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Zisterne am Ulrichsberg bei Frauental
Führung durch eine konservierte mittelalterliche Zisternenanlage

Mittelalterliche Zisterne am Ulrichsberg

Kirche St. Ulrich am Ulrichsberg vom Westen aus.

Schloss Frauenthal aus dem 17. Jahrhundert am Fuße des Ulrichsbergs.
Mit einer Führung gelangen Sie in die ausgegrabene und konservierte Zisterne der mittelalterlichen Wehranlage neben der Kirche St. Ulrich.
Führungen um 11 und 14 Uhr durch den Archäologen Dr. Manfred Lehner (Universität Graz), zugänglich 9–18 Uhr.
Treffpunkt: Kirche St. Ulrich (Anton Steffan 0676/4600058)8530 Deutschlandsberg.
8530 Deutschlandsberg
Am Vorplatz der Kirche St. Ulrich am Ulrichsberg, der sich östlich von Deutschlandsberg nur knapp 30 m über dem Talboden erhebt, befindet sich eine im Frühjahr 1998 von Mitarbeitern des BDA, des Archäologischen Instituts der Universität Graz und des Burgmuseums Deutschlandsberg (Grabungsleitung M. Lehner) freigelegte mittelalterliche Wassergewinnungsanlage. Die weder eindeutig als Brunnen noch als Zisterne zu interpretierende Anlage zeichnet sich durch ihre den örtlichen Gegebenheiten optimal angepasste Konstruktion von geradezu „genialer Einfachheit“ (Zitat der Ausgräber) aus, sodass sie sich auch heute noch - beinahe ein Jahrtausend (!) nach ihrer Errichtung (in der 1. Hälfte des 11. Jhs.) und über 850 Jahre nach ihrer Aufgabe (Mitte des 12. Jhs.) - als voll funktionstüchtig erweist!
Die vielleicht am treffendsten als ‚Sickerbrunnen’ zu bezeichnende Anlage wird nämlich nicht vom Grundwasser, sondern durch das bei Regen einsickernde und durch die anstehenden Schichten gefilterte Hangwasser gespeist - unmittelbar nach Grabungsende war der voll-ständig ausgenommene, ca. 4 m tiefe, am oberen Rand 3,2 m, am Boden immerhin noch 2,3 m im Durchmesser erreichende Brunnenschacht wieder mit einem Meter besten Trinkwassers gefüllt!
Eine weitere Besonderheit der Ulrichsberger Wassergewinnungsanlage sind zwei am Boden des Brunnenschachtes abgehende, fast mannshohe und ca. einen halben Meter breite Gänge, die nach Norden bzw. Westen führen, wobei der nördliche Gang stark abfällt und nach wenigen Metern verbrochen ist. Der westliche, ebenere Gang findet nach ca. 6 - 8 m einen geraden Abschluss, eine unmittelbar vor seinem Eingang in der Sohle des Hauptschachtes angebrachte rechteckige Vertiefung lässt sich vielleicht als Schöpfbecken deuten. Die Nutzung des Brunnens erfolgte wohl mittels einer Leiter, mit deren Hilfe man in den Schacht hinabstieg, wobei zumindest der tiefergelegte Nordgang immer Wasser führte, während bei länger anhaltenden Regenfällen das Wasser auch im Hauptschacht anstieg (wie übrigens auch die Grabungsmannschaft am eigenen Leib erfahren musste!). Die Frage ob der nördliche und, wie bereits erwähnt, nach wenigen Metern verbrochene Gang in einen weiteren, als Wasserentnahmestelle nutzbaren Schacht mündete, der - weil überdacht und gewartet - auch noch über die 2. Hälfte des 12. Jhs. hinaus genutzt werden konnte, muss freilich offen bleiben. Diese Vermutung führt uns aber zu der grundsätzlichen Frage, in welchem baulichen Zusammenhang die aufwändige Brunnenanlage am Ulrichsberg einst stand und welchem Umstand sie ihre Entdeckung verdankt.
