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Egon Schiele: Wassergeister II (Märchenwelt)signiert und datiert rechts unten "EGON SCHIELE 1908", Gouache mit Goldhöhung auf Papier, 20,7 x 50,6 cm, Privatbesitz Wien

Gouache: Wassergeister II, Egon Schiele

Egon Schiele, Wassergeister II (Märchenwelt), signiert und datiert rechts unten "EGON SCHIELE 1908", Gouache mit Goldhöhung auf Papier, 20,7 x 50,6 cm, Privatbesitz Wien

Gouache: Wassergeister II, Detail, Egon Schiele

Egon Schiele, Wasergeister II, Detail

Gemälde: Zug der Toten, Gustav Klimt

Gustav Klimt, Zug der Toten 1903, Öl auf Leinwand, 48 x 63 cm, 1945 verbrannt

Bei der Gouache (Abb. 1) handelt es sich um ein Frühwerk Egon Schieles aus dem Jahr 1908, in dem erstmals seine künstlerische Eigenart deutlich sichtbar wird.

Dargestellt sind fünf weibliche Figuren sowie eine männliche kahlköpfige Figur, die horizontal durch die Bildfläche gleiten. Ihre Körper bewegen sich auf olivgrünem Grund wie durch einen Sog gezogen auf den rechten Bildrand zu und gleiten über diesen hinaus. Durch den oberen und die beiden seitlichen Bildbegrenzungen sind die Figuren beschnitten und nur als Torsi sichtbar, wodurch der Eindruck des raschen Fließens entsteht, verstärkt noch durch das ungewöhnlich breite Bildformat. So bringt die Ausschnitthaftigkeit die Idee der dynamischen Bewegung deutlicher zum Ausdruck als die figürliche Darstellung selbst. Die blassen, fast körperlosen Figuren sind in zarten Umrißlinien konturiert, an manchen Stellen durch gekräuselte und gestrichelte Buntstiftzeichnung belebt, akzentuiert jedoch durch den farblich brilliant gestalteten ornamentalen Kopf- und Haarschmuck der weiblichen Figuren. Den koloristischen Höhepunkt stellt der Rot-Gold-Schwarz - Kontrast der Zickzackbänder am Kopfschmuck der zentralen weiblichen Figur (Abb. 2) dar, wodurch die Bildmitte effektvoll betont und die extreme Horizontalwirkung der Komposition etwas gemildert wird. Dieses farblich delikate Motiv wird in der Ornamentik am oberen Bildrand aufgegriffen und abgeschwächt auch in den seitlichen Bildzonen wiederholt. Der intensive Türkiston dominiert nicht nur den Torso in der obersten Bildzone, sondern wird auch zur inneren Gestaltung der Haare der weiblichen Figuren verwendet.

Gerade im Zusammenwirken der zarten, fast körperlosen Figuren und der kräftigen Farbakzente bei den geometrischen Ornamenten zeigt sich bereits die stilistische Eigenart Egon Schieles und seine bewußte Ablösung vom Jugendstil.

Der Einfluß von Gustav Klimt (1862 - 1918 Wien) auf den knapp 18-jährigen Schiele ist im gegenständlichen Werk unübersehbar, Komposition und Figurengestaltung orientieren sich an Klimts Ölgemälde "Wasserschlangen II" (Freundinnen) von 1904, umgearbeitet 1907, Öl auf Leinwand, 80 x 145 cm, Privatbesitz. (Abb. 3, 4) Unübersehbar ist jedoch auch die für Schiele typische Umwandlung der Vorlage, sein Weg zum Expressiven und Abstakten: Die schmiegsamen, welligen Formen Klimts werden bei Schiele eckig, die Körperlichkeit löst sich auf, die Komposition wird insgesamt weniger gefällig, dafür konzentrierter und expressiver. Bereits 1907 hat Schiele eine Version der "Wassergeister" geschafften (Wassergeister I, Kallir Nr. 107, heute in Schweizer Privatbesitz befindlich, Abb. 5), in der die Anlehnung an das Klimt'sche Vorbild noch deutlicher spürbar ist: Die Figuren wirken bei weitem körperhafter, plastischer, sind in den Details auch noch genauer durchgestaltet und weisen die weiche, sinnliche Linienführung des Vorbilds auf. Etwa ein halbes Jahr später entstand die vorliegende Fassung: Nun werden die Konturen stellenweise von markanten Ecken unterbrochen (Nase, Kinn und Brüste der Nixen sind spitz gezeichnet), dazu treten Konkavbögen auf . Die Figuren werden in dieser Fassung derartig in die Fläche gesetzt, daß sie fast wie ausgeschnitten und aufgeklebt anmuten. (Vgl. R. Leopold, 1972, S. 38). Ein gravierender Unterschied liegt auch in der Darstellung der Bewegung, die in der Komposition von 1908 zum eigentlichen Bildthema wird: Die ursprünglich statische Funktion wird in eine dynamische umgewandelt, die Bewegungsintensität nimmt zu, die Gestalten werden in einen Sog zum rechten Bildrand hineingedrängt. Selbst die aus Streifen und pfeilartigen Zickzacklinien gebildete Ornamentik betont die Richtung der fließenden Bewegung. (Vgl. Mitsch, 1987, S. 23 f.) Der Kontrast zwischen den beiden Arbeiten dokumentiert die unglaublich rasche Entwicklung des jungen Künstlers.

