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März

Ein Fenster ins NeolithikumDie Pfahlbauten des Salzkammerguts

© C. Dworsky

Seewalchen, Untersuchung von Kulturschichten

© C. Dworsky

Seewalchen, Unterwasserarchäologe beim Zeichnen der Grundschwelle unter Wasser

© C. Dworsky

Beilkinge aus Stein, eines der wichtigsten Werkzeuge der Pfahlbauer

© Ch. Mayer, BDA

Pfahlbauten am Attersee und am Mondsee

© Ch. Mayer, BDA

Seewalchen, im Hintergrund das Schloss Kammer, im Vordergrund - auf dem Seegrund - der Pfahlbau

© J. Offenberger, BDA

Unterach, Pfahlbau Misling II, Pfahlfeld

© C. Dworsky

Seewalchen, drei Pfähle des Pfahlfeldes

© C. Dworsky

Seewalchen, aus dem Seeboden ragende Pfähle

© C. Dworsky

Seewalchen, Pfahlbau Seewalchen, liegende Holzbohle, seitlich mit Pfählen fixiert

Die sogenannten Pfahlbauten gehören zu den ergiebigsten archäologischen Fundstellen überhaupt. Nicht Schätze aus Gold oder Silber machen ihren besonderen Reichtum aus, sondern außerordentlich gut erhaltene organische Materialien. So finden sich hier Holzgeräte oder Pflanzen- und Nahrungsreste, die einen tiefen Blick in die Vergangenheit erlauben.

Dieser sehr speziellen Qualität der Pfahlbauten war man sich bereits 1853 bewusst, als es in der Schweiz erstmals gelang, die zahlreichen Pfosten im Seeboden als Reste neolithischer Bauten zu erkennen. Nach Sensationsberichten in den Medien wurden die Ufer der europäischen Seen und Flüsse abgesucht. In der Schweiz kannte man 1864 bereits etwa 200 Pfahlbauten. Heute sind mehr als 1000 dieser bemerkenswerten Fundstellen in den Seen und Mooren des Alpenraumes, von Frankreich bis nach Österreich, bekannt und es werden immer noch neue entdeckt.

1864 war auch für die österreichische Pfahlbauforschung ein entscheidendes Jahr: Zum einen fand man einen prähistorischen Pfahlbau im Keutschacher See, südwestlich von Klagenfurt in Kärnten. Zum anderen beauftragte die kaiserliche Akademie der Wissenschaften in Wien Untersuchungen in den Salzkammergutseen. Schnell wurde man fündig: 1870 konnte der erste Pfahlbau im Salzkammergut bei Seewalchen am Attersee, unmittelbar am Austritt der Ager, nachgewiesen werden. 1872 wurde bei Au ein weiterer Pfahlbau am Ostende des Mondsees beim Austritt der Seeache entdeckt.

Im Salzkammergut liegen die Reste der Pfahlbauten in einer Tiefe zwischen 1 und 8 Metern unter der heutigen Seeoberfläche. Aus diesem Umstand und auf Grund von Beispielen aus der Völkerkunde ging man davon aus, dass die Pfahlbauten in tiefem Wasser errichtet worden waren. Man stellte sich Wohnhäuser auf Plattformen vor, die auf in den Seeboden geschlagenen Pfählen ruhten. Erreichbar waren diese Konstruktionen entweder über Brücken oder nur mit Booten. Lange Zeit haben diese Vorstellungen das Bild der Pfahlbauten geprägt. Es entstanden nicht nur zahlreiche graphische Darstellungen, sondern auch Filme in entsprechenden Kulissen. Nicht vergessen werden soll auch das Kinderbuch von Th. Sonnleithner, „Die Höhlenkinder“, das, 1918 erstmals erschienen, bis heute aufgelegt wird.

