger Religionsfriedens in Kärnten erstmals eine evangelische Kirchenorganisation. Nach Zusicherung der Religionsfreiheit des Adels, der Städte und Märkte holte die katholische Seite zum Gegenschlag aus: Im Herbst 1600 zog unter Führung des Seckauer Bischofs Martin Brenner eine „Religionsreformationskommission“ über siebzig Tage durch Kärnten, verbrannte an mehreren Orten evangelische Bücher und zerstörte in Einzelfällen sogar Kirchen und Friedhöfe. Wer nicht konvertierte, musste das Land verlassen - dies traf im Jahre 1628 auch den Adel - oder seinen Glauben fortan im Verborgenen leben. Insbesondere das Drautal, Liesertal, Gegendtal und der Raum Himmelberg waren nach 1700 Zentren des Geheimprotestantismus. Die habsburgische Obrigkeit reagierte auf den sich allmählich auch öffentlich formierenden Widerstand mit Verurteilungen zur Festungsarbeit, Zwangsumsiedelungen („Transmigrationen“) und Besitzverlust. Erst das Toleranzpatent Kaiser Josephs II. von 1781 beendete die Verfolgung. Eine rechtliche Gleichstellung des Protestantismus wurde jedoch erst wesentlich später mit den Erlässen des Protestantenpatents von 1861 und des Protestantengesetzes von 1961 erreicht.

Das Dorf Fresach zählte zu den ersten sechs so genannten Toleranzgemeinden, die sich nach Erlass des Toleranzpatentes Josephs II. bis Jahresende 1782 in Kärnten konstituierten. Fortan durften protestantische Schul- und Bethäuser errichtet werden, wenn die Zahl protestantisch Bekennender mehr als 100 Familien oder 500 Personen umfasste. Im Gegensatz zu katholischen Kirchen wurden bei protestantischen Bethäusern zunächst keine repräsentativen Ausschmückungen, Glocken, Türme oder straßenseitige Zugänge gestattet. In Fresach wurde den Protestanten zur Errichtung eines Gotteshauses ein Platz südlich des Ortskernes zugewiesen. Das erste hölzerne Bethaus wurde 1784 vermutlich durch Brandstiftung zerstört. Bereits ein Jahr später errichtete man ein „neues solides gemauertes“, setzte das durch den Brand gleichfalls beschädigte Pastorenhaus wieder instand und umgab das Ensemble mit einer Steinmauer.

Da sich die Gemeinde 1849 gegen den Bau eines Kirchturmes entschied, sind die beiden Gebäude bis heute in ihrem ursprünglichen Bestand nahezu unverändert erhalten. Die denkmalgerechte Restaurierung erfolgte durch die Zechner Denkmal Consulting GmbH Graz. Entsprechend dem Motto der Landesausstellung wollte man auch bei der Restaurierung „glaubwürdig bleiben“ und so wenig wie möglich in den historischen Bestand eingreifen.

Im Vorfeld der Gesamtrestaurierung des historischen Ensembles gab es umfassende Bestandserhebungen, bauhistorische Untersuchungen einschließlich restauratorischer Befundungen sowie detaillierte Schadenskartierungen. Die Fassaden und Fenster des Pastorenhauses waren im 19. und 20. Jahrhundert mehrfach verändert worden und ein 1990 aufgemalter Architekturdekor augenscheinlich nur annäherungsweise an einem historischen Befund orientiert. Da man bei einer Wiederherstellung der nur noch partiell vorhandenen ursprünglichen Architekturgliederung aufgrund rezenter Überfassungen Verluste des barocken Originalputzes und -dekorsystems riskiert hätte, wurde als Restaurierziel für die Fassaden des Pastoren- und Bethauses einvernehmlich die Wiederherstellung der Farbigkeit des 19. Jahrhunderts mit gebrochen weißen Grundflächen und weiß gerahmten Architekturöffnungen festgelegt.