Beeinflußt wurde Egon Schiele sicherlich auch durch das bereits 1903 entstandene Werk "Zug der Toten" von Gustav Klimt, Öl auf Leinwand, 48 x 63 cm, das bereits 1903 in der Wiener Secession ausgestellt war (1945 in Schloß Immendorf verbrannt, Provenienz: Sammlung Erich Lederer, Abb. 6). Der Zug der horizontal hingestreckten toten Körper vor dem dunklen Hintergrund nimmt bereits die Bildidee der "Wassergeister" vorweg. Klimt bedient sich hier des Gestaltungsmittels der "Ausschnitthaftigkeit", um den Bewegungsfluß der Figuren zu betonen. Außerdem läßt er die Körper mit den hellen Wellenbändern zu einer Masse verschwimmen, wodurch sie ihre Individualität verlieren. Schiele führt die Abstraktion noch viel weiter, bei ihm dominieren die Farbakzente der Ornamente über die Plastizität und Körperlichkeit der Figuren. Bewußt setzt er die intensiven Farbtöne bei Kleidung und Kopfschmuck ein, während er die Körper und Gesichter seiner Figuren nur mit Farbstift zart gestaltet. Von dem Klimt'schen Vorbild bleibt nur noch die Idee spürbar.

"Wassergeister II" dokumentiert die Auseinandersetzung des jungen Schiele mit dem Werk Gustav Klimts, seinem großen Vorbild. Neben der unübersehbaren Einflußnahme der Klimt'schen Bildidee wird auch bereits deren Überwindung spürbar, und somit die beginnende Abkehr von der Formensprache des Jugendstils. "Wassergeister II" stellt somit einen wichtigen Markstein im Oeuvre Egon Schieles dar und wurde auch in der Fachliteratur mehrfach gewürdigt. Das in Wiener Privatbesitz befindliche Werk wurde im Rahmen eines Ausfuhrverfahrens unter Denkmalschutz gestellt.


Literatur

Dorotheum Wien: 546. Kunstauktion, 5. Dezember 1959, Kat.Nr. 235
Otto Kallir: Egon Schiele. Oeuvre- Katalog der Gemälde, Wien 1966, S. 158, Nr. 65, dort als "Märchenwelt" angeführt, Abb. S. 159
Rudolf Leopold: Egon Schiele. Gemälde - Aquarelle - Zeichnungen, Salzburg 1972, S. 38, Abb. Nr. 120, Tafel 9
Erwin Mitsch: Egon Schiele. 1890 - 1918, Salzburg und Wien 1987, S. 23 f. , Tafel 1
Jane Kallir: Egon Schiele: The Complete Works, New York 1990, S. 281, Abb. 107

Zur Beziehung Gustav Klimt - Egon Schiele:
Otto Breicha: Schließlich endlich doch noch. Zur Aufnahme der Kunst Egon Schieles. In: Serge Sabarsky: Egon Schiele - 100 Zeichnungen und Aquarelle. Stuttgart 1988, S. 38 f.
Heinrich Benesch: Mein Weg mit Egon Schiele (1943) In: Erwin Mitsch: Egon Schiele in der Albertina, 345. Ausstellung, Wien, September - November 1990, S. 28
Rudolf Leopold: Egon Schiele. In: Ausstellungskatalog "Menschenbilder -Egon Schiele und seine Zeit. Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum, Innsbruck 1998/1999, S. 11
Zu den angeführte Werken von Gustav Klimt:
Fritz Novotony/ Johannes Dobai: Gustav Klimt, Salzburg 1967, S. 330, Nr. 131, sowie S. 334/335, Nr. 140


Letztes Update: 19.03.2003 © Copyright 2003 BUNDESDENKMALAMT



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