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Juni

aufgeSCHLOSSen LENGBERGNach zweijähriger Bauzeit wird Schloss Lengberg nun wieder eröffnet.

Detail Nordfassade, romanisches Burgtor. Zust. 2010

Um 3 Meter tiefer gesetztes Burgtor von 1480. Foto ©Wolfgang Retter

Radierung Tinkhauser, 1830

Skizze Schweighofer, M. 19. Jh.

Burg um 1926.

Lengberg von Nordwesten. Foto ©Wolfgang Retter

Ansicht von Südwesten. Foto ©Wolfgang Retter

Ansicht von Süden. Zustand nach Außenrestaurierung

Ansicht von Westen. Foto ©Wolfgang Retter

Winteransicht von Nordosten. Foto ©Wolfgang Retter

Dachdeckung. Foto ©Martin Mittermair

Barocker Dachstuhl. Foto ©Martin Mittermair

Rittersaal. Zustand nach Restaurierung 2010.

Innenhof Eingangsseite. Zustand nach 1880. Foto ©Archiv Schloss Lengberg

Neuer Eingangsbereich an der Nordseite des Hofes. Foto ©Wolfgang Retter

Neuer Holzzubau an der Westseite

Baualterplan © Martin Mittermair

2. Obergeschoß, romanische Decke. Foto ©Martin Mittermair

Archäologischer Fund auf Lengberg. Foto ©Universität Innsbruck, Institut für Archäologien

Kleine Hufeisennase. Foto ©Anton Vorauer

Die Umgestaltung und Restaurierung von Schloss Lengberg war in den Jahren 2008 und 2009 eines der größten profanen baudenkmalpflegerischen Vorhaben in Tirol. Da es die einzige Burg im Besitz des Landes Tirol ist, brachte das Land viel Engagement in das Projekt ein.

Die Adaptierung der Burganlage als Sitz des Aufbauwerkes der Jugend  war schon in den 1970er Jahren ein sehr schwieriges Unterfangen: auf Grund von für die Infrastruktur notwendigen  Umbaumaßnahmen büßte sie viel Substanz, vor allem aber viel ihres historischen Charmes ein. Die jüngste Instandsetzung stellte daher Eigentümer, Nutzer, Architekt, Denkmalpfleger, Restauratoren und Handwerker gleichermaßen vor eine große Aufgabe: einerseits den Einklang zwischen dem speziellen Nutzungsaspekt und der aktuellen Situation herzustellen, andererseits zu versuchen, dem Bauwerk wieder ein einer mittelalterlichen Burg adäquates Erscheinungsbild zurückzugeben. Dem Rechnung tragend, brachte das Land Tirol als Eigentümer nicht nur Verständnis, sondern auch die notwendigen finanziellen Mittel in das Projekt ein.
Während im Inneren - abgesehen von den weitgehend modernen Deckenkonstruktionen - viel an historischer Substanz wieder freigeschichtet werden konnte, war der weithin sichtbare Außenbau gänzlich der rezenten Erneuerung zum Opfer gefallen und musste nun durch eine Überarbeitung in eine historisch adäquate Erscheinung gebracht werden. Der Neueindeckung des gesamten Schlossdaches mit Lärchenschindeln ging eine aufwändige Reparatur des durch Einbauten stark geschädigten barocken Dachstuhles sowie die mühsame Abnahme dunkler Anstriche am Wehrgang voraus. In der Außenerscheinung fällt der Ersatz der Zu- und Einbauten der 1970er Jahre an der Westfront und im Burghof auf. Während im Burghof eine neue funktionsgerechte Erschließung durch einen hölzernen Hofeinbau konzipiert wurde, entstand an der Westseite ein markanter schlichter Holzanbau. Mit ihm wird die gelungene Verbindung von Alt und Neu auch nach außen hin sichtbar.
Begleitet wurde die Restaurierung von bauhistorischen und arächologischen Untersuchungen.