Mittlerweile ist das Wissen über die Pfahlbauten beträchtlich angewachsen: Durch Ausgrabungen in ausgetrockneten Mooren und in Ufergebieten wurde bekannt, dass es sehr unterschiedliche Formen von Pfahlbauten gegeben hat. Seit man bei der Erforschung unter Wasser Tauchgeräte einsetzen kann, ist es möglich, genaue Lagepläne anzufertigen und die Konstruktion jedes einzelnen Pfahlbaus zu bestimmen, auch wenn dieser – wie die Pfahlbauten des Salzkammergutes – manchmal heute in tiefem Wasser liegt. Wie in dem abgebildeten Plan des Pfahlfeldes von See im Mondsee deutlich, trifft man unter Wasser nämlich auf ein Gewirr aus stehenden und liegenden Pfählen und einigen dazwischen liegenden Bohlen. Die Pfähle haben lediglich eine Dicke zwischen 2 und 20 cm und sind wohl zu schwach, um überhaupt große Gewichte zu tragen. Johann Offenberger, der zwischen 1970 und 1986 die österreichischen Pfahlbauten betauchte und vermaß, hat für die Pfahlbauten des Neolithikums im Mondsee und im Attersee eine auf Beobachtungen unter Wasser basierende Rekonstruktion vorgeschlagen. Er konnte nachweisen, dass die Siedlungen nicht im tiefen Wasser, sondern am Seeufer, unmittelbar an der Wasserkante angelegt wurden. Seiner Ansicht nach ruhten die einzelnen Plattformen, auf denen später die Häuser errichtet wurden, selbst auf Bohlen, die mit Hölzern unterschiedlicher Dicke am Boden fixiert wurden. Diese Hölzer sind jene Pfähle, die man heute noch sehen kann. Über diese Bohlen wurden dann Bretter gelegt, die den Boden der Häuser bildeten. Die Hauswände bestanden wahrscheinlich aus einer Konstruktion aus liegenden Hölzern, in denen ein Flechtwerk aus Zweigen verzapft war. Zur Abdichtung dieses Geflechts wurde der am Seeufer reichlich vorhandene Lehm verwendet. Die Häuser dürften eine Länge von 6 bis 8 m und eine Breite von 2 bis 3 m gehabt haben. Dass die Fundstellen heute unter Wasser liegen, hat mit dem Anstieg des Wasserspiegels der Seen seit dem Neolithikum zu tun. Die Funde stammen aus den Schichten, die sich zwischen den Pfählen abgelagert haben.

Schon seit den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts ist klar, dass es sich bei den Pfahlbauten nicht um ein einheitliches Phänomen handelt. Der Vergleich der Fundstücke zeigt, dass wir es mit verschiedenen regionalen und zeitlichen Erscheinungen zu tun haben. Tatsächlich wurden die ersten Pfahlbauten in der Schweiz bereits am Ende des Altneolithikums etwa um 4400 v. Chr. errichtet. Auch aus allen anderen Perioden der Geschichte sind mittlerweile Pfahlbauten nachgewiesen worden. Besonders berühmt ist die Fundstelle La Tène aus der Jüngeren Eisenzeit (um 300 vor Christus), die Namen gebend für die Kultur der Kelten geworden ist. Wir kennen mittlerweile ganz verschiedenen Formen von Pfahlbauten, darunter auch solche, die tatsächlich in tiefem Wasser errichtet worden sind. Einige waren mit Stegen vom Ufer aus erreichbar, andere nur mit Einbäumen. Einige wenige hatten sogar Befestigungen in Form von Zäunen oder Palisaden.

In Österreich sind die Pfahlbauten mit dem Begriff der Mondsee-Kultur verbunden. Diesen Namen wählte man, weil aus dem Pfahlbau beim Weiler Au am Mondsee besonders ausdrucksvoll verzierte Keramik geborgen wurde. Die Mondseekultur lässt sich leicht an der Verzierung ihrer Gefäße erkennen: Mit einem spitzen Knochen oder Holzstück wurden Muster – Spiralen, konzentrische Kreise, Linien – in den weichen Ton gedrückt und mit einer weißen Paste aus Kalk und gemahlenen Knochen ausgefüllt. Sie stammen aus einer Zeit zwischen 3700 und 2700 vor Christus. Sie sind damit etwas älter als der berühmte Mensch vom Hauslabjoch, der Ötzi. Die Menschen der Mondseekultur waren Bauern und Viehzüchter, die gelegentlich auch auf die Jagd gingen. Die erhaltenen Pflanzenreste belegen, dass sie Emmer und Einkorn, das sind Weizenarten, Gerste, Hirse und Erbsen angebaut sowie Wildäpfel, Wildbirnen, Kirschen, Erdbeeren und Himbeeren gesammelt haben. Auch konnte in den Fundstellen Flachs, der zur Herstellung von Kleidung diente, nachgewiesen werden. Unter den Geräten fanden sich auch solche, die zum Schmelzen von Kupfer verwendet wurden. Sie gehören zu den bislang ältesten Nachweisen der Kupferverhüttung im Ostalpenraum.

Die Menschen der Mondseekultur waren aber nicht die einzigen in Österreich, die Pfahlbauten errichtet haben. Die Bewohner des Pfahlbaues am Keutschacher See werden einer anderen, etwa etwas älteren Kultur zugerechnet. Nach dem Ende des Neolithikums wurden weiterhin Pfahlbauten errichtet: Aus Abstdorf und Weyregg, beide im Attersee, stammen Funde der Bronzezeit, aus Traunkirchen im Traunsee ist ein Pfahlbau der Hallstattkultur (Ältere Eisenzeit) bekannt. Aus nachrömischer Zeit stammt ein Pfahlkonstruktion aus dem Fuschlsee, dieser dürfte aber keine Wohnbau gewesen sein.

