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Mai
Pfarrkirche Sollenau

Kirchenraum nach der Restaurierung, Foto H. Laas

der spätromanische Ostturm, Foto BDA

Die Pfarrkirche heute, Foto BDA

Ansicht der Kirche bis 1887

Kirchenraum (von1968 bis 2007) vor der Restaurierung, Foto H. Laas


Rahmen eines Kreuzwegbildes vor der Restaurierung

Restauriertes Kreuzwegbild
Die Restaurierung brachte wertvolle Hinweise zu 750 Jahren Baugeschichte.
Anlässlich des 2008 zu feiernden 850-Jahrjubiläums der Ersterwähnung des Ortes erfolgte 2006 bis 2008 an der Pfarrkirche eine umfangreiche Innenrestaurierung, bei der der prunkvolle Kirchenraum wieder hergestellt wurde. Neben der Konservierung der Inneinrichtung und Altäre umfassten die Restaurierungsarbeiten vor allem eine Wiederherstellung der 1968 (gegen den Widerstand des Bundesdenkmalamtes) entfernten Raumschale. Die nach detailreichen Vorarbeiten renovierte Kirche erhielt nach historischem Befund eine prunkvolle Färbelung, die den Zeitgeschmack des mittleren 16. Jahrhunderts wieder erlebbar macht. Ein besonderes Highlight stellt der hochbarocke Kreuzweg dar, dessen zerschlissene Bilder und stark fragmentierte Rahmen in aufwändiger Kleinarbeit konserviert wurden. Die vergilbten und übermalten Teile des komplexen Hochaltarensembles wurden wieder zu einer Einheit geformt, die dahinter gelegene, im Krieg stark fragmentierte Lorettokapelle wurde mit Hilfe eines barocken Baldachins wieder als krönender Mittelpunkt des Hochaltars rekonstruiert. Nicht zuletzt erhielt die Kirche eine behindertengerechte Erschließung.
ImRahmen der Restaurierung ergaben sich wertvolle Hinweise zur Baugeschichte:
Ein erster Gründungsbau
An einer in frühe Zeit zurückgehenden überregionalen Nord-Südstraße entlang der Ostalpen (der heutigen B17) entwickelte sich im 12. Jahrhundert bei einer Furt über den österreichisch-steirischen Grenzfluss Piesting ein kleiner Zollort. Um 1166 ist hier isoliert der steirische Ministeriale „Ebermann de Salchenowe“ fassbar, in der Folge urkundeten vor Ort jedoch die österreichischen Herzöge. Um 1180 gehörte Sollenau zur in Mödling sitzenden Seitenlinie der Babenberger.
Der die Kirche einst oval umgebende ehemalige Friedhof, der bis ins 19. Jahrhundert von einer hohen Schartenmauer sowie einem zweifachen Grabenring beschützt war, wird in der Literatur als hochmittelalterliche Burg-Kirchenanlage bezeichnet, wie sie am Ostrand des Wienerwaldes oftmals zu finden seien. Die zentrale Lage der Kirche deutet hingegen eher auf eine rein sakrale Nutzung, der Friedhof dürfte erst im Zuge nachmittelalterlicher Gefahren (Ungarn, Kuruzzen, Türken) befestigt worden sein.
Am außen großteils einsehbaren Kirchenmauerwerk zeichnet sich an der Nordseite ein etwa 18,6 m (10 Klafter) langer und ca. 1,5 m hoher älterer Sockel ab, der durch sein exaktes Großquadermauerwerk hervorgehoben ist. Diese an der Pfarrkirche isoliert auftretende steinmetzmäßig sorgfältig gearbeitete Struktur zeigt Parallelen zu regionalen Sakralbauten des mittleren 12. Jahrhunderts und könnte demnach entsprechend früh zu datieren sein. Da näher zuordenbare Baudetails sowie weitere Mauern fehlen, müssen bis zu entsprechenden archäologischen Forschungen Ausdehnung und Alter dieses wohl ersten Kirchenbaus offen bleiben.
Ein hochromanischer Großbau