Baugeschichte
Die von den Grafen von Lechsgemünde um 1180 errichtete Burg hat einen trapezförmigen Grundriss, eine 2,20 m starke Ringmauer und einen talseitig angeordneten zweigeschossigen Palas. Das Burgtor liegt an der durch einen Halsgraben geschützten Nordseite. Hinweise auf einen Bergfried sind nicht gegeben.
Der Gründungsbau des 12. Jahrhunderts endete auf Höhe des jetzigen Deckenniveaus des ersten Obergeschosses. Der Palas besaß darüber ein leicht vorkragendes hölzernes Dachgeschoß, das auf über die Fassaden vorstehenden Deckenbalken aufbaute. Im Laufe des 14. Jahrhunderts wurden Zubauten im Hof und eine die Burg umlaufende Zwingermauer errichtet; danach liess Virgil von Graben, Pfleger von Lengberg, um 1480 die Burg tiefgreifend umbauen. Der Wohntrakt erhielt ein zweites Geschoß und hofseitig ein neues Treppenhaus. Im ersten Obergeschoß wurde eine Burgkapelle eingerichtet und 1485 zu Ehren der Heiligen Sebastian und Nikolaus geweiht. Dem damals abgesenkten Hofniveau musste das Burgtor angepasst werden. Dieses sitzt seither um ungefähr 3 Meter tiefer. Ab dem 17. Jahrhundert sind wiederholt Reparaturarbeiten belegt. Die Burg wurde in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts unbewohnbar; in der Folge wurde der Gerichtssitz von der Burg in den nahegelegenen Getzenhof verlegt. Nach dem Umbau 1875-1880 erfolgten ab 1956 zur Unterbringung des Aufbauwerkes der Jugend eine Neuorganisation der Räume und der Anbau eines Stiegenhauses im Hof. Über die jüngste Bauuntersuchung konnten Teile der mittelalterlichen Baustruktur wieder ans Tageslicht gebracht werden.

Archäologie
Die seit Mai 2008 stattfindenden Renovierungsarbeiten wurden auch archäologisch begleitet. Im Zuge dieser Arbeiten konnte neben einigen Latrinenfüllungen im Zwinger eine besondere Entdeckung gemacht werden.
Im südwestlichen Raum des 2. Obergeschosses wurde eine Gewölbezwickelfüllung geborgen, die eine immense Anzahl von Kleinfunden aus der Zeit vom 12. bis ins 18. Jh. n. Chr. enthielt.
Mit Hilfe einer mechanisch betriebenen Maschine hat man 25 m2 Verfüllung gesiebt und in einem zweiten Arbeitsschritt noch einmal von Hand auf enthaltenes Fundgut durchsucht.
Neben hunderten von Münzen, kolorierten Spielkarten aus Karton, Eisen-, Buntmetall- und Holzgeräten, diversen Holzgefäßen, hochwertigen Gläsern und Importkeramik aus Spanien, Resten von Kleidung und Taschen, Waffenteilen und einer beschrifteten Wachstafel aus Holz konnte auch ein einmaliger Fundkomplex an Lederschuhen (Kinder, Frauen und Männer) geborgen werden. Aufregend sind auch über 15 Schriftstücke (Rechnungsaufzeichnungen, Schuldverschreibungen, Zinsregister, liturgische Texte etc) auf Papier und eine Einhandflöte aus Holz.
Der Fundkomplex wird am Institut für Archäologie, Fachbereich: Mittelalter- und Neuzeitarchäologie der Universität Innsbruck gesichert, restauriert und wissenschaftlich untersucht. Hernach soll das Ensemble in Ausstellungen sowie in einer Publikation der Reihe "Lengberger Forschungen zur Mittelalterarchäologie" der Öffentlichkeit präsentiert werden.


Zu berücksichtigen war auch der Naturschutz, da der Dachstuhl des Schlosses von einer der wichtigsten Fledermauspopulationen in Tirol bewohnt ist. Die genaue Bezeichnung der Tiere ist „Kleine Hufeisennase“. Umbauten und Renovierungen von Gebäuden, die Fledermäuse beherbergen, stellen sehr spezifische Schwierigkeiten. Jede Störung zur Fortpflanzungszeit von Mai bis August kann zum Verlassen des Quartiers oder Totgeburten führen. Im Fall Lengberg wurden die Baumaßnahmen bereits im Vorfeld mit den Bedürfnissen der Fledermäuse abgestimmt. Die Arbeiten im Dachboden wurden z. B. im Winter in der „fledermausfreien“ Zeit durchgeführt. Die wichtigsten Hangplätze wurden so groß wie möglich erhalten, neue Ausflugsfenster wurden an der Ostseite angebracht. Außerdem wurde ein kleiner Dachbodenbereich neu geschaffen, der von den Tieren gerne angenommen wird. Bei der letzten Kontrolle konnten wieder ca. 65 Tiere festgestellt werden. Zwei Drittel davon waren Muttertiere mit Jungen. Die Umbaumaßnahmen im Schloss Lengberg haben die Tiere offenbar gut verkraftet, die Kolonie ist wieder in etwa gleich groß wie vorher.

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