Von besonderer Bedeutung sind auch die Holzreste und die Pollen, die sich in den Schichten am Seeboden zwischen den Pfählen abgelagert haben. Die Pflanzenpollen erlauben eine sehr genaue Rekonstruktion der Umwelt des Menschen. Aus den Baumringen der Pfähle lassen sich klimatische Veränderungen ableiten. Damit leisten die prähistorischen Pfahlbauten einen wesentlichen Beitrag zur gegenwärtigen Diskussionen um den Klimawandel. Die Bedeutung der Pfahlbauten als biogenes Archiv reicht somit bei weitem über die Archäologie hinaus. 

Dieser Beitrag wird als so bedeutend eingeschätzt, dass die alpinen Pfahlbauten von den Alpenstaaten Frankreich, Schweiz, Deutschland, Italien, Slowenien und Österreich als Weltkulturerbe eingereicht wurden (www.palafittes.ch). Eine Eintragung in die Liste des UNESCO Weltkulturerbes steht für das Jahr 2012 bevor.


Hinweise:

Die österreichischen Pfahlbauten sind nicht zugänglich, weil sie alle im See liegen. Betauchungen durch Laien sind nicht erlaubt. Man kann aber drei dieser Fundstellen vom Ufer aus gut sehen:
• Seewalchen am Attersee: von der Brücke über die Ager bis zum Strandbad (siehe Bild)
• Attersee: von der Schiffsanlegestation aus kann man bei klarem Wasser die neolithischen Pfähle am Seegrund erkennen.
• See am Mondsee: Dieser Pfahlbau beim Weiler Au im Mondsee ist zwar schlecht sichtbar, kann aber von der Wiese zwischen der Brücke der Bundesstraße über die See und der Kreuzung der Bundesstraße aus betrachtet werden.



Museen:

In Österreich gibt es ein Spezialmuseum im Schloss von Mondsee (Heimat- und Pfahlbaumuseum Mondsee). Funde aus den Pfahlbauten können unter anderem in der Prähistorischen Abteilung des Naturhistorischen Museums in Wien und im Oberösterreichischen Landesmuseum betrachtet werden.



Für Reisende: 

www.musees-vd.ch
www.latenium.ch
www.village-lacustre.ch
www.museummurten.ch
www.bielbienne.ch
www.bhm.ch
www.hvwiggertal.ch/museum
www.museenzug.ch
www.slmnet.ch
www.allerheiligen.ch
www.archaeologisches-museum.tg.ch
www.konstanz.alm-bw.de
www.rosgartenmuseum-konstanz.de
www.pfahlbauten.de
www.federseemuseum.de
www.museum.biberach-riss.de
www.mindelheimer-museen.de
www.musees.agglo-annecy.fr
www.mairie-chambery.fr
www.museelacdepaladru.com
www.ville-Ions-le-saunier.fr
www.musee-antiquitesnationales.fr
www.museoantichita.it
www.cspa-va.it
www.cspa-va.it/isolino_virginia.html
www.onde.net/desenzano/citta/museo
http://gavardo.museivallesabbia.net
www.palafitteledro.it
www.museostorianaturaleverona.it
www.museicivicivicenza.it
www.nms.si
www.mestnimuzej.si
www.palafittes.ch 



Literatur:

O. Cichocki und C. Dworksy, Unterwasserarchäologie in Kärntner Seen. In: A. Krenn-Leeb, K. Grömer, P. Stadler (Hrsg.), Ein Lächeln für die Jungsteinzeit, Festschrift für Elisabeth Ruttkay, Archäologie Österreichs 17/2, 2006, 90-95.

C. Dworsky und Th. Reitmaier, Moment, da war noch was! Neues zur Pfahlbauarchäologie im Mond- und Attersee. 1854-2004: 150 Jahre Entdeckung der Pfahlbauten, Archäologie Österreichs 15/2, 2004, 4-15.

P. Gleirscher, Ertauchte Geschichte. Zu den Anfängen von Fischerei und Schifffahrt im Alpenraum. Katalog zur Sonderausstellung im Landesmuseum Kärnten 5. Mai bis 3. September 2006, 21-23.

H. Schlichtherle (Hrsg.), Pfahlbauten rund um die Alpen, Stuttgart 1997 (=Archäologie in Deutschland Sonderheft 1997).

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