Stein des Anstoßes (im wahrsten Wortsinn) war ein im Februar 1998 bei Drainagierungsarbeiten um die Kirche St. Ulrich unmittelbar vor der Kirchenfassade im Westen freigelegter Mauerzug, der sich (nach eineinhalbmonatiger Grabungskampagne) als Teil einer trapezförmigen, den heutigen Kirchenvorplatz einnehmenden Hofanlage von 5,7 x 7 bzw. 8 m erweisen sollte, die später noch um ca. 2,5 m nach Süden hin erweitert wurde. Die in weiten Teilen ausgerissenen Fundamentmauern setzten sich auch nördlich des Hofes - in dessen Südwest-Ecke sich die oben beschriebene Brunnenanlage befand und den man deshalb wohl als ‚Brunnenhof’ bezeichnen könnte - fort, und zwar als Fundamentmauern eines großen, Ost-West-orientierten, annähernd rechteckigen Baus von über 5 m Breite und einer Länge von rund 17 m, der von den Ausgräbern als „Festes Haus“, also als Wehrbau gedeutet wurde. Ob die aufgehenden Wände aus Holz oder Stein gebildet waren und ob der Bau über mehrere Geschoße verfügte, lässt sich aufgrund der geringen Reste nicht mehr entscheiden.
Die Ausgräber sehen sich jedenfalls die Annahme bestätigt, dass es sich bei der gesamten Anlage auf dem Deutschlandsberger Ulrichsberg um die in der ottonischen Schenkungsurkunde an den Salzburger Erzbischof aus dem Jahre 970 überlieferte slawische curtis Vdulenvidor (dolenij dvor, eingedeutscht „Nidrinhof“) handeln könnte, die u. a. auch bereits mit einem Vorgängerbau des unmittelbar östlich unterhalb des Ulrichsberges gelegenen Schlosses Frauenthal in Verbindung gebracht worden war …
Abschließend lässt sich für die Anlage am Ulrichsberg vielleicht folgender historischer Ablauf rekonstruieren: Eine wohl bereits seit dem frühen 9. Jh. bestehende slawische ‚curtis’ wurde in der 1. Hälfte des 11. Jhs. (1012?) durch einen Steinbau mit aufwändiger Brunnenanlage und einer dem (993 heilig gesprochenen Ungarnbezwinger) Ulrich geweihten Burgkapelle ersetzt, die möglicherweise auf einer älteren Hofkapelle St. Markus basiert. Diese erste Burgphase reichte bis in die Mitte des 12. Jhs., ehe es nach einer kurzen Unterbrechung – in deren Verlauf auch der Brunnenschacht unbenutzbar wurde – nach 1153 zu einem Umbau der Burg samt Hoferweiterung kam. Nach nur einem weiteren halben Jahrhundert endete auch diese zweite Nutzungsphase und spätestens zu Beginn des 13. Jhs wurde die Burg endgültig aufgegeben, geschleift und die Steine der Burgmauern für den Neubau der (romanischen) Kirche verwendet, die die Tradition der alten Burgkapelle St. Ulrich bis heute aufrecht hält; im späten 15. Jh. kam es zum Anbau des gotischen Chors und Mitte des 18. Jhs. zur Barockisierung der Kirche, in deren Verlauf übrigens auch der Kirchenvorplatz planiert wurde.
Die von den Ausgräbern ausgesprochene Vermutung, dass der in den Jahren 1144 und 1147 urkundlich noch als ‚Friedrich von St. Ulrich, Sohn des Poppo’ genannte Burgherr derselbe ist, der 1153 bereits als ‚Fridericus de Lonsperch’ auftritt, dass also Herr Friedrich seine alte, unmoderne ‚curtisartige’ Burg auf dem Ulrichsberg aufgab, um in die neu errichtete, 3,5 km weiter westlich am Talrand gegenüber auf steilem Felsgrat gelegene repräsentativere und zeitgemäßere ‚echte’ Höhenburg Landsberg umzuziehen, hat gewiss einiges für sich. Warum aber die durch die Umbauarbeiten im Hofbereich bezeugte zweite Nutzungsphase der alten Burg auf dem Ulrichsberg (durch einen neuen Ministerialen?) nur noch ein halbes Jahrhundert andauerte, ehe sie zu Beginn des 13. Jhs. endgültig aufgegeben wurde, diese Frage muss freilich dahingestellt bleiben …
Ortwin Hesch
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