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September

Vom Abbruchhaus zum Wohntraum mit romanischem Kern Hall in Tirol, Agramgasse 15

Wohnung im 2. Obergeschoß mit Holzbalkendecke und Lichtnische.

Hofansicht des romanischen Turmes vor Restaurierung.
©Fotografie B. Watzek, Hall in Tirol

Bauphasenplan Erdgeschoß, erstellt von Barbara Lanz und Sonja Mitterer, 2007.

Blick im Erdgeschoß zum romanischen Bauteil, im Vordergrund links Latrine.

Quadratischer Raum im Erdgeschoß mit romanischem, steinsichtig belassenem Mauerwerk.

Nutzung des romanischen Raumes als Minilokal.
©G. Loewit

Erdgeschossflur und Stiegenhausansatz vor Sanierung.
©Fotografie B. Watzek, Hall in Tirol

Erdgeschossflur und Stiegenhausansatz nach Restaurierung.

Stiegenhaus vor Sanierung.
©Fotografie B. Watzek, Hall in Tirol

Stiegenhaus nach Restaurierung.

Erkerraum im 2. Obergeschoß vor Beginn der Baumaßnahmen.
©Fotografie B. Watzek, Hall in Tirol

Erkerraum im 2. Obergeschoß nach Abschluss der Instandsetzung mit freigelegter Holzbalkendecke.
©Fotografie B. Watzek, Hall in Tirol

Straßenfassade mit Sicherungsnetz vor Beginn der Baumaßnahmen.
©Fotografie B. Watzek, Hall in Tirol

Fassadenausschnitt nach Restaurierung.
©Georg Loewit

Vor einigen Jahren war das Altstadthaus wegen Baufälligkeit noch von einem Teilabbruch der oberen Geschosse bedroht. Es ist der Initiative des jetzigen Besitzers zu verdanken, dass nun ein Lokal im Erdgeschoß und Wohnungen in den Obergeschossen zeigen, wie attraktiv das Leben im historischen Ambiente sein kann. Der älteste Teil des Hauses an der Nordseite, ein in späterer Zeit umbauter romanischer „Turm“, konnte statisch gesichert, gotische Balkendecken, der Lichthof und die Stiege instand gesetzt und restauriert werden. Die mittelalterliche Latrine im ehemaligen Hofbereich wurde als Beitrag zur Stadtforschung archäologisch untersucht.

Das schmale Haus in der Agramgasse war schon seit vielen Jahren ein besonderer Problemfall der Denkmalpflege. Es war seit mehreren Jahrzehnten unbewohnt, die beiden Letztbesitzer führten keinerlei Sanierungsarbeiten durch. Vor wenigen Jahren brach das Dach an einer Stelle ein. Die großen Wasserschäden im Haus und im Nachbarhaus veranlassten die Baubehörde und die Bezirkshauptmannschaft, entsprechende Maßnahmen zu setzen. Ursprünglich wollte die Baubehörde einen völligen Abbruch des Hauses wegen Gefahr in Verzug erreichen. Erst nach längeren Verhandlungen zwischen Bundesdenkmalamt und Baubehörde konnte erreicht werden, dass der Abbruchauftrag auf die wirklich desolaten Teile der Obergeschosse reduziert wurde. Ein Besitzwechsel im Vorjahr ermöglichte eine erste Bestandsaufnahme und Planungen für eine Sanierung der noch brauchbaren Teile sowie für eine Wiedererrichtung der oberen Geschosse. Diese Planung wurde aufgrund einer genauen Bauuntersuchung in engem Einvernehmen mit dem Landeskonservatorat durchgeführt. Leider konnte das Projekt zunächst aus finanziellen Gründen nicht umgesetzt werden; das Haus wurde nochmals verkauft, der jetzige Besitzer übernahm die Planung bis auf eine geringfügige Veränderung im Dachbereich.
Um bei der Sanierung den historischen Bestand entsprechend berücksichtigen zu können und die Durchführbarkeit baulicher Eingriffe zu prüfen, wurde das Gebäude bauhistorisch untersucht.
Das etwa 4,8 m breite und 18,4 m tiefe Gebäude Agramgasse 15 zeigt im Grundriss ein schmales Vorderhaus mit seitlich liegender Treppe, einen daran angestellten, nahezu quadratischen Zubau und einen offenen Hof an der Stadtmauer. Historische Fassadenfassungen waren zum Teil aufgrund des schlechten Zustandes des Gebäudes nur mehr in Resten vorhanden.
Allein im hinteren Gebäudeteil sind in einer komplexen Abfolge sechs Bauphasen zu beobachten, die aufgrund der Mauerwerkscharakteristika in die Zeit vom Ende des 13. bis Ende des 14. Jahrhunderts datiert werden können. Die erste Bebauung auf der Parzelle Agramgasse 15 bilden die Stadtmauer als nördlicher Abschluss der Parzelle sowie die westliche Außenmauer des Gebäudes Agramgasse 17 mit kleinteiligem lagigem Mauerwerk und behauenen Eckquadern. Das Gebäude Agramgasse 15 wird als schmales Haus westlich an das Nachbargebäude angestellt, wovon die westliche Feuermauer und eine nördliche Hofmauer mit original sitzendem Lichtschlitz erhalten sind. In der nächsten Phase wird das Gebäude Agramgasse 13 an die nordwestliche Gebäudeecke angebaut und Agramgasse 17 hofseitig erweitert. In der Folge wird der Bestand von Agramgasse 15 hofseitig zu einem etwa quadratischen Bauteil geschlossen, der wenig später um ein Geschoss aufgestockt wird, erkennbar an der unterschiedlichen Mauerwerkscharakteristik beider Geschosse. Die romanische Gebäudehöhe dieses annähernd quadratischen Baukörpers reicht somit bis in das 1. Obergeschoß. In einer Um- und Ausbauphase im 15. Jahrhundert wird der hofseitige „Turm“ um ein weiteres Geschoß erhöht und die Fenster im Obergeschoß verändert. Im Erdgeschoß wird eine Mauer mit kleinen Lichtnischen mit dreieckigem Sturz eingezogen, sodass ein schmaler Durchgang in den Hinterhof entsteht. Schließlich wird der gesamte Bauteil in der Barockzeit nochmals aufgestockt.
Denkmalpflegerisch stellte die Lösung der statischen Probleme, vor allem im vorderen Erdgeschossflur bei der Einmündung des Stiegenhauses, eine große Herausforderung dar. Die gotischen Balkendecken im straßenseitigen Raum im 1. Obergeschoß und im rückwärtigen Gebäudeteil im 2. Obergeschoß wurden statisch verstärkt und konnten so erhalten und restauriert werden. Die vorhandenen historischen Putzoberflächen wurden ebenfalls fachmännisch restauriert. Einen neuen Weg beschritt man in Bezug auf die Wärmedämmung: Da eine Außendämmung an den Fassaden nicht in Frage kam, wurde in den oberen Geschossen innen auf die Außenmauern eine Zellulose-Wärmedämmung aufgespritzt, die nach dem Austrocknen herkömmlich verputzt werden konnte. Das romanische Mauerwerk im Erdgeschoß wurde steinsichtig belassen.
Das Privathaus ist am Tag des Denkmals 2009, am 27.09.2009 von 14 bis 17 Uhr im Rahmen von Führungen zugänglich.

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