Die Bestandserhebung ergab, dass im Pastorenhaus noch bauzeitliche Holzdecken und eine Stuckdecke, Böden, Türen und Innenfensterflügel vorhanden waren, die man mit Ausnahme der erdberührenden, stark durchfeuchteten Böden instand setzen und denkmalgerecht restaurieren konnte. Die bauzeitlichen Außenfensterflügel wurden im Zuge der Sanierungsmaßnahmen am Dachboden entdeckt und einer Wiederverwendung zugeführt. Bei dem partiell noch vorhandenen, vielfach mit Beschlägen des 19. Jahrhunderts versehenen  Originalbestand an Türen war vom Restaurator ein taubengrauer Anstrich als Zweitfassung festgestellt worden. In Abstimmung auf die Fassung der Fassaden wurden Türen und Fenster daher in diesem Farbton gestrichen. In den Obergeschossräumen des Pastorenhauses vorhandene Schablonenmalereien wurden in kleinen Feldern als Dokumente der malerischen Ausstattung des 19. Jahrhunderts sichtbar belassen. 

In Anpassung an das benachbarte Pastorenhaus erhielten auch die Fassaden des Bethauses einen gebrochen weißen Anstrich und weiß gerahmte Architekturöffnungen - eine Fassung, die noch auf einer historischen Ansicht um 1900 zu sehen ist. Im Inneren wurde das überkommene Erscheinungsbild der Einrichtung und Ausstattung - Stuckdecke, Altar, Gestühl, Empore, Türen, Kalkestrichboden mit geritzter Plattenstruktur - im Wesentlichen akzeptiert und beibehalten, zumal historische Fassungen aufgrund früherer Restaurierungen nur noch fragmentarisch vorhanden waren. Ein bemerkenswertes Ergebnis erbrachte die Untersuchung der hölzernen Emporenbalustraden und -säulen des Bethauses: Diese waren nämlich ursprünglich nicht holzsichtig, sondern besaßen - wie der Kanzelaltar - eine Marmorierung in Rottönen.

Die Holzsichtigkeit der Empore und des Gestühls bestimmt nicht nur den Raumeindruck des Bethauses, sondern auch das Außenerscheinungsbild des Ensembles, das bis heute mit Holzbrettern aus Lärchenholz eingedeckt ist. Um sich in der Formen- und Materialsprache vom historischen Bestand deutlich abzusetzen, entschied man sich beim Neubau des höher gelegenen neuen Diözesanmuseums für den Baustoff der Moderne schlechthin - Beton. Der vom Vorarlberger Architekturbüro Marte. Marte Architekten als Siegerprojekt eines Architekturwettbewerbes realisierte, skulpturenhaft wirkende Museums- und Ausstellungsbau aus einschaligen, 45 cm starken, fast weißen Dämmbetonwänden bildet den nördlichen Abschluss des Kirchplatzes. Der abgestufte Baukörper fügt sich nach Nordosten hin in den Hang ein und ist nach Südwesten hin durch eine großflächig verglaste Eingangsfront auf den Kirchplatz und das darunter liegende historische Ensemble hin ausgerichtet.

Zwischen dem historischen Ensemble und dem Neubau fungiert der Kirchenbau aus den Jahren 1949-51 als Bindeglied. Das Erdgeschoss des nordöstlichen Kirchturmes soll künftig als Aufbahrungshalle genutzt werden. Den Altarraum der Kirche gestaltet die Künstlerin Lisa Huber in inhaltlicher Auseinandersetzung mit einem Psalm des Alten Testaments. Die von ihr in Farbholzschnitttechnik geschaffenen Entwürfe für drei Chorfenster werden von der Wiesbadener Glasmanufaktur Derix umgesetzt und im Frühsommer im Kirchenraum präsentiert werden.





Für Denkmaltagbesucher:
Am Denkmaltag, 25. September 2011, führt der wissenschaftliche Gesamtleiter der Landesausstellung, Herr Direktor Dr. Wilhelm Wadl, bei freiem Eintritt durch die Landesausstellung (Voranmeldung unbedingt erforderlich - Anmeldung im Landeskonservatorat für Kärnten unter der Telefonnummer 0463/55630-15).

Für Landesausstellungsbesucher:
www.landesausstellung011.at/ 



Weiterführende Literatur:

• Alexander Hanisch-Wolfram: Auf den Spuren der Protestanten in Kärnten, Klagenfurt 2010 (=Kulturwanderungen)

• Land Kärnten/Abteilung 6 - Unterabteilung Kunst und Kultur (Hrsg.): Die Brücke. Kärnten. Kunst. Kultur, Nr. 115/116. April/ Mai 2011, S. 34-56

• Glaubwürdig bleiben. 500 Jahre protestantisches Abenteuer. Wissenschaftlicher Begleitband zur Ausstellung 2011.






 

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