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Oktober
Egon Schiele: "Glockenhaus" signiert und datiert rechts unten „Egon Schiele 1912“, Bleistift, Aquarell und Deckfarben auf Papier, 48,2 cm x 32 cm, ehem. Sammlung Reininghaus; Privatbesitz Wien

Egon Schiele, Glockenhaus

Das "Glockenhaus" (Bet- bzw. Versammlungshaus der Bergknappen) in Kleinau, Gem. Reichenau a.d. Rax, Aufnahme 1976

Egon Schiele, 1912, Aufnahme Anton Josef Trcka

Carl Reininghaus, um 1915

Das Gusswerk in Edlach a.d. Rax, um 1870
Bei dem dargestellten Haus handelt es sich um das 1776 vom Stift Neuberg erbaute ehemalige Versammlungshaus (bzw. Bethaus) der Bergknappen in Kleinau (Gem. Reichenau/Rax), einen zweigeschoßigen Bau mit Schopfwalmdach und Lattenschindeldeckung, der bis zur Einstellung des Bergbaues im Jahr 1899 in Verwendung stand.
Ursprünglich gehörte er zum selben „Betrieb“ wie der ehemalige Floßofen in Edlach, - nämlich zum Abbau und zur Verhüttung des Eisensteines am Fuße der Rax. Typisch ist die bereits seit dem 16. Jahrhundert im obersteirisch-niederösterreichischen Grenzbereich auftretende Form des Knappenhauses auf längsrechteckigem Grundriss. Im Erdgeschoß sind noch Wohneinheiten der Knappen mit Feuerstellen zu erkennen. Der markante Giebel ist heute verbrettert, der Dachreiter wurde in den 70er Jahren rekonstruiert und gibt dem Gebäude den auch heute noch gebräuchlichen Namen „Glockenhaus“. Das in Schieles Aquarell von 1912 dokumentierte Erscheinungsbild des unter Denkmalschutz stehenden Gebäudes konnte bis heute bewahrt bzw. im Rahmen einer Restaurierung wiederhergestellt werden.
Schieles Zeichnung zeigt die Giebelseite des „Glockenhauses“ mit vorgestelltem Holzzaun und einigen kahlen Bäumchen im Vordergrund. Mit sparsamem, aber sicherem Strich umreißt der Künstler das malerische alte Gebäude in seiner Unregelmäßigkeit, hebt zwei der Fenster und den Schornstein farblich markant hervor, deutet andere Details bewusst nur an. Unübersehbar sind die Bezüge zur menschlichen Physiognomie in der Fassadengestaltung - die beiden an Augen erinnernden Fenster, das Gesims, das die Giebelzone als „bekrönten Hut“ erscheinen lässt. Schieles Architekturdarstellungen beschränken sich meist nicht auf eine wirklichkeitsgetreue Wiedergabe von Gebäuden: Sie sind Ausdruck der psychischen Befindlichkeit des Künstlers, wecken aber auch Emotionen beim Betrachter. Das „Glockenhaus“-Aquarell von 1912 vermittelt ein Gefühl von unendlicher Ruhe und Abgeschiedenheit, zugleich aber auch einen Hauch von Einsamkeit und Melancholie. Gerade die formale Schlichtheit und die Sparsamkeit der farbigen Akzente machen den Charme dieser äußerst sensiblen Architekturzeichnung aus.
Das Aquarell entstand im Mai 1912 während eines gemeinsamen Semmeringaufenthaltes mit dem väterlichen Freund Carl Reininghaus, einem Grazer Industriellen und Kunstsammler, der großer Bewunderer und Förderer Schieles war. Er war es auch, der dem jungen Künstler nach dessen Verhaftung wegen angeblich versuchter Entführung einer Minderjährigen im April 1912 einen Strafverteidiger und finanzielle Mittel zur Verfügung stellte. Im Wien-Museum befindet sich eine ebenfalls 1912 datierte Porträtzeichnung „des auf einer Wiese schlafenden Carl Reininghaus“, die nicht nur den gemeinsamen Aufenthalt von Künstler und Porträtiertem in der Semmeringgegend bezeugt, sondern auch auf ein gewisses Naheverhältnis der beiden schließen lässt. Der eigenwillige, doch sehr einflussreiche Sammler hatte seinen psychisch schwer getroffenen Schützling zu einem Landaufenthalt auf den Semmering eingeladen. Er blieb Egon Schiele auch bis zu dessen Tod 1918 freundschaftlich verbunden.
Das „Glockenhaus“-Aquarell stammt aus der Sammlung Carl Reininghaus, die leider nach dem Tod des Industriellen auseinander gerissen und in alle Winde zerstreut wurde. Es zählt zu den gelungensten Architekturdarstellungen Schieles aus dem Jahr 1912 und dokumentiert außerdem den historischen Zustand eines niederösterreichischen Baudenkmals (und Bergbau-Denkmals). Im Rahmen eines Ausfuhrverfahrens wurde das Aquarell unter Denkmalschutz gestellt und gelangte in Wiener Privatbesitz. Bis Ende Jänner 2005 war es auf der Ausstellung „Egon Schiele – Landschaften“ im Wiener Leopold-Museum zu sehen.
Literatur:
* Rudolf Leopold: Egon Schiele – Landschaften. Ausstellungskatalog Museum Leopold, Wien 2004, S. 104/105
* Jane Kallir: Egon Schiele: The Complete Works. New York 1990, WV Nr. 1203
* Otto Benesch: Egon Schiele als Zeichner, Wien 1951, S. 10, Farbtafel
Letztes Update: 01.10.2004 © Copyright 2004 BUNDESDENKMALAMT
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