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Lovelight zwischen Robbie Williams und Semper

© BDA, Fotografin: Bettina Neubauer

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© BDA, Fotografin: Bettina Neubauer

© BDA, Fotografin: Bettina Neubauer

Ein schwarzes Diplomatenfahrzeug fährt mit Motorradeskorte vor. 200 attraktive, in hautenge Uniformen gezwängte und äußert ernste Soldatinnen shaken zu einem funky-elektronischen, coolen, lässigen Dancefloor-Kracher. Security bewacht die Eingänge.

Angeblich wird ein Werbespot für eine Schokoladenfirma gedreht. Erst später wird bekannt, dass Popstar Robbie Williams im Rahmen seiner zwei Konzerte (August 2006) in Wien die Gelegenheit nutzt, 2 Tage lang geheim sein Video für den Song „Lovelight“ in einer der coolsten Locations Wien zu drehen, nämlich dem Semper-Depot in der Lehárgasse 6-8 in Wien-Mariahilf. Der Song "Lovelight" aus dem aktuellen Album "Rudebox", an dem auch die Pet Shop Boys, William Orbit, Soul Mekanik, Disko-House-Produzent Joey Negro sowie der in New York lebende DJ und Starproduzent Mark Ronson mitwirkten, ist übrigens ein Cover des gleichnamigen Soul-Songs von Lewis Taylor.

Hier geht’s zum Video:

Die Location für Robbies Videodreh wurde nicht zufällig gewählt. Hinter abweisenden Mauern birgt der Zweckbau einen der bemerkenswertesten Innenräume des Wiener Historismus. Das ehemalige K.k. Hoftheater-Kulissendepot ist der einzige erhaltene Nutzbau von Gottfried Semper und wurde von diesem zusammen mit seinem Wiener Partner Carl von Hasenauer ab 1873 errichtet. Mit der Verwendung von Sichtziegelmauerwerk für die Außenhaut und Gusseisenstützen mit Holzbalkendecken für die Binnenstruktur hat Semper einen Zweckbau auf der Höhe seiner Zeit geschaffen. Der sogenannte Prospekthof, in dem das Video hauptsächlich spielt, am Schmalende des Gebäudes – bis ins Dach offen und von filigranen, 6 Meter hohen, gusseisernen Säulen in allen Geschossen umstanden – vermittelt ein bis heute überraschendes Raumerlebnis.
Nach dem Auszug der Theaterwerkstätten 1952 stand das Kulissendepot leer, bis die Technische Universität das Gelände für Erweiterungsbauten übernahm. Eine Planung für den Neubau von Institutsgebäuden rechnete bereits mit dem Abbruch des Kulissendepots. Das Bundesdenkmalamt lehnte ein Abbruchansuchen mit dem Hinweis auf die architekturhistorische Bedeutung des Objekts ab. Der Berufung des Eigentümers wurde jedoch in zweiter Instanz stattgegeben, weil die feuerpolizeilichen Probleme als unlösbar galten. So schien das Gebäude verloren, obwohl seine Denkmaleigenschaften nicht grundsätzlich in frage gestellt worden waren. Wenig später fand aber ein Meinungsumschwung statt, und das Professorenkollegium der Technischen Universität sprach sich einstimmig für eine Erhaltung aus. Dabei spielte Ernst Hiesmayr, damals Rektor der TU-Wien, eine wichtige Rolle. Neue Nutzungsmöglichkeiten als Atelierhaus, Museum oder Bazar wurden diskutiert und in Projektarbeiten und einer Ausstellung vorgestellt. Fallweise fanden im Kulissendepot kulturelle Veranstaltungen statt. 1990 wurde das Bauwerk der Hochschule für Bildende Kunst übergeben und in der Folge bis 1996 für Zwecke eines Atelierhauses adaptiert und restauriert (Architekt: Carl Pruscha; Leitung der Restaurierung: Wolfgang Baatz; Auftraggeber: BIG-Bundesimmobilien Ges.m.b.H.).
Die feuerpolizeilichen Auflagen konnten mit einer modernen, außen zugebauten Fluchtstiege erfüllt werden. Nun ist auch Sempers beeindruckender Prospekthof, der der Öffentlichkeit vorher nahezu unbekannt war, wieder zugänglich.
Bei der Instandsetzung wurde soweit wie möglich die natürliche Patina belassen, auch die Fassaden konnten unverfälscht erhalten bleiben: Einschusslöcher, ausgeschlagene Ecken und Patina zeugen heute noch vom Alter und der bewegten Vergangenheit des Gebäudes.
Der ungewöhnliche Grundriss des bedeutenden Zweckbaus des Historismus, der einem Dreieck mit abgeschnittener Spitze entspricht, resultiert aus dem fächerförmigen Grundstück. Die lange Front an der Lehárgasse ist in zurückhaltenden Neorenaissance-Formen gestaltet.

Falls der „beste Entertainer Europas“ mal wieder einen interessanten Ort als Videokulisse braucht, unter Wiens Denkmälern wird er sicher wieder fündig.



Buch zum Semperdepot:
"Das Semper-Depot", Die Adaptierung des Semper'schen Kulissendepots in Wien zum Atelierhaus der Bildenden Künste. Hrsg. Von Carl Pruscha, Prestel Verlag, 1997

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