Mit der Übernahme der Steiermark durch die Babenberger 1192 verlor Sollenau die Zollfunktion, zudem wurde Wiener Neustadt als geräumiges Wirtschaftszentrum des Steinfeldes in der Nachbarschaft neu angelegt, wodurch der Ort an Bedeutung einbüsste. Jedoch erbrachte die parallel dazu ausgebaute und stark frequentierte Straße in die Steiermark stetig wachsende Mautgebühren. So wuchs die Siedlung, deren Kirche um 1220 gewisse Pfarrfunktionen erhielt.
In die Zeit des frühen 13. Jahrhunderts datiert auch ein Großausbau der Kirche, der faktisch einem Neubau gleich kam. Auf einer fast quadratischen Fläche von etwa 18,6 x 20 m wurde eine dreischiffige Basilika mit Westjoch errichtet, deren Mauern bis heute beinahe vollständig erhalten sind. Der allgemein grob blockhaft zugerichtete Verband zeigt nur an den Kanten und Gewänden exakt gearbeitete Quader, am Dachboden hat sich großflächig die primäre Oberfläche als „pietra rasa“ mit Wannenverstrich bzw. Kellenritzung bewahrt. Bis zur nunmehrigen Innenverputzung waren im Mittelschiff ebenso wie in den angrenzenden Dachböden die vermauerten Oberlichten mit doppelt konischen Öffnungen erkennbar; zwei an der Südseite als „Teufelsloch“ spoliert verbaute analoge Rundbogenüberlager lassen am Hauptschiff eine Reihe von Rundbogenfenstern rekonstruieren. Dieses mittlere Schiff wird durch je zwei Rechteckpfeiler von den flankierenden Seitenschiffen geschieden. Nach Osten schließt in gleicher Kämpferhöhe ein rundbogiger Triumphbogen an, der wohl zu einer nunmehr verschwundenen Apsis (oder einem weiteren Chorquadrat) führte. Die zwei benachbarten ebenfalls runden Bögen der Seitenschiffe sind aus Ziegeln gebaut, hier könnte es jedoch schon zu Beginn kleine Apsiden gegeben haben. Bemerkenswert ist nicht zuletzt ein nach Westen um 4 m vortretendes mittleres Joch, das sich an der Fassade sowie im Dachboden deutlich als primär abzeichnet. Vielleicht gab es hier ebenerdig einen kleinen vorgesetzten Nartex und darüber eine Herrschaftsempore, ein turmartiger Aufbau ist aufgrund des erhaltenen Giebelansatzes jedenfalls auszuschließen. Im Dachboden zeichnen sich allseits oberhalb des gotischen Gewölbes Reste des älteren Kirchenverputzes ab, der ehemalige Tramdecken nachzeichnet. Demnach lässt sich diese Bauphase als dreischiffige Basilika mit Westvorbau, Ostabschluss und Flachdecken rekonstruieren. Zur Datierung geben die hochromanischen Arkadenbögen, Gesimsesteine mit Rollwerk und Rundbogenfenster den großen Rahmen vor. Das blockhafte Mauerwerk mit reduziertem Quadereinsatz zeigt direkte Analogien zu benachbarten Großbauten vor/um 1200, etwa in Gutenstein, Starhemberg und Emmerberg, so dass hier eine regionale Absicherung gegeben scheint. Ein wertvolles Indiz könnte zudem in einem sekundär am Ostturm verbauten Relief zu finden sein. Das die Marter des hl. Laurentius darstellende kastenförmige Kunstwerk ist auf benachbarte ungarische Vorbilder des frühen 13. Jahrhunderts zurückzuührten.
Der spätromanische Ostturm
1236 übernahm Herzog Friedrich II. (1230-1246) mit dem Erbe der Mödlinger Babenberger auch „...Salchenowe...unde allez daz aeigen daz dar zu gehort“. Dieser letzte Babenberger, der als „der Streitbare“ in die Geschichte einging, konnte aufgrund innenpolitischer Widerstände erst um 1239 seine Regentschaft konsolidieren. In der Folge initiierte er ein weitreichendes landesfürstliches Bauprogramm, das bei seinem unerwartet frühen Tod 1246 erst zum Teil fertig gestellt war. Vor allem entlang der damaligen Grenze des Römischen Reichs nach Ungarn entstanden zahlreiche signalhafte Profan- und Sakralbauten, die offensichtlich dem herzoglichen Wunsch nach architektonischer Präsenz entsprachen. Benachbart ist etwa Wiener Neustadt mit der Viertürmeburg sowie dem Domausbau hervorzuheben.
Auch an der Pfarrkirche von Sollenau zeichnet sich eine repräsentative Erweiterung ab: der alte Ostabschluss (wohl nur eine einfache Apsis) wurde abgetragen und durch einen monumentalen Ostturm ersetzt. Dieser 8 m breite Bau mit Mauerstärken um 1,7 m zeigt eine gestufte Fassade mit Ecklisenen und eingesetzten Wandfeldern mit Bogenfries auf Lilienschenkeln sowie Zahnstab. Über dem spitzbogigen gestuften Fenster des Chorraumes sitzt ein Schartengeschoß, den Abschluss bildet ein Glockengeschoß mit drei spitzbogigen Biforen auf Knospenkapitell-Säulchen. Direkt über diesen Biforen reißt das Quadermauerwerk stufenförmig und ohne Felderabschluss ab. Es folgt eine kleine unregelmäßige Aufmauerung aus inhomogenem Bruchstein, die offensichtlich einen übereilten Bauabschluss markiert. Daraus kann geschlossen werden, dass der Turm nicht wie geplant fertig gestellt werden konnte, der Grund dürfte der überraschende Tod des Bauherrn 1246 gewesen sein.
Im Inneren wurde nur das ebenerdige Chorgeschoß vollständig ausgeführt. Es zeigt ein Kreuzgewölbe aus schweren Rundwulst-Bandrippen auf Ecksäulen. Diese haben Tellerbasen und sekundär zu Halbtöpfen abgeschlagene ehemalige Kelchknospenkapitelle.
Die Baudetails des Turms erlauben direkte Analogien zu anderen landesfürstlichen Baustellen. So ist das Gewölbe mit den Rippen und Ecksäulen direkt mit dem Hauptturm des herzoglichen Kastells in Bruck an der Leitha verwandt. Die Fassadengliederung mit dem Feldersystem, den spitzbogigen Biforen und vor allem dem Lilienbogenfries ist gleich dem Mödlinger Karner ausgeführt, die gestuften Chorfenster passen zu Himberg. Auch das grob zugerichtete Quadermauerwerk lässt sich gut mit den zeitgleichen Bauten vergleichen. Somit kann in Sollenau ein weiterer Bau Friedrichs belegt werden, dessen Intention wohl die symbolische Präsenz des Herzogs im Steinfeld war. Durch den vorzeitigen Abbruch der Arbeiten muss offen bleiben, welche sonstigen architektonischen oder gestalterischen Maßnahmen noch geplant waren.
Ein gotischer Turmausbau
Nach einer langen offenbar wenig baufreudigen Zeit erfolgte erst ab dem ausgehenden 15. Jahrhundert in mehreren Etappen eine prägende Gotisierung. Den Anfang machte man offenbar im Ostturm, der einen zweigeschossigen Aufsatz mit neuem Läuthaus auf gesamt 38 m Höhe erhielt. Das kleinteilige Bruchsteinmauerwerk mit Eckquaderung und Rüstholzraster zeigt ebenso zeittypische Elemente wie die schmalen gefasten Spitzbogenfenster. Nur grob in die Gotik datierbar sind die zwei polygonalen Seitenkapellen, zu denen Altarstiftungen des frühen 16. Jahrhunderts passen.
Wiederaufbau nach dem ersten Türkeneinfall
1529 wurden Ort und Kirche von den Türken zerstört, was bei der Innenputzabnahme 1967 auch mit entsprechenden Brandspuren einer ehemaligen Holzdecke belegt scheint. In der Folge blieb die Kirche bis 1560 ohne Pfarrer. Bereits im mittleren 16. Jahrhundert nahm der Ort durch Inbetriebnahme eines Kupferhammerwerkes neuen Aufschwung, die Kirche wurde nach 1560 durch die protestantische Herrschaft zu einen überregional bedeutenden evangelischen Gebetsort (bis 1625) ausgebaut. Um 1570 wurde das Kirchenschiff eingewölbt, wofür die Seitenwände erhöht (bzw. im Süden neu aufgemauert) und mit Außenpfeilern verstärkt wurden. Das Mittelschiff erhielt halbrunde Wandvorlagen, nach Westen wurde eine einheitliche Hauptfassade mit Innenempore vorgesetzt und die Arkaden innen homogen erweitert. Die kreuzförmigen Rippengewölbe erhielten tartschenförmige Schlusssteine. Die zahlreichen spätgotischen Details werden von klassizierenden Elementen der Frührenaissance begleitet, die etwa an den Gewölbekämpfern, aber auch den terrakottafarbenen Rippen deutlich hervortreten. Den Abschluss bildete ein monumentales Satteldach, das auf historischen Ansichten dokumentiert ist und sich als Abdruck noch an den Giebelwänden abzeichnet. Die Fassade des 16. Jahrhunderts mit geritzter Quaderung hat sich einzig in einem kleinen sekundären Treppentürmchen erhalten.
Beim Wiederaufbau vergaß man militärische Notwendigkeiten offenbar nicht. So dürfte in diese Zeit die Befestigung des Friedhofs sowie die Anlage zweier Wassergräben gefallen sein. Die zugehörige Brücke vom ebenfalls geschützten Pfarrhof zur Kirche blieb im angrenzenden Keller erhalten. Weiters ist eine Bewehrung des Kirchturms mit Ecktourellen skizzenmäßig überliefert, sie muss aufgrund des homogenen Mauerbefundes sekundär angesetzt worden sein. Tatsächlich konnte sich die Bevölkerung bei der zweiten Türkengefahr 1683 erfolgreich bei der Kirche verschanzen.
Jüngere Veränderungen
Aus dem frühen 17. Jahrhundert datiert das südliche Kirchenportal mit Pilastern und dominantem Giebelaufbau. 1711 wird Sollenau in einer Skizze festgehalten, zu sehen ist ein zinnenbewehrter Kirchhof mit Turmanbau (Karner?). Erst in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts kam es wieder zu einem größeren Renovierungsschub. Allem voran wurde das Kirchendach durch Aufmauerung von Dachbodenarkaden basilikal gestaffelt. Der Turm erhielt einen hohen Zwiebelhelm. Nach der Pfarrregulierung durch Kaiser Josef II. wurde 1784 ein neuer Hochaltar mit einem Bild von Johann Muz errichtet. Darunter leitete ein Gitter ins Chorquadrat zu einer Lorettogruppe des frühen 18. Jahrhunderts, die im 2. Weltkrieg weitgehend zerstört wurde. Bei der Restaurierung 2008 wurde das Figurenensemble mit Versatzstücken reduziert wiederhergestellt. Aus dem Barock stammen weiters zahlreiche Grüfte, die bei den laufenden Arbeiten dokumentiert werden konnten.
Im Jahr 1856 erfolgte eine umfangreiche Kirchenrenovierung, bei der die Westfassade eine neogotische Gestalt erhielt. 1887 musste nach einem Brand das gesamte Kirchen- und Turmdach samt Glocken erneuert werden, der Turm erhielt seine heutige Zeltform.
1957 wurde ein neuer Windfang eingebaut, 1958 entfernte man an der Westfassade die neogotischen Aufbauten und rekonstruierte das Portal in neoromanischer Manier, 1967/68 erfolgte schließlich die Freilegung der Innenmauern von Verputz, der nunmehr wieder ergänzt wurde.
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