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Der Kaiser und das DromedarSensationelle Neufunde aus Tulln

Der Schatzfund von Tulln. Foto: BDA

Arbeitssituation auf der Grabung Tulln-"Einkaufszentrum". Foto: BDA

Kopf eines figürlichen mittelalterlichen Keramikgefäßes von der Grabung Tulln-"Feuerwehrschule". Foto: BDA

Geschnitzte Beinstatuette eines Evangelisten (Johannes?) von der Grabung Tulln-"Feuerwehrschule". Foto: BDA

Überblicksaufnahme der Grabung Tulln-"Einkaufszentrum". Foto: BDA

Spätmittelalterlicher Töpferofen von der Grabung Tulln-"Einkaufszentrum". Foto: BDA

Vergoldete Medaille zum 50. Geburtstag Kaiser Karls V. (1550) von der Grabung Tulln-"Einkaufszentrum". Foto: BDA

Das Dromedar-Skelett von der Grabung Tulln-"Einkaufszentrum" in originaler Fundlage. Foto: BDA

Spätmittelalterlicher Kalkbrennofen von der Grabung Tulln-Hauptplatz. Foto: BDA

Bronzestatuette des Gottes Jupiter von der Grabung Tulln-Hauptplatz. Foto: BDA

Besucher beim "Tag des Denkmals 2007". Foto: BDA
Die bislang umfangreichsten archäologischen Ausgrabungen in einem historischen Stadtkern Österreichs erbrachten nicht nur zahlreiche neue Erkenntnisse zur Stadtentwicklung, sondern – entgegen jüngsten Äußerungen des Tullner Bürgermeisters – auch außergewöhnliches Fundmaterial aus 2000 Jahren Stadtgeschichte
Seit nunmehr über 15 Jahren ist das historische Stadtzentrum von Tulln ein zentrales Betätigungsfeld der archäologischen Denkmalpflege. Bedingt durch zahlreiche Bauvorhaben in dem bis dato weitgehend unversehrten innerstädtischen Bauensemble wird nun auch die im Boden verborgene Geschichte einer der ältesten historischen Städte Österreichs untersucht, die auf eine über 2000-jährige Besiedlung zurückblickt.
Mit dem Jahr 2005 ergaben sich neue quantitative und qualitative Herausforderungen für das Bundesdenkmalamt. Mehrere große Bauvorhaben, die zusammen eine Fläche von rund 40.000 m² umfassen, erforderten die Planung und Durchführung zahlreicher Großgrabungen, die großteils parallel abgewickelt werden mussten. Dank der technischen und methodischen Entwicklungen in der archäologischen Forschung bringen diese Untersuchungen eine Fülle neuer Erkenntnisse in einem für österreichische Verhältnisse bislang unbekannten Ausmaß.
Auf dem Gelände der ehemaligen Niederösterreichischen Landesfeuerwehrschule wurden 350 Bestattungen eines Gräberfeldes (spätes 1. bis 4. Jahrhundert n. Chr.) des römischen Limes-Kastells Comagenis freigelegt. Überlagert wurde dieser Friedhof von einer umfangreichen mittelalterlichen Bebauung des 10. bis 15. Jahrhunderts, der Westvorstadt von Tulln. Die bislang in Österreich einzigartige Dichte an mittelalterlichen Töpferofenbefunden und das überaus reichhaltige Fundmaterial weisen diesen Bereich als Handwerksviertel aus.
Eine weitere großflächige Untersuchung wurde 2006/2007 durch den Bau des neuen Einkaufszentrums „Rosenarcade“ erforderlich, das auf einem zwischen dem Hauptplatz und der mittelalterlichen Stadtmauer gelegenen Grundstück errichtet wurde. Neben römischen Siedlungsresten konnte erstmals in Österreich die Geschichte eines Stadtviertels von seiner Entstehung um 1100 bis heute archäologisch untersucht werden.
Sensationell waren jedoch zwei neuzeitliche Funde: In einem ehemaligen Keller wurde ein Golddepot geborgen, das vermutlich im Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) verborgen worden war. Neben zwei Medaillons, sechs goldenen Fingerringen, einer Reliquienkapsel, einem Silberlöffel und einer Perlenkette fand sich eine außergewöhnliche Medaille aus dem Jahr 1550, die zum 50. Geburtstag Kaiser Karls V. angefertigt worden ist. Eine weitere Hinterlassenschaft des 17. Jahrhunderts wurde in einem verschütteten barockzeitlichen Keller entdeckt. Hier wurde das vollständige Skelett eines Dromedars freigelegt, das möglicherweise im Zuge der 2. Türkenbelagerung von Wien (1683) nach Tulln gelangt ist.
Die jüngste Großgrabung im Bereich der Tullner Innenstadt findet auf dem Hauptplatz statt. Seit August 2007 wird der gesamte Platz im Zuge eines geplanten Tiefgaragen-Projekts flächig untersucht, wobei bereits zahlreiche bemerkenswerte Siedlungsstrukturen von der Römerzeit bis in die Neuzeit dokumentiert werden konnten. Auffällig ist hier die große Dichte an Öfen, beeindruckend auch die Spuren von Marktständen oder der Nachweis einer bislang völlig unbekannten mittelalterlichen Markthalle. Der bislang einprägsamste Befund ist ein großer Kalkbrennofen mit sehr gut erhaltener Brennkammer. Neben „Keramikscherben“ – wie Bürgermeister Stift zu berichten wusste – fand sich bei den Grabungen auf dem Hauptplatz aber auch eine vorzüglich erhaltene römische Bronzestatuette des Gottes Jupiter.
Das große Interesse der Öffentlichkeit an den Grabungen belegen die tausenden Besucher bei den Führungen, Vorträgen und „Tagen der Offenen Grabung“ (zuletzt am „Tag des Denkmals 2007"). Bislang war geplant, die neuen Funde im Museum im Minoritenkloster auf einer Fläche von rund 1.000 m² der Öffentlichkeit zu präsentieren. Leider zeigt die Stadtgemeinde Tulln aber kein Interesse mehr an ihrem archäologischen Erbe.
Zusammengefasst können die jüngsten archäologischen Untersuchungen der Abteilung für Bodendenkmale des Bundesdenkmalamtes im Bereich der Tullner Altstadt jedenfalls als Meilenstein der Stadtkernarchäologie in Österreich bezeichnet werden, der auch den internationalen Vergleich keineswegs zu scheuen braucht. Zu betonen ist, dass bislang dank der zeitgerechten Planung und Durchführung der Grabungen jegliche Zeitverluste für die eigentlichen Bauarbeiten vermieden werden konnten.
Bei allen (zweifellos nicht geringen) Kosten, die jedoch jeweils nur einen Bruchteil des gesamten Projektaufwandes ausmachen, überwiegt doch die Bedeutung dieser Arbeiten für unser kulturelles Selbstverständnis: Nur die Archäologie kann die im Boden verborgenen Zeugnisse einer weitgehend im Dunkeln liegenden Vergangenheit zugänglich machen, bevor sie durch moderne Eingriffe für immer zerstört werden.
Literatur: U. Scholz, A. Steinegger, M. Singer und M. Krenn, Stadtkernarchäologie - Vom antiken Comagenis zum heutigen Tulln, Archäologie Österreichs 18/2, 2007, 4-